Ein schlimmer Verlierer

Antisemitismus Reinhold Lewin beschrieb schon 1911, wie Luther zum Hassprediger gegen die Juden wurde
Ein schlimmer Verlierer
Die Fotos des Themenschwerpunkts stammen von Kolja Warnecke, der das Reformationsjahr mit seiner Kamera begleitet hat

Foto: Kolja Warnecke

Der Dichter Durs Grünbein erklärte unlängst im Spiegel-Interview: „Jede politische Mordbewegung beginnt damit, dass jemand sie ankündigt.“ Worte wie „Lebensraum“, „Umsiedlung“ oder „Rassereinheit“ seien in dieser Hinsicht die offiziellen Annoncen. Überhaupt werde bei Mordfällen vor Gericht immer nach solchen Anzeichen gesucht. Habe der Angeklagte irgendwann einmal gesagt: „Ich bringe dich um!“ Eine solche Ankündigung hat es auch beim Mord an den europäischen Juden gegeben, über lange Zeit. Julius Streicher verteidigte sich im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess mit den Worten: „Dr. Martin Luther säße heute sicher an meiner Stelle auf der Anklagebank. In dem Buch Von den Juden und ihren Lügen schreibt Dr. Martin Luther, die Juden seien ein Schlangengezücht, man solle ihre Synagogen niederbrennen, man solle sie vernichten.“ Die knapp 150-seitige Kampfschrift liest sich noch heute wie ein Aktionsplan zur Reichspogromnacht, für den Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann Luthers „definitive literarische ‚Endlösung der Judenfrage‘“.

Die dunkle Seite der Reformation wurde von den EKD-Theologen lange Zeit ausgespart oder allenfalls apologetisch diskutiert. In der Tat: Luther hatte die Juden weder in seinen berühmten 95 Thesen erwähnt noch in seinen wichtigsten Schriften (Von der Freiheit eines Christenmenschen, Von den guten Werken, An den christlichen Adel deutscher Nation und Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche). Dennoch ist die prinzipielle Verneinung des Judentums – als ein von Gott zu Recht bestraftes Volk – eines der konstitutiven Elemente in Luthers Theologie. Seine Schriften contra Judaeos zeigen uns, wie stark Luther noch dem Mittelalter verhaftet war. Ohnehin war die Reformation weniger ein Durchbruch der Moderne als eine Antwort auf den von Rom ausgegangenen radikalen Modernisierungsschub. Luthers großer Gegenspieler, Papst Leo X., war ein Medici – ein Spross der berühmten Unternehmerdynastie, die die Renaissance in Florenz und Rom prägte. Leos Finanzpolitik, Stichwort Ablasshandel, war in Luthers Augen Verrat am Evangelium; Verrat von einem Papst, dem die Juden zumindest gleichgültig waren.

Lewin starb in Auschwitz

Dem Rabbiner Reinhold Lewin kommt das Verdienst zu, auf diesem Gebiet die erste wissenschaftliche Monografie geschrieben zu haben. Sein Buch findet sich noch heute in den Literaturverzeichnissen etlicher Lutherstudien und ist dabei selbst ein Stück Geschichte: Im Jahr 1910 hatte die Evangelisch-Theologische Fakultät der Universität Breslau ihren Jahrespreis zum Thema „Luthers Stellung zu den Juden“ ausgeschrieben. Unter den anonymen Einsendungen ragte eine besonders hervor, und die Überraschung wird groß gewesen sein, als sich herausstellte, dass der Verfasser der Arbeit nicht nur Doktorand der philosophischen Fakultät, sondern noch dazu ein Jude war.

Im Biographischen Handbuch der Rabbiner lesen wir: „Lewin, Reinhold, Dr., geb. 3. April 1888 in Magdeburg, gest. März 1943 im KZ Auschwitz“. Von 1906 bis 1912 durchlief er in Breslau am Jüdischen Theologischen Seminar eine Ausbildung zum Rabbiner und studierte zur selben Zeit an der Universität Philosophie und Geschichte. Am 20. März 1911 wurde er mit einer Arbeit zum Thema „Luthers Stellung zu den Juden“ promoviert, die im nächsten Monat wieder als Buchfassung vorliegt. Lewin war Feldrabbiner im Ersten Weltkrieg, wurde ausgezeichnet mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse und dem Ritterkreuz des Albrechtsordens 1. Klasse. Nach dem Krieg lebte er bis 1938 in Königsberg, wo er als reformorientierter Rabbiner in der dortigen jüdischen Gemeinde wirkte.

Seine Promotionsschrift unterscheidet sich in einem zentralen Punkt vom Gros der neueren Literatur: Luthers Hasstraktate gegen die Juden werden weder verteidigt noch relativiert. Ebenso wenig geht Lewin auf Luthers Lebensphasen ein oder auf den jeweiligen Stand der Reformation. Sein Kontext ist ein anderer: das Elend der jüdischen Diaspora im ausgehenden Mittelalter. „Kein Jahr verstreicht, das nicht neue Verfolgungen heraufbeschwört, Verbannungen und Ausweisungen folgen einander ohne Aufhören.“ Um 1520 „gibt es in ganz Deutschland, wenn man von Prag absieht, nur noch zwei ansehnliche Gemeinden, die von Worms und Frankfurt a. M.“. Er schreibt weiter: „Ermisst man die ungeheure Summe der Not und des Elends, von denen die trockenen Zahlen predigen, so begreift man, mit welch elementarer Gewalt messianische Schwärmereien die verängstigten Gemüter gefangen nehmen und berücken mussten. Jedes Zeichen, das auf einen Umschwung der Verhältnisse hindeutet, wird begierig aufgegriffen; man horcht ängstlich in die Welt hinaus, ob nicht in irgendeinem Winkel der Erlöser sich zeige.“

Und die Christen? Sie bestärken die Juden in dieser Hoffnung: An den Universitäten erleben die hebräischen Studien eine erste Blüte; händeringend wird nach jüdischen Lehrern gesucht. Die Kabbala, die jüdische Geheimlehre, stößt auf immer mehr Interesse. In aller Munde aber ist der Humanist Johannes Reuchlin. Als 1505 der Dominikanerorden in Köln gegen die Juden mobilisiert und ein gewisser Johannes Pfefferkorn (ein Geschäftsmann und Konvertit) die Legende verbreitet, der Talmud und andere jüdische Schriften würden Jesus lästern und Angriffe gegen die Christenheit enthalten, weshalb die gesamte jüdische Literatur zu verbrennen sei, ist es Reuchlin, der sich den Hetzern mutig entgegenstellt: „Verbrennt nicht, was Ihr nicht kennt!“ Dieser Disput wird die Gelehrtenwelt über Jahre in seinem Bann halten. Als dann auch noch in Wittenberg ein gewisser Dr. Martinus Luther mit seiner Theologie und der Hilfe des Buchdrucks das Papsttum in seinen Grundfesten erschüttert, scheint für viele Juden eine neue Zeit anzubrechen. Luther lehrt und predigt eine Auffassung von Religion, die auf die ursprünglichen Quellen zurückgeht. Sein Grundsatz „Sola scriptura“ und die damit einhergehende neue Wertschätzung des Alten Testaments erscheinen als Annäherung an das Judentum. Derselbe Luther fordert 1523 in seiner Schrift Dass Jesus Christus ein geborener Jude sei sogar die Duldung der Juden in den deutschen Territorien! „Kann man es dem einfachen jüdischen Manne übelnehmen“, schreibt Reinhold Lewin, „wenn ihm derartige Erfolge zu Kopfe steigen, wenn er sie missversteht und sich einbildet, in ihnen die nicht trügenden Zeichen der Zeit zu erblicken, denen allein die Ankunft des Messias entsprechen kann?“

Die Kirche des Martin Luther behilft sich nicht mehr mit Reliquien und Heiligengeschichten wie das Papsttum mit seiner damals gut 1.500-jährigen Tradition; ihre Legitimation nimmt sie allein aus der Heiligen Schrift und ist damit naturgemäß anfälliger für eine kritische Schriftenauslegung. Noch dazu beherrscht Luther das Hebräische, die Originalsprache des Alten Testaments, kaum. Was ihn aber nicht davon abhält, etwa die Psalmen des Alten Testaments im übertragenen Sinne Jesus zuzuschreiben und nicht David. Dass solche Exegese die jüdischen Schriftgelehrten herausfordern muss, versteht sich von selbst. Doch eine akademische Disputation mit ihnen zieht Luther nicht einmal in Erwägung. Sein Unvermögen, mit Andersdenkenden in einen Dialog zu treten, sagt Luther-Biograf Heinz Schilling, sein Zwang, diese Menschen als Widersacher Gottes bedingungslos zu bekämpfen, ist Kehrseite seiner prophetischen Selbstsicherheit.

Taufen? Lieber ertränken!

In der Stellung Luthers zu den Juden unterscheidet Lewin drei Phasen: eine „erste Periode der Gleichgültigkeit“, in der Luther den Juden mit Verachtung, aber ohne praktisches Interesse gegenübersteht. Etwa bis zum Frühjahr 1521 bleiben sie und ihre Schriften ihm fremd. Dem folgt eine Zeit der Hoffnung: „Die Bekehrung der Juden“, so Lewin, „bildet den Schlussstein in dem herrlichen Gebäude, das er aufgerichtet hat. Das Papsttum ist an der Aufgabe gescheitert, nicht nur, weil es falsche Mittel anwandte, sondern vor allem, weil sein Fundament auf Fälschungen und Irrlehren beruht. Hat Luther das wahre Christentum entdeckt – und er zweifelt nicht, dass es ihm gelungen ist –, so ist der endgültige Sieg der Kirche über die Synagoge die glänzendste Bestätigung.“ Als Luthers Werbung bei den Juden der Erfolg versagt bleibt, folgt die dritte Phase: Der Reformator steigert sich mehr und mehr in seinem Hass. Schon im Jahr 1531 oder 1532 soll er gesagt haben, falls er jemals wieder einen Juden taufen würde, so werde er diesen auf die Elbbrücke führen, ihm dort einen Stein um den Hals hängen und ihn mit den Worten hinunterstoßen: „Ich taufe dich im Namen Abrahams.“

Im Traktat Von den Juden und ihren Lügen stachelt er 1543 die Fürsten und die städtische Obrigkeit dazu auf, die Juden aus ihrem Machtbereich zu vertreiben. Kaufmann sieht in dem Text eine „theologisch unkontrollierte Menschenverachtung“, die angesichts der Autorität, die dem Reformationshelden und „Kirchenvater“ des Protestantismus zugewachsen war, heute sehr schwer wiegt. Die Saat des Judenhasses, die Luther in seinen letzten Schriften ausstreut, schreibt Reinhold Lewin am Ende des Buches, schießt zu seinen Lebzeiten nur verkümmert empor. „Sie geht aber nicht spurlos verloren, sondern wirkt noch lange durch die Jahrhunderte fort; wer immer aus irgendwelchen Motiven gegen die Juden schreibt, glaubt das Recht zu besitzen, triumphierend auf Luther zu verweisen.“

Im Jahr 1938 wurde der Rabbiner Reinhold Lewin in die Gemeinde nach Breslau versetzt. Im Gedenkbuch des Council of Jews from Germany lesen wir unter seinem Namen: „Den Versuchen seiner Freunde, ihn nach Amerika zu retten, war kein Erfolg beschieden, weil das amerikanische Generalkonsulat in Berlin die Erteilung des nötigen Visums verweigerte. So ist Reinhold Lewin mit seiner Frau und zwei Kindern zum Märtyrer geworden.“

Karsten Krampitz ist Historiker, Schriftsteller und Herausgeber der Neuausgabe von Reinhold Lewins Luthers Stellung zu den Juden, die demnächst im Alibri-Verlag erscheint

06:00 31.10.2017
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