Symbolpolitik unter Leuchttürmen

Armer Nachwuchs Die EU macht auf die Nöte von Hunderttausenden Kindern aufmerksam – mehr nicht. In Deutschland gibt es 40 Modellprojekte gegen Kinderarmut

Dieses Mal soll Kevin die Sportschuhe bekommen. Endlich. „Er wird in der Schule so oft ausgelacht wegen seiner Klamotten.“ Entschlossen streift der Blick von Melanie Brückner (Name geändert) über das Angebot des Sportgeschäfts. Der Zehnjährige hat sich längst entschieden und dreht ein Paar Vans in den Händen. Neunundvierzig Euro fünfundneunzig. Leisten kann sich die alleinerziehende Mutter das eigentlich nicht. Aber darauf, dass der Junge zur Zeit so schnell wächst, nimmt ihre prekäre materielle Lage keine Rücksicht.

Es ist schon eine Weile her, da stellte der Europäische Rat klar, „dass das Ausmaß an Armut und sozialer Ausgrenzung nicht hingenommen werden kann“. Seine Forderung an Mitgliedsstaaten und EU-Kommission, „etwas zu unternehmen, um bis zum Jahr 2010 die Beseitigung der Armut entscheidend voranzubringen“, verhallte jedoch weitgehend. Immerhin wurde 2010 zum „Jahr gegen Armut und soziale Ausgrenzung“ ausgerufen – in diesem Rahmen fördert nun das Arbeitsministerium 40 Projekte. „Leuchttürme“, wie Ressortchefin Ursula von der Leyen sagt. 17 davon stellen Kinder und Jugendliche in den Mittelpunkt ihrer Aktivitäten. Es geht um die Stärkung der Betroffenen, darum, Mut zu machen und ein Bewusstsein für ein zunehmendes Problem zu schaffen: die vielen armen Kinder und Jugendlichen in Deutschland.

Wenn Kevin in Eberswalde wohnen würde, könnte er beim „Kinderrechte-Dorf“ mitmachen, einem Sommercamp der Bürgerstiftung Barnim Uckermark. Wenn er in Mecklenburg-Vorpommern lebte, könnte er beim Bau eines Lehmhüttendorfes in der Ziegelei Benzin, einem Industriedenkmal, mithelfen. Wäre Kevin schon etwas älter, dann könnte er im bayerischen Traunstein eine Show über „Armut und soziale Ausgrenzung“ konzipieren oder in einem Münchner Brennpunktviertel bei einem Theaterstück über Gewalt, Liebe und Integration mitspielen. Danach wäre sein Selbstbewusstsein vielleicht ein bisschen stärker. Vielleicht würde er dann keine teuren Schuhe brauchen, um Anerkennung zu finden. An seiner prekären sozialen Lage aber ändern Veranstaltungen wie das „Europäische Jahr“ nichts.

Neben der Stärkung von Selbstbewusstsein und „Schlüsselqualifikationen“ geht es dabei um Aggressionsabbau. Einige der Projekte dienen dazu, die Bildungs- und Berufschancen armer Jugendlicher zu verbessern. Und ganz im Sinne der ministeriellen Förderrichtlinien möchte die „Lernende Region – Netzwerk Köln“ zusammen mit kommunalen Ämtern in der Wanderausstellung „(K)ein Kinderspiel – Wohnen und Aufwachsen in Armut“ über die grassierenden Probleme informieren.

Was es hilft? „In diesem Land leben 2,4 Millionen Kinder mit einem Armutsrisiko“, hat von der Leyen zum Auftakt des Europäischen Jahres erklärt. „Symbolpolitik“, nennen Kritiker die EU-weite Anstrengung. Allerdings eine, die wichtig sei, um öffentliche Aufmerksamkeit für Problemlagen armer Menschen zu wecken. An den Lebensverhältnissen von Hunderttausenden ändert das freilich nichts.

Kevin hat sich dann doch für ein Paar Chucks entschieden. Viel preiswerter sind die aber nicht. Im Herbst wird er eine neue Winterjacke brauchen. Melanie Brückner weiß noch nicht, wie sie die bezahlen soll.

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