1989: Brennend vom Turm

Zeitgeschichte Sich mit Benzin übergießen und anzünden? In Ostberliner Oppositionskreisen wird debattiert, ob man ein ultimatives Zeichen des Protests setzen soll
Karsten Krampitz | Ausgabe 41/2019 1

Im September / Oktober 1989 haben viele der Protagonisten den Eindruck, dass die Bürgerrechtsbewegung in der DDR-Hauptstadt stagniert, jedenfalls im Vergleich zu den Montagsdemonstrationen in Leipzig. Man sollte sich mehr trauen, lautet die Devise. In den Räumen der Zionskirche am Prenzlauer Berg, im linkslibertär gesinnten Kreis der Umweltbibliothek, habe es dazu einen bemerkenswerten Vorschlag gegeben: Der damals 34-jährige Gerold H. sollte sich brennend vom Berliner Fernsehturm stürzen, „um mit diesem Fanal die Verhältnisse in Berlin in Bewegung zu bringen“, schreibt Carlo Jordan, Urgestein der DDR-Umweltbewegung, in einem Aufsatz aus dem Jahr 2006. Auf Nachfrage hätten ihm alle Beteiligten diesen Einfall bestätigt.

Die mutige Tat wäre nicht der erste politisch motivierte Feuersuizid gewesen. Die Selbstverbrennung hat in der europäischen Widerstandsgeschichte einen festen Platz. Erinnert sei an Jan Palach und den 16. Januar 1969 auf dem Prager Wenzelsplatz: Aus Protest gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings durch die Warschauer Vertragsstaaten übergoss sich der Philosophiestudent mit Benzin und zündete sich an. Diese Form militanter Gewaltfreiheit, bei der sich die vom Aufbegehrenden ausgelöste Gewalt lediglich gegen diesen selbst richtet, war seinerzeit ein Novum. Als Vorbild für diesen letzten Einsatz boten sich die buddhistischen Mönche an, deren flammender Protest gegen den Krieg der USA in Südvietnam während der 1960er Jahre durch alle Medien ging. Wie Carlo Jordan erzählt, sei seinerzeit diese Aktionsform überall in Osteuropa von der Opposition diskutiert worden. Am 14. Mai 1972 verbrannte sich in Kaunas der Student Romas Kalanta und protestierte so gegen die anhaltende Zugehörigkeit Litauens zur Sowjetunion. Inmitten der Breschnew-Ära hatte die Depression in den bleiernen Jahren offenbar eine solche Dimension erreicht, dass ein derart qualvoller Tod im öffentlichen Raum als Mittel des Widerstandes vorstellbar wurde.

Auch in der DDR: Der Schriftsteller Michael Meinicke, letzter Geschäftsführer der besagten Umweltbibliothek, berichtet, dass nach dem Tod von Jan Palach, dem noch zwei weitere Studenten mit der gleichen Tat folgten, im Umfeld des Pankower Lyrikkreises rege diskutiert wurde, ob und wie man in Ostberlin das gleiche Zeichen setzen könne. So wurde die Idee geboren, dass sich eine Zeit lang jede Woche vor dem ČSSR-Kulturzentrum am Bahnhof Friedrichstraße ein anderer Nachwuchsdichter mit Benzin übergießt und anzündet. Es blieb bei der Idee, die dann aber einige Jahre später der Pfarrer Brüsewitz aufzugreifen schien. Und zwar am Vormittag des 18. August 1976 im anhaltinischen Zeitz auf dem Platz vor der Michaeliskirche. Erhalten geblieben ist der Augenzeugenbericht des damaligen CDU-Kreisvorsitzenden Alfred Lautenschläger, niedergeschrieben für die Volkspolizei. Er gab an, gesehen zu haben, wie „diese Person“ aus dem Auto stieg, bekleidet mit langem schwarzen Talar, und die hintere Klappe eines Pkw-Kombi geöffnet habe. „Ich sah, wie er Schilder herausnahm und diese auf dem Dach seines Autos befestigte.“ Danach habe der Mann eine Milchkanne aus dem Auto geholt und eine Flüssigkeit über sich geschüttet. Im nächsten Moment stand er schon in Flammen. Daraufhin habe Lautenschläger umgehend das nächste Polizeirevier alarmiert. „Mit zwei Volkspolizei-Angehörigen ging ich sofort zum Ort des Geschehens zurück, um zu helfen. Ich machte diese auf die Transparente aufmerksam und beseitigte diese. Meines Erachtens können nicht viele dieses Transparent gelesen haben, da es nur kurze Zeit auf dem Auto stand …“

Über das Fanal des Oskar Brüsewitz ist viel geschrieben worden, über die Transparente mit der Aufschrift „Kirche klagt DDR an wegen Unterdrückung der Jugend“ ebenso wie über Brüsewitz’ apokalyptisches Weltbild. In der ČSSR hatte Jan Palach mit seinem Feuerzeichen noch einer ganz bestimmten oppositionellen Strömung eine Stimme gegeben; am Nachmittag seines Todes waren 200.000 Menschen auf den Wenzelsplatz geeilt, um an der Stelle, wo er brennend zu Boden gefallen war, Blumen niederzulegen. Etwas Vergleichbares hat es 1976 in der DDR-Gesellschaft nicht gegeben. Das Begräbnis des Jan Palach war eine Massendemonstration, an der sich rund 10.000 Menschen beteiligten, wohingegen zur Beerdigung von Oskar Brüsewitz allenfalls 370 Leute kamen, darunter 72 Pfarrer, die freilich im Talar, was tatsächlich einer Demonstration gleichkam.

Gemessen an der Resonanz in der gesamten DDR-Gesellschaft war das eigentliche historische Ereignis nicht die Selbstverbrennung des evangelischen Pfarrers Brüsewitz, sondern die Reaktion der Menschen auf einen anonymen Kommentar in der Zeitung Neues Deutschland vom 31. August 1976. Wie aus den gut 80 in diesem Zusammenhang archivierten Briefen an das Magdeburger Konsistorium hervorgeht, löste erst jener Artikel – betitelt mit „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden“ und tags darauf von allen SED-Bezirkszeitungen nachgedruckt – republikweit Unmut aus. Etliche Aktivisten der späteren Bürgerbewegung berichten, dass die schäbige Behandlung des toten Brüsewitz sie erstmals in Widerspruch zu den herrschenden Verhältnissen gebracht und ermutigt habe, im Rahmen dessen, was möglich war, Farbe zu bekennen. Das hieß, sich zu grundsätzlichen Fragen des gesellschaftlichen Lebens äußern zu wollen. Stichworte waren: Pressefreiheit, Redefreiheit, Religionsfreiheit, nicht zuletzt auch die Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz. Auf eine sich langsam herausbildende Opposition hatte der Tod von Oskar Brüsewitz vorübergehend sinnstiftende Wirkung. Wovon der Protestbrief zeugte, den 25 kritische Marxisten an SED-Generalsekretär Erich Honecker schrieben. Zwei der Autoren, Rudi Molt und Rupert Schröter, wurden später zu mehrjährigen Gefängnisstrafen verurteilt. Gerd Poppe spendete für den Anwalt, ebenso Ulrike Poppe, die noch den Namen Wick trug. Der Autor Klaus Schlesinger, die Sängerin Bettina Wegner und andere halfen ebenfalls mit Geld. Die Briefe an die Magdeburger Kirchenleitung und an das Neue Deutschland selbst dokumentierten, dass viele in jener Zeit zu einem neuen Selbstbewusstsein gegenüber Staat und Partei fanden. Einige der Absender sollten im Herbst ’89 in der Bürgerbewegung eine wichtige Rolle übernehmen, allen voran Hans-Jochen Tschiche (Neues Forum), Wolfgang Ullmann (Demokratie Jetzt) und Carlo Jordan (Grüne Partei). Nicht zu vergessen Richard Schröder, der nach dem 18. März 1990 als SPD-Fraktionschef in der letzten DDR-Volkskammer in Erscheinung trat. In der innerkirchlichen Brüsewitz-Debatte fielen Denkanstöße ins Gewicht, wie sie beispielsweise von Friedrich Schorlemmer (Demokratischer Aufbruch, dann SPD) und Reinhard Höppner, dem späteren SPD-Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt, kamen.

Dass man dem Vorbild des Pfarrers folgen wollte – so weit ging die Inspiration durch Oskar Brüsewitz allerdings nicht. Auch nicht im Herbst 1989, wie Carlo Jordan in seinem Essay schreibt: „Glücklicherweise kamen durch die von der Umweltbibliothek initiierten Mahnwachen an der Gethsemanekirche die Verhältnisse auch ohne Gerolds Märtyrertod in Bewegung.“ Aus dem Kreis der einstigen Aktivisten in der Zionskirche war später zu vernehmen: Das Ganze sei ein Witz gewesen. Niemand habe ernsthaft erwartet, dass sich jemand brennend vom Fernsehturm stürzt. Freilich hat jeder Witz eine Pointe … Mittlerweile hat Gerold H. ein Auskommen in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen gefunden und hält vor Schülern Vorträge über die Gefahren des Linksextremismus.

Dieser Beitrag ist Teil unserer Wende-Serie 1989 – Jetzt!

06:00 16.10.2019
Geschrieben von

Ausgabe 08/2020

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