ARD auf Abwegen

Sexismus 2018 wurde Hubertus Knabe, dem damaligen Direktor der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, gekündigt. Eine Dokumentation arbeitet den Fall auf – und wittert eine Verschwörung
Ausgabe 44/2021
Der ehemalige Leiter der Gedenkstätte Hubertus Knabe
Der ehemalige Leiter der Gedenkstätte Hubertus Knabe

Foto: Odd Andersen/AFP/Getty Images

Es wäre ehrlicher gewesen, Maurice Philip Remy hätte seinen Film gleich selbst eingesprochen, statt Arianne Borbach, die deutsche Stimme unter anderem von Cate Blanchett. Ohne jene akustische Verdrehung wäre die konsequent männliche Perspektive der RBB-Doku Sondervorgang MeToo überdeutlich geworden.

Remy, der im Fernsehen mit zeitgeschichtlichen Mythen reüssierte, wie Mythos Bernsteinzimmer und Mythos Rommel, kreiert nun selbst eine Legende: die vom aufrechten Historiker Hubertus Knabe, dem im Zuge einer Linken-Verschwörung das Lebenswerk zerstört wurde. Dass selbst hochrangige CDU-Politiker, wie Staatsministerin Monika Grütters oder Dieter Dombrowski, der Bundesvorsitzende der Union der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft, Knabes Entlassung als Direktor der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen gutheißen, wird bei Remy erwähnt, spielt bei seiner Erkenntnisgewinnung aber keine Rolle. Berlins Kultursenator Klaus Lederer soll sich den feministischen Zeitgeist zunutze gemacht haben – dieses MeToo-Ding, das da aus Amerika rübergeschwappt ist, wo Frauen berühmte Männer denunzieren, die dann ihren Job verlieren. Nolens volens aber bestätigt der Film den Kündigungsgrund: Hubertus Knabe zeigt gegenüber den betroffenen Frauen nicht die geringste Empathie. Kein Bedauern, er ist das Opfer.

Im Fall seines Stellvertreters kam es vor Gericht nicht einmal zur Beweisaufnahme. Allein die Vorwürfe, die Helmuth Frauendorfer von sich aus bestätigt hatte, rechtfertigten eine außerordentliche Kündigung. Fakt ist, dass sich Frauendorfer über viele Jahre nicht im Griff hatte und sein Chef Knabe zugeschaut hat.

Noch eine Frage: Warum wurden für die Beurteilung der beiden und ihrer Arbeit eigentlich keine Historiker mit Expertise zur DDR-Geschichte zu Rate gezogen? Carola S. Rudnick zum Beispiel, die sich in ihrer Dissertation kritisch mit der Arbeit der Gedenkstätte auseinandergesetzt hat. Oder Martin Sabrow, Professor an der Humboldt-Universität zu Berlin, der Hubertus Knabe in der Süddeutschen Zeitung dafür kritisiert hat, den „Beutelsbacher Konsens“ gekündigt zu haben. Dieser sieht vor, dass Schüler in Museen und Gedenkstätten nicht „überwältigt“ werden dürfen. Eine Überwältigung aber sei gegeben, wenn Zeitzeugen mit Besuchern Verhörsituationen nachspielen oder sie in enge Zellen drängen. Wie alle seriösen Geschichtswissenschaftler lehnt Sabrow die von Hubertus Knabe postulierte Gleichsetzung von Nationalsozialismus und SED-Diktatur ab. Aber wen interessiert das?

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