LINKE: Interpretative Sorgfalt

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Liest man derzeit Berichte und Kommentare über die Partei DIE LINKE, so könnte man meinen, diese Gruppierung sehe offnen Auges und quasi gezwungenermaßen ihrem Ende entgegen. Die Argumente: altbekannt. Mitglieder würden schwinden, neue Menschen nicht hinzustoßen, zumal nicht mehr von der SPD und nicht aus Gewerkschaften. Gewiss sind rückläufige Anhängerzahlen ein Problem. Doch eines dass sich etwa auch die SPD und vor allem die Unionsparteien zu stellen haben. Erst recht die hochverschuldeten Leistungsträger der FDP. Auch Themen seien abhanden gekommen. Und da wären noch die Piraten, über deren Anziehungskraft auf Grünen- und LINKE-WählerInnen Publizisten streiten. Einmal saugten sie den LINKEN Protestwähler ab. Ein anderes Mal seien Piraten vom Fleische der Grünen: hipp, akademisch, digital, gutverdienend. Indes teilte Ex-Cicero- und Ex-Focus-Chef Weimer im Handelsblatt mit, viele würden glauben, die LINKE könne der Absteiger der Saison werden, „doch zum größten Verlierer könnten auch die Grünen werden, denn ihr Rückhalt in der Gesellschaft sinkt so rapide wie der der Liberalen vor zwei Jahren.“

Sagte doch Freitag-Verleger Augstein bei Beckmann der „Ex-Kommunistin“ Wagenknecht, wie sie in einigen Lettern immerhin jetzt heißen darf, sie und ihre Partei seien doch die eigentliche Opposition, da sie und ihre Partei in grundlegenden Fragen einen anderen Kurs hätten. Sie hatte gesagt, die Politik müsse sich an die eigene Nase fassen, warum sie die Menschen nicht mehr erreiche. Eben auch ein Problem für die LINKE, wie Augstein feststellte, da die LINKE erklären müsse, warum die Menschen nicht links wählten, da die Partei ja die Alternative sein wolle. Augstein ist einer der wenigen, die offen fordern, rot-rot-grüne Machtoptionen ausprobieren zu müssen. Doch Willy-Brand-Haus und Grünen-Headquater gehen indes Hand in Hand andere Wege.

Andere Kommentatoren stritten, ob die FDP oder DIE LINKE heißere Kandidatin für ein Verschwinden sei. DIE ZEIT war der unbegründeten Meinung, es sei die LINKE. Fast einen Höhepunkt lieferte Forsa-Chef Güllner, der die Partei DIE LINKE im konservativen Cicero herunter und nahe an die 5%-Marke kommentierte. Die Partei habe ihren Zenit überschritten, floskelte der Demoskop. Als würde überhaupt eine andere Partei stetig einem neuen entgegen schreiten können, gar die 100%-Marke knacken können. Was ist dann das, was die FDP erlebt? Wann und wo war der Zenit der Grünen? Beachtet man die Werte der Piraten, fällt auf, dass sie eine Woche vor der Saar-Wahl näher an der Güllnerschen 5%-Hürde waren, als die LINKE überhaupt. Haben die Piraten nun eine neue Welle?

Doch wo bleiben die kritischen Fragen, nach Medien? Manche Medien berichteten, Lafontaine schweige zur Führungsfrage, obgleich er die Debatte nach den Wahlen führen mochte. Bereits Stunden nach dem Rückzug von Chefin Lötzsch,fokussierte man sich weitestgehend auf die Frage der Nachfolge und läutete den öffentlichen Diskurs darüber ein. Nahezu beiläufig bezogen Redakteure Stellung zu den Motiven der Frau. Auch: gab man sich öffentlich-rechtlichen Magazinen hin, wurde man eher beiläufig über Inhalte informiert, Personaldebatten schienen wieder interessanter. Themen wie Hartz-IV, Afghanistan-Abzug und Mindestlohn seien keine Alleinstellungsmerkmale der LINKEn mehr, heißt es. Wo bleiben Selbstreflexionen der Medien, die die Partei wie politische Gegner in diesen Zeiten dafür in die Mangel genommen hatten? Als die Partei und ihre Politik als realitätsfern und unbezahlbar bezeichnet worden waren - von anderen Politikern aber auch Kommentatoren. Unvergessen auch das Duell zwischen Lafontaine und Merz bei Maybritt Illner, die im Oktober 2008 der Frage "Kann man den Kapitalismus zähmen" nachzugehen suchte. Das ist lange her. Unvergessen ZDFler Peter Frey und seine Attacken auf den einstigen Parteichef Lafontaine in einem Sommerinterview 2009 und auch als der SPIEGEL in seiner zweiten September Ausgabe 2009 fragte, wie links die Republik werde. Noch Anfang Juni 2010 wurden für die Partei 13% WählerInnenzuspruch durch Forsa gemessen, also deutlich über 10%. Heute wäre man froh, käme man nur in die Nähe. Aktuell ließ ZDF-Mann Thomas Walde Parteichef Ernst nur wenig in Berlin-direkt über Themen referieren. In der SPD-nahen FR schrieb Bernhardt Honningfort Oktober 2011 - wohl nicht ganz frei von Wünschen - über „die Unbrauchbaren“. DIE LINKE verliere sich in Streitereien und jammere anschließend über das erzeugte Medienbild. Da möchte man Redakteure fragen, ohne vermutlich eine Erklärung zu bekommen, warum einige Journalisten sich gerade darauf stürzen und politische Botschaften der LINKEn filtern. Soll die LINKE Fernsehen und Zeitungen machen oder müssten Medien u.a. verbreiten, was Parteien verlautbaren lassen´? Warum transportieren Medien oppositionelle Inhalte bevorzugt von SPD und Grünen? Der Infomonitor vom Institut für empirische Medienforschung in Köln belegt jene Schieflage der Berücksichtigung verglichen mit Mandaten im Bundestag. Lieben Medien den „alten Konflikt“ zwischen Schwarz-Gelb und Rot-Grün? Könnte man meinen, wenn man die Interpretationen von Umfragen liest, in denen oft addiert wird, um zu sagen, welches Lager Vorsprung habe. Einen Vorteil haben die Sozialdemokraten aber faktisch schon. Sie sind die größte Oppositionsfraktion und somit kaum ausblendbar. Zudem assimilieren linke Themen in der Sozial- und Finanzpolitik und gerieren sich nun ungeniert als Rächer jener, die sie einst mit der Agenda selbst enterbt hatten. Gemeinsam mit den Grünen. Auf einmal diskutiert man die Rente mit 67 wieder, will man den gesetzlichen Mindestlohn und hat man eingesehen, dass Sparen allein den Krisenstaaten nicht hilft. Andererseits, und das hat Brisanz: Welcher Journalist wäre fähig und bereit zuzugeben, dass manche Redaktionsstuben DIE LINKE gern ignorieren? Schließlich sei man und wolle man sie sein, die vierte Macht im Staate. Unabhängig und überparteilich noch dazu und zu allererst. Wenn also Medien überparteilich wären, müssten sie LINKE-Positionen wie andere verbreiten. Tun sie das nicht, stellt sich die Frage, warum nicht. Das jedoch wäre eine grundlegende Frage der redaktionellen Ehre, die sich etliche Journalisten nicht stellen können. Kein Wunder also, dass Koryphäen der Branche wie Deppendorf im Sommerinterview 2011 despektierlich Gysi in die Parade fahren, wenn jener mangelnden Respekt oder mangelnde Rücksicht auf die LINKE wahrzunehmen glaubte und dies anzusprechen versuchte. Doch wo bleibt der mediale Selbstzweifel? Denn im Wesentlichen distribuieren die Medien: Wiederkehr des Alten im neuen Gewand. Aufgewärmt wird bereits verbreitetes.

Wie bei allem gibt es eine Kehrseite: Freilich liefern die GenossInnen genügend Interpretations- und Nachfragefutter den Nachrichtenproduzenten. Würde man sich an Empfehlungen der Parteigranden halten, so käme man sicher inhaltlich weiter nach vorn. So aber ist es leicht und billig für Medien, Stellungnahmen, Drohungen und Drücke von Personen über und an andere Mitglieder der Partei zu thematisieren. Das kostet wenig Zeit. Nicht selten handelt es sich um exponierte Personen, die folglich Beachtung finden. Wieso gefährdet man sich? Haben Medien vor dem Lötzsch-Rückzug eine „schwelende Debatte“ wahrgenommen, so jetzt die „offene“. Was also brächte eine Debatte über Personal an Erfolgen für Wahlkämpfe außer einer gesteigerten Aufmerksamkeit der Medien auf diese leichte Kost? Die Antwort muss lauten. Aufwärts gehende Umfragewerte, wie Frau Wagenknecht analysierte und was auch in der Tat wahrnehmen war, wenn zwischenmenschliches und Machtfragen intern oder kurzfristig nicht besprochen würden. Mit Ausnahmen von Parteitagen. Wenn es heißt, der Wähler wolle wissen, wohin die Reise gehe, stellt sich die Frage, weiß er das jetzt nicht oder kann es die aktuelle Spitze nicht vermitteln?

Als Resümee bleibt festzuhalten, dass die Partei den Fehler öffentlicher Debatten nicht machen sollte. Die Crux an der Sache ist, das selbst diese Aussage einen Beitrag liefern würde. Dann lieber schweigen und zu gegebenem Zeitpunkt eine Agenda zimmern.

14:49 23.04.2012
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Geschrieben von

karnikel

Politisch Links stehend
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