Human Serie (10): Günter Grass-Appell an die Vernunft

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Bei meinem heutigen Beitrag geht es um meine Sichtweise zu Günter Grass‘ Gedicht. „Was gesagt werden muss.“

Ich habe mich zuerst geziert, mich an dieser Diskussion über das Gedicht zu beteiligen, hab aber umso mehr die verschiedenen Beiträge gelesen und im Fernsehen gehört. Da gibt es die Stimmen, die in Grass Gedicht gegenüber Israel einen Affront sehen und andererseits gibt es auch Beiträge, die nichts Schlimmes dabei sehen, die es sogar toll finden, dass dieses Gedicht einen solchen Wirbel verursacht hat.

Ich selbst habe mir das Gedicht Wort für Wort durchgelesen und kann nichts Schlimmes daran finden. Hier schreibt meines Erachtens ein Mensch über ein mögliches Szenario, dass passieren könnte, wenn da zwischen dem Iran und Israel ein Krieg eskaliert.

Es ist richtig, dass Grass nur kurz auf den Iran eingeht und sich dann Israel und an Deutschland wendet, aus Angst – wie er sagt – der brüchige Weltfrieden sei in Gefahr.

Die Kritiker des Gedichts meinen nun, so habe ich das verstanden, Grass kritisiere einseitig Israel. Aber ich sehe das anders. Für mich richtet Grass bewusst sein Gedicht an Israel, weil dieses Land in seinen Augen das „Vernünftigere“ ist, im Vergleich zum Iran mit seinen „verrückten Mullahs.“ Er appellierte also an die Vernunft derjenigen, die in diesem Planspiel als einzige als vernünftig zu bezeichnen sind. Nämlich die Israelis.

Und ich weiß von was ich spreche, denn ich bin im Iran aufgewachsen, habe 32 Jahre in diesem Mullah-Regime gelebt. Seit 2001 bin ich bin Deutschland, seit 2011 habe ich die deutsche Staatsangehörigkeit.

Es ist in der Tat so, dass das iranische Volk von Mullahs und einem Maulhelden regiert wird. Von Vernunft ist da wenig zu spüren. Natürlich kann ich auch nicht die Hand dafür ins Feuer legen, dass die Mullahs nicht als erstes Israel angreifen. Meines Erachtens wollen sie mit der Atomwaffe, sollten sie sie wirklich bauen, in erster Linie ihre Macht festigen, und zwar aus Angst, der Westen könnte dem unterjochten iranischen Volk zur Hilfe eilen, so wie in Libyen geschehen.

Wenn aber Israel und damit mein ich die Hardliner der Regierung dort ebenfalls vom Erstschlag sprechen, natürlich weil sie von Ahmadinejad provoziert werden, dann könnte in der Tat der Iran aus Angst vor diesem Erstschlag vielleicht wirklich zuerst angreifen.

Und genau auf das, glaube ich jedenfalls aus dem Gedicht zu lesen, will Grass hinweisen, wenn er sagt, der Weltfrieden wird durch das Gerede von Israel eventuell den Iran angreifen zu wollen und von Deutschland auch noch ein U-Boot zu bekommen, gefährdet.

Meines Erachtens tut man Grass unrecht, wenn man ihn – wie teilweise geschehen – als Antisemit bezeichnet und auf seine Vergangenheit anspielt. Und dass die ewig Gestrigen das Gedicht toll finden soll auch niemanden abhalten seine Meinung zu sagen und das hat Grass getan.

Ich finde das alles ein bisschen hysterisch. Irgendwie unnormal. Und es geht doch darum, dass auch Deutschland ein normales Land wird, dass sich nicht immer fragen muss, ob das vielleicht falsch verstanden wird, wenn es um Israel geht. Das erinnert mich daran, als wir in Deutschland 2006 bei der Fußball-WM die Fahnen geschwenkt haben, da gab es doch auch ein Haufen Diskussionen darüber, ob das überhaupt gemacht werden darf, ob das schon wieder irgendwie anstößig wegen unserer Vergangenheit ist.

Das Gedicht von Grass hat für Aufruhr gesorgt und das ist gut so, vielleicht führt dies zu neuen Denkanstößen. Vielleicht hilft es, dass sich die Mächtigen dieser Welt endlich mal richtig hinsetzen und einen Plan ausarbeiten, um auf Dauer im Nahen Osten einen Frieden herzustellen und zwar fair für beide Seiten.

Wie schon Jacques Chirac gesagt hat „Im Hass liegt keine Zukunft“



11:15 08.04.2012
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