Wo ist zu Hause, Mama?

1989 Als in Polen die ersten demokratischen Wahlen stattfinden, ist unsere Autorin zwei Jahre alt. Eine Geschichte übers Erwachsenwerden
Wo ist zu Hause, Mama?
Polnisches Mädchen feiert auf dem Europafest zum EU-Beitritt Polens in Zabrze

Foto: Super Express/ Imago

Freiheit? Heute unser täglich Brot. Sie ist fast so selbstverständlich wie die Tatsache, dass ich drei Fremdsprachen spreche, über zwei Diplome unterschiedlicher europäischer Universitäten verfüge und mich in einen Mann verliebt habe, der in Israel wohnt. Die Freiheit ist gemeinsam mit mir gewachsen. Ich war zwei Jahre alt, als meine Eltern ihre Stimmen bei den ersten teilweise freien Parlamentswahlen abgeben durften; ein zwölfjähriges Schulkind, als sich das Land der NATO anschloss, und ein Teenager, als wir der EU beigetreten sind. Offene Grenzen, das Gefühl von Sicherheit und neue Entwicklungsmöglichkeiten waren das Ergebnis. Ich glaube, viele von uns haben sich in Europa schnell zu Hause gefühlt.

Die Freiheit war etwas völlig Neues für ein Volk, das Jahrzehnte vom Kommunismus unterdrückt wurde. Der Sprung vom leeren Ladenregal in die verrückte Welt des Konsums kostete Überwindung, und auch der Abschied von der kommunistischen Spieβbürgerlichkeit fiel schwer. Viele Ideen sind aufeinandergestoßen: Tradition und Konservatismus trafen auf Moderne und Liberalismus. Einen eigenen Weg zu finden bleibt bis heute schwierig. Aber genau diese Gegensätze machen Polen aus. Das Land ist bekannt für seine Einfachheit und dabei doch herrlich kompliziert.

Als ich im vergangenen Jahr mit Freunden einen kleinen Film zum 25. Jubiläum dieser Wahlen produzierte, ahnte keiner von uns, dass wir damit eine Kontroverse auslösen würden. Das Video wurde unter dem Titel „Dziękuję“ means Thank You bei YouTube eingestellt. Es sollte ein Dank an unsere Eltern sein, die damals gegen den Kommunismus gestimmt hatten. Kaum veröffentlicht, konnte man darunter empörte Kommentare lesen. Leute schrieben, dass sich Polen nie vom Kommunismus befreit habe und unsere Eltern sicher selbst ehemalige Kommunisten seien. Uns haben diese Reaktionen sehr verwundert. Was brachte diese Menschen so gegen uns auf?

Durch die Wahlen vom 4. Juni 1989 konnte die Opposition Solidarność unter Lech Wałęsa den Kommunisten eine schwere Niederlage zufügen und in den Sejm, das Parlament, einziehen; fortan gehörten ihr 35 Prozent der Sitze (im Senat: 99 Prozent), fast alle, die sie bekommen konnte. So kam es zum Fall des Regimes, zu einer grundlegenden Verfassungsänderung und zu wirtschaftlichen Reformen. Viele Polen, auch viele meiner Freunde, betrachten jenen 4. Juni als den wichtigsten Tag in der jüngeren Geschichte des Landes. Er ist für uns zu einem Symbol des Umbruchs geworden. Aber wie jene Kommentare deutlich zeigten, sehen das längst nicht alle so. Laut einer Meinungsumfrage ist sogar jeder Zehnte heute der Überzeugung, dass Solidarność nicht etwa zum Ende des Kommunismus beigetragen, sondern dafür gesorgt hat, dass die Kommunisten später wieder an die Macht kamen. Die Politik habe nie eine vollständige Aufklärung der Verbrechen ehemaliger Kommunisten unternommen, sagen sie.

Opfermythos und Fernweh

Als Kind bin ich mit dem polnischen Opfermythos aufgewachsen, mein Land ist demnach ein Opfer des Zweiten Weltkriegs gewesen und nie selbst zu einem Täter geworden. Es wurde von den Großmächten zerrissen, war ein unfreies Land, das nichts anderes als die Unterdrückung kannte, hat man mir in der Schule beigebracht. Dass Polen jedoch vom 10. bis 18. Jahrhundert eine bunte, ja multikulturelle Geschichte verzeichnen kann und unsere Verfassung die erste in Europa war, schien nicht so wichtig. Auch dass es bei uns Pogrome gegen die jüdische Bevölkerung gab, hat man uns nicht beigebracht; eher hat man so romantische Zitate wie das des berühmten Dichters Adam Mickiewicz, „Polen – der Christus der Nationen“, als Motto für unsere Schulaufsätze ausgewählt. Über die Zeit des Kommunismus oder Solidarność haben wir gar nicht gesprochen.

Als ich zum ersten Mal mit einem Schüleraustausch nach Deutschland kam, hat mich vieles erstaunt. Ich fand, auch wenn das natürlich komisch klingt, die Deutschen wohnten schöner als wir und kleideten sich besser. Ich habe intensiv Deutsch zu lernen begonnen, und vielleicht ist das ja eine besondere Ironie der Geschichte: Als ich dann zum Masterstudium nach Berlin ging, hatte sich auch bei uns viel verändert. Polen war schon sechs Jahre in der EU, ich selbst aber musste erst in ein anderes Land gehen, um mein eigenes sehen zu können. Plötzlich war Polen für mich nicht mehr ein perspektivloser Ort, sondern im Gegenteil einer voller Energie.

Ich kenne viele, die ihre Koffer gepackt haben und ins Ausland gegangen sind. Die meisten nach Großbritannien. Kein Wunder, denn in Polen muss man viel (bis zu 42 Stunden pro Woche) und lang (Rente ab 67) arbeiten und verdient nicht viel (Mindestlohn: 420 Euro). In den fremden Ländern haben wir uns das Leben der Menschen genau angesehen, ihren Alltag dort, und begannen uns zu wünschen, auch so zu leben. Mittlerweile fordern daher junge, gut ausgebildete Leute in Warschau, Krakau oder Breslau ähnlich gute Lebensbedingungen wie die in Berlin oder Brüssel.

„Ins Exil gehen, um Brot zu finden“, nennen meine Eltern das. Für sie bedeutet Ins-Ausland-Gehen, sich auf ein unsicheres Schicksal einzulassen. Auf der einen Seite freuen sie sich, dass wir heute all das machen können, was sie nie durften. Auf der anderen Seite glauben sie mit jedem Jahr fester daran, dass der großen Politik nicht zu trauen ist. Trotzdem verstehen sie langsam, dass wir nicht wegziehen, weil wir keine andere Möglichkeit haben, sondern weil unser Land uns diese Möglichkeit gibt. Aus ihrer Furcht spricht aber auch noch eine andere Sorge: Wir könnten uns vom Polentum abwenden. Vom traditionellen, katholischen Polentum, mit dem sie immer so eng verbunden waren.

Familie und Teilung

Am 10. April 2010 kamen bei einem Flugzeugabsturz in Smolensk 96 Menschen ums Leben, darunter der Präsident Lech Kaczyński, seine Frau, viele Politiker, Offiziere und Kirchenvertreter. Viele Polen fühlten sich in alten Ängsten bestätigt und waren überzeugt: Die Russen sind schuld an dieser Tragödie. Geradezu zynisch schien das Datum, der Jahrestag des Massakers von Katyn. Im Jahr 1940 wurden in einer ganzen Serie von Morden 22.000 Polen im Auftrag von Josef Stalin ums Leben gebracht, darunter auch die Elite der Armee. Aber auch wenn das Land vor vier Jahren in Trauer vereint schien, zeichneten sich schnell zwei Lager ab. Einerseits die „Solidarni 2010“, also die Anhänger der Theorie eines von Russland initiierten Anschlags, wozu vor allem die konservativen Publizisten und ein Teil der Kirchenanhänger zählten. Und andererseits der ganze Rest, der vom tragischen Unfall überzeugt war.

Diese Teilung konnte man nicht nur in der Politik, sondern auch in der Familie und bei Freunden beobachten; die Diskussionen nahmen kein Ende mehr. Besonders groß war die Angst vor der Unfähigkeit der eigenen Politiker und einer akuten Bedrohung durch Russland. Die Regierung von Premierminister Donald Tusk wurde mehrfach scharf für ihre angeblich nachlässige Untersuchung der Katastrophe kritisiert. Als Gegenreaktion zur konservativen „Solidarni 2010“ entstand eine stark liberale Bewegung, die sich abseits der Traditionen bewegte. Bereits ein Jahr nach dem Flugzeugabsturz zogen Vertreter der neugegründeten linksliberalen Partei Ruch Palikota (ab 2013 Twój Ruch) in das Parlament ein und mit ihnen Anna Grodzka – die erste transsexuelle Abgeordnete bei uns.

Die rasante Entwicklung der linken Szene rief wiederum eine starke Reaktion im rechten Lager hervor. Themen wie Homosexualität oder die Legalisierung weicher Drogen sorgten für Aufruhr. Zur Eskalation kam es dann am 11. November 2011 während der Feierlichkeiten zum Tag der Unabhängigkeit. Auf dem Warschauer Konstitutionsplatz standen sich beide gegenüber. Das stürzte auch mich in eine Sinnkrise: Ich fühlte mich keinem Lager zugehörig. Weder war ich gegen die Kirche, noch mochte ich die polnischen Fahnen, die nationalistischen Slogans und Kreuze.

Als über meinem Kopf die Pflastersteine hin- und herflogen, dachte ich, dass die Zeiten, in denen das Wort Patriotismus eine klare Definition hatte, nun vorüber waren. Die Rechten hatten es mit traditionellen und katholischen Werten besetzt. Ich empfand einen riesigen Widerstand gegen diese Form der Politisierung der Sprache und der Öffentlichkeit. Sie begann, mir wehzutun. Ebenso wie der Fakt, dass das Land im Lauf der Zeit immer mehr um die Freiheit zu streiten begann, ohne sich der Errungenschaften, die mit ihr einhergingen, und auch der Freude gewiss zu werden. Lediglich 59 Prozent der Menschen sind aktuell der Meinung, dass es sich gelohnt hat, im Jahr 1989 die Staatsform geändert zu haben. Glauben wirklich die Hälfte aller Polen, dass der Kommunismus das bessere System war?

Mein Land bleibt also gespalten. Für mich als junge Polin, die sich wünscht, auf ihre Heimat stolz sein zu können, ist das eine Enttäuschung. Vielleicht aber ist das auch ein unnötiges Gefühl. Vielleicht ist Polen, das wie ein pubertierender Teenager von einem Extrem ins andere fällt, in Wahrheit auf dem richtigen Weg. Vielleicht festigt sich auf diese Art bei uns die Demokratie. Auch wenn es für alle Beteiligten anstrengend zu sein scheint.

Karolina Przewrocka, geboren 1987 in Krakau, hat in ihrer Heimatstadt, Berlin und Tel Aviv studiert und für polnische und deutsche Medien gearbeitet. Gerade war sie zwei Monate Praktikantin beim Freitag. Nun ist sie nach Tel Aviv gezogen

Vor 25 Jahren: Das ist im Juni 1989 noch passiert

China In der Nacht vom 3. auf den 4. Juni stürmt das chinesische Militär den seit Wochen besetzten Platz des himmlischen Friedens in Peking, um den Protest von teilweise bis zu einer Million Menschen gegen die Kommunistische Partei Chinas zu zerschlagen. Die Zahl der Toten ist bis heute unklar und schwankt zwischen 200 und 2.600. Vier Tage später bezeichnet die DDR-Volkskammer die Ereignisse als „Niederschlagung einer Konterrevolution“.

DDR Nachdem bekannt wurde, dass es während der Kommunalwahl zu Fälschungen kam, wird in Ost-Berlin am 7. Juni demonstriert. Zahlreiche Festnahmen und die Auflösung der Demonstration sind die Folge. Am 10. Juni wird ein politisches Straßenmusikfestival in Leipzig gewaltsam beendet, und mehrere Musiker werden inhaftiert.

Sowjetunion Michail Gorbatschow, Generalsekretär der KPdSU, besucht vom 12. bis 15. Juni die BRD und wird begeistert empfangen. Am Ende steht eine gemeinsame Erklärung über das Selbstbestimmungsrecht der Völker.

Ungarn Am 13. Juni beginnen Verhandlungen zwischen der Regierungspartei USAP mit der Opposition über die Abhaltung freier Wahlen. Zwei Wochen später zerschneiden die Außenminister Ungarns und Österreichs an der gemeinsamen Grenze symbolisch den Stacheldrahtzaun.JCG

06:00 25.06.2014
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