Er hatte was zu sagen

Nachruf Während heutzutage KünstlerInnen darum betteln, als „systemrelevant“ anerkannt zu werden, stellte der Dramatiker Rolf Hochhuth noch die Systemfrage
Er hatte was zu sagen
Rolf Hochhuth (* 1931; † 2020)

Foto: DRAMA-Berlin.de/Imago Images

Kein Goethe, kein Schiller, erst recht kein Thomas Mann haben geschafft, dass ihretwegen ein Landesfürst abdanken musste. In diesem Sinne war Rolf Hochhuth der erfolgreichste Dichter, den Deutschland je hatte. Der Name des Gestürzten war Hans Filbinger, seinerzeit mit absoluter Mehrheit regierender baden-württembergischer Landesvater. Im Frühjahr ’78 druckte die Zeit vorab einen Auszug des Hochhuth-Romans Eine Liebe in Deutschland, mit der Passage, dass der amtierende Ministerpräsident als Marinerichter sogar noch in britischer Gefangenschaft nach Hitlers Tod einen deutschen Matrosen mit Nazi-Gesetzen verfolgt habe. Filbinger sei ein so „furchtbarer Jurist“ gewesen, dass man vermuten müsse, er sei „auf freiem Fuß nur dank des Schweigens derer, die ihn kannten“. Im folgenden Rechtsstreit überraschte der beklagte Hochhuth mit Recherchen über Todesurteile gegen Deserteure, an denen Filbinger beteiligt war. Bei der Hinrichtung des Matrosen Walter Gröger hatte er als leitender Offizier sogar den Feuerbefehl gegeben.

Rolf Hochhuth, Vertreter des dokumentarischen Theaters, hat nie einen wichtigen Literaturpreis bekommen. Hellmuth Karasek schrieb über ihn, seine Absichten seien edel, die Mittel aber Komödienstadel. Immerhin wurde sein Debüt am Broadway gespielt!

Der Stellvertreter, von Erwin Piscator 1963 am Theater am Kurfürstendamm uraufgeführt, war der größte Theaterskandal in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Im Mittelpunkt des „christlichen Trauerspiels“ stand die Frage, wie viel Pius XII. vom Mord an den europäischen Juden gewusst hat. Für die Forschung sind die Akten im Vatikan erst seit Anfang März zugängig.

Auch zu einem anderen Hochhuth-Stück sind die Archive mittlerweile geöffnet: Wessis in Weimar thematisierte 1993 die Enteignung und Demütigung der Ostdeutschen durch die Treuhandanstalt. Der Kahlschlag jener Zeit in Wirtschaft und Kultur, einschließlich seiner sozialen Verwerfungen, wurde im „Beitrittsgebiet“ nicht wirklich diskutiert. Wer hätte das auch tun sollen? Etwa die neuen Eliten aus Westdeutschland, die in so gut wie allen Bereichen der früheren DDR-Gesellschaft die Spitzenjobs übernommen hatten? Und was war das für ein Aufschrei! Etliche Monate bevor die „Szenen aus einem besetzten Land“, so der Untertitel, das Bühnenlicht erblickten, hieß es, dass der akribische Materialsammler Hochhuth den Mord am Treuhandchef rechtfertigen wollte; der Prolog der Eingangsszene handelt von den letzten Stunden im Leben Detlev Rohwedders, vor seiner Ermordung im April 1991 durch ein RAF-Kommando. Die FAZ sprach von „Hochhuths Terrortheater“. Während heutzutage die Künstler darum betteln, als „systemrelevant“ anerkannt zu werden, stellte Rolf Hochhuth noch die Systemfrage!

Dabei hatte er die Premiere im Berliner Ensemble noch zu verhindern versucht. Einar Schleef hatte wohl nur zehn Prozent seiner Vorlage umgesetzt und ausgiebig von der künstlerischen Freiheit des Regisseurs Gebrauch gemacht. Matthias Pees fand in der Berliner Zeitung lobende Worte. Der Autor Schleef habe den Autor Hochhuth gerettet: „Vor allem weil der Mineraloge im Weimarer Steinbruch nicht etwa ‚total verfälschend‘ oder ‚zertrümmernd‘ vorgegangen ist, sondern den Text behauen, in Form gebracht hat.“ – Eben diesen Steinbruch sollte sich irgendein Theatermensch vielleicht noch mal anschauen, auch wenn der Eigentümer letzte Woche verstorben ist.

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06:00 20.05.2020
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Ausgabe 41/2021

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