Mit Tourismus hat das nichts zu tun

24h Jerusalem Vierundzwanzig Stunden Dokumentation, siebzig Filmteams und über fünfhundert Stunden Material: So umfangreich wurde Jerusalem im deutschen Fernsehen noch nie dokumentiert
Ausgabe 15/2014
Dreharbeiten im Ostjerusalemer Stadtteil Silwan
Dreharbeiten im Ostjerusalemer Stadtteil Silwan

Foto: Maurice Weiss/ ostkreuz

Nun wird 24h Jerusalem. Dokumentation in Echtzeit am Samstag, dem 12. April, auf ARTE und dem Bayerischen Rundfunk gleichzeitig ausgestrahlt. Wer will, kann das Ganze auch im Internet schauen.

Es ist natürlich erfreulich, dass in der Ära immer schneller werdender Information und Live-Tickerei so ein gigantisches Format produziert wird. Das erscheint ja fast anachronistisch unironisch. Aber die bereits im Jahr 2009 ausgestrahlte Echtzeit-Doku 24h Berlin war ein großer Erfolg, nun also will man das Ganze in der israelischen Hauptstadt wiederholen. Ein bißchen komisch klingt das schon, beide Städtenamen so bruchlos nebeneinander. Aber vor allem junge Israelis haben in den vergangenen Jahren ihre Liebe für Berlin entdeckt; und auch immer mehr Deutsche reisen in das Heilige Land.

24h Jerusalem ist eine permanente Parallelmontage in Echtzeit und erschließt dem Zuseher eine Perspektive auf die Stadt, die mit Tourismus nicht mehr viel zu tun hat. Jerusalem am frühen Morgen: Ein Gläubiger spricht bei Sonnenaufgang ein Gebet neben seinem Haus in einer Siedlung südlich von Jerusalem. In einem orthodoxen Viertel unweit von der Altstadt bereitet eine Mutter ihre neun Kinder für die Schule vor. Am Checkpoint Kalandia wartet eine Gruppe von Palästinensern. Jeder wird gründlich überprüft, und muss dabei seinen Kopf demütigend vorbeugen – aber das ist für sie der einzige Weg zur Arbeit in Jerusalemer Hotels, auf Baustellen oder in Fabriken. In der Grabeskirche spielt der Franziskaner Armando derweil Orgel. Gleich nebenan, am Golgota-Felsen, kniet Bogdan, ein russischer Pilger.

Bald wird dem Zuschauer klar: In dieser Stadt ist nichts selbstverständlich, die kulturelle Vielfalt ist so reich, dass man sich verirren kann; Jerusalem ist für drei monotheistische Religionen heilig, für Politiker ist es eher eine Büchse der Pandora. „Me’oraw Yerushalmi“ sagt man auf Hebräisch für diesen Mix. Eigentlich ist das ein Fleischgericht, pikant und bitter.

Dass es nicht einfach ist, in Jerusalem mit Kameras zu arbeiten, davon mussten sich die Macher selbst überzeugen. Ursprünglich war der Dreh bereits für September 2012 geplant, kurz davor aber sah man sich mit Vorwürfen der palästinensischen Seite konfrontiert, man würde Partei für Israel ergreifen. Danach hat man das ganze Unternehmen noch einmal umgeschichtet und sich für eine dreiteilige Struktur entschieden: Die Teams sind jeweils zu einem Drittel aus Palästinensern, Israelis und Europäern zusammengesetzt.

Das war eine gute Entscheidung: Die Dokumentation gewinnt dadurch an Authentizität und Tiefe. Die Palästinenser führen ihre Interviews auf Arabisch, die Israelis reden Hebräisch und die Europäer jeweils in ihren Sprachen. In der vertrauten Sprache sagt man einfach mehr, denkt man, wenn man sich 24h Jerusalem anschaut. Die Sprachen sind der Schlüssel zum Verstehen der komplizierten Jerusalemer Wirklichkeit. Eigentlich ist das paradox: Denn Jerusalem ist ja vor allem der Ort, an dem die fehlende gemeinsame Sprache immer wieder am Beginn der Auseinandersetzungen steht.

Alle Infos unter 24hjerusalem.tv

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