„Etwas Neues muss her“

Interview Der Historiker Manfred Gailus fordert ein architektonisches Sühnezeichen in Potsdam anstelle des Wiederaufbaus der Garnisonkirche
„Etwas Neues muss her“
„In dieser Kirche wurde die politische Religion der NS-Bewegung zelebriert“

Foto: epd/Imago

Ein Streit, der die ganze Stadt spaltet: Im unlängst begonnenen Wiederaufbau der Hof- und Garnisonkirche zu Potsdam sehen viele das falsche Bauprojekt zur rechten Zeit. Sie gilt nach derzeitigem Kenntnisstand als die einzige Kirche, in der Adolf Hitler als Redner auftrat. So geschehen am 21. März 1933, dem „Tag von Potsdam“. Die Initiatoren der Rekonstruktion – darunter Matthias Platzeck, Altbischof Wolfgang Huber und Günther Jauch – zeigen sich vom geforderten Baustopp unbeeindruckt. Der Historiker Manfred Gailus stellt ihnen ein geistiges Armutszeugnis aus. Seit vielen Jahren beschäftigt er sich mit der „babylonischen Gefangenschaft der Kirche im Nationalen“ und ihrer Verstrickung in die NS-Diktatur.

der Freitag: Herr Professor Gailus, viele fordern inzwischen, das kürzlich erst offiziell begonnene Projekt schleunigst wieder zu begraben. Sehen Sie das ähnlich?

Manfred Gailus: An die Stelle, wo einst die Garnisonkirche stand, sollte schon etwas Neues hinkommen. Dort war und ist noch immer städtisches Brachgelände. Aber es sollte eben aus mehrerlei Gründen nicht einfach das Alte sein, was dort neu entsteht. Das wäre ein geistiges Armutszeugnis. Es braucht an dieser Stelle ein architektonisches Sühnezeichen, das auch äußerlich, in der Baugestalt, reflektiert, was an dieser Stätte historisch geschehen ist, vor allem während der „deutschen Katastrophe“ im 20. Jahrhundert. Warum meldet sich die Aktion Sühnezeichen nicht zu Wort? Die Finanzierung des Bauvorhabens, da haben Sie Recht, steht auf wackligen Füßen. Da ist noch mit mancherlei – für die Wiedererbauer vielleicht unangenehmen – Überraschungen zu rechnen.

Die Garnisonkirche steht für den Handschlag zwischen Adolf Hitler und Paul von Hindenburg.

Der „Tag von Potsdam“ am 21. März 1933 war sicherlich ein schwarzer Tag in der Geschichte der Garnisonkirche und auch des deutschen Protestantismus insgesamt. Aber die Geschichte der Garnisonkirche ist reich an schwarzen Tagen: Kriegspredigten 1914-18; kirchlich abgesegnete politische Agitation gegen die erste deutsche Demokratie, die Weimarer Republik, von 1919 bis 1933; schließlich lupenreine NS-Kultveranstaltungen der Hitlerpartei im Laufe des „Dritten Reiches“. Das waren nicht mehr Kundgebungen eines völkisch-antisemitischen Christentums seitens der „Deutschen Christen“, sondern Zeremonien der politischen Religion der NS-Bewegung. Was sich in dieser Kirche abspielte, überbot die gewöhnlichen Rituale und Liturgien der „Deutschen Christen“ an Radikalität und dürfte auch für die häufig braun gefärbten evangelischen Kirchen der Hitlerzeit ziemlich einmalig sein. Die Potsdamer Wiederaufbauinitiative hat nun – eher unfreiwillig – dazu beigetragen, dass die Garnisonkirche Potsdam inzwischen zu den besterforschten Kirchengemeinden der Region gehört. Vieles von dem kann man neuerdings in dem historisch-empirisch gründlich gearbeiteten Buch von Matthias Grünzig Für Deutschtum und Vaterland. Die Potsdamer Garnisonkirche im 20. Jahrhundert (Metropol 2017) nachlesen. Es handelt sich um eine Studie, die nicht aus dem Kreis der Wiederaufbauer hervorgegangen ist.

Zur Person

Manfred Gailus lehrt Neuere Geschichte am Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin. Zuletzt erschien von ihm die Monografie: Friedrich Weißler. Ein Jurist und bekennender Christ im Widerstand gegen Hitler (V & R 2017)

Sie ist die einzige Kirche, in der Hitler eine Rede gehalten hat.

Soweit ich sehe, ja. Mir sind bislang keine anderen Kirchen aus der Zeit des „Dritten Reiches“ bekannt, in denen Hitler ebenfalls als Redner hervortrat. Aber es war ja nicht allein „der Führer“. Nahezu alle Größen des „Dritten Reiches“ besuchten zu unterschiedlichen Anlässen diese Kirche, ich erwähne nur Joseph Goebbels, Hermann Göring, Alfred Rosenberg, Ernst Röhm, Baldur von Schirach. Als Reichsjugendführer vollzog Letzterer zum Beispiel Fahnenweihen der Hitlerjugend in der Kirche. Und die Orgel spielte Unsere Fahne flattert uns voran, das „Reichsjugendlied“. Sogenannte Märtyrer der NS-Bewegung wie Horst Wessel oder Herbert Norkus wurden hier in Totenfeiern der NSDAP geehrt. Natürlich traten auch Führungspersonen der „Deutschen Christen“ wie Reichsbischof Ludwig Müller oder der stellvertretende Reichsleiter Propst Loerzer und andere gern in der Garnisonkirche auf.

Otto Dibelius, damals noch Generalsuperintendent der Kurmark, nach dem Krieg Bischof von Berlin-Brandenburg, wurde für seine Mitwirkung am „Tag von Potsdam“ über viele Jahre Zielscheibe der SED-Propaganda …

Die Rolle von Otto Dibelius während des „Tags von Potsdam“ ist unterschiedlich bewertet worden. Der Tübinger Kirchenhistoriker Klaus Scholder etwa war in den 1970er Jahren noch bemüht, irgendwie Widerständiges aus Dibelius’ Predigt in der Nikolaikirche herauszulesen. Da muss man sich schon sehr bemühen, um ein bis zwei Sätze herauszuziehen.

Dibelius hielt diese Predigt am Vormittag im Rahmen eines Gottesdienstes.

Göring bedankte sich im Anschluss bei Dibelius und ließ ihn wissen: Das sei die beste Predigt gewesen, die er jemals gehört habe. In der neuen Studie von Grünzig findet sich die derzeit gründlichste Analyse zum Potsdamer Großereignis. Sie zeigt, dass Dibelius im Vorfeld des festlichen Staatsakts erheblich dazu beitrug, dass jener Festtag des „nationalen Aufbruchs“ schließlich so ablaufen konnte, wie er ablief. Von der Zeremonie in der Garnisonkirche und Hitlers Rede war Dibelius als Augenzeuge tief beeindruckt. Er verglich das kirchliche Potsdamer Ereignis mit dem Frankfurter Paulskirchenparlament von 1848 und dem Nationaltheater von Weimar als politischer Geburtsstätte der Weimarer Republik. Dibelius wollte im Potsdamer Staatsakt den symbolischen Auftakt zu einem neuen Abschnitt in der deutschen Geschichte sehen.

Dibelius hat nicht nur zur Reichstagseröffnung am 21. März 1933 die Festpredigt gehalten, sondern auch zur Eröffnung des ersten Deutschen Bundestags im September 1949 in Bonn.

Im September 1949 sprach Dibelius in Bonn als oberster Repräsentant der deutschen Protestanten, denn er war kurz zuvor zum Ratsvorsitzenden der EKD gewählt worden. Es sagt viel über seine Bedeutung als herausragender Kirchenführer, dass er gleich zwei Mal bei zäsurhaften Wendepunkten deutscher Geschichte der kirchliche Mann der Stunde war und seinen Segen gab.

Es wundert doch, dass es 2017 zu seinem 50. Todestag keine Veranstaltung gab, keine Festschrift, nichts.

Der 50. Todestag von Otto Dibelius im Januar 2017 ist auffallend schweigsam begangen worden. Für die hiesige Landeskirche Berlin-Brandenburg war Dibelius aufgrund der Vielzahl seiner Leitungsämter zwischen etwa 1920 und 1966 zweifellos eine herausragende Figur, eine Jahrhundertfigur. Es hat allerdings den Anschein, dass das aktuelle Dibelius-Bild innerkirchlich im Wandel ist. „Otto der Große“, wie kritische Protestantinnen ihn schon zu Lebzeiten nannten, ist kleiner geworden. Man weiß offenbar heute nicht mehr so recht, wie man mit ihm – dem deutschnationalen Generalsuperintendenten der Kurmark, der 1933 durch die „Deutschen Christen“ von seinem Amt suspendiert wurde und sich nach einigem Zögern 1934 der Bekennenden Kirche anschloss – umgehen soll. Seine wiederholten antisemitischen Auslassungen sind allgemein bekannt. Seine Nachkriegsrolle als scharf antikommunistischer „cold war bishop“ bedarf dringend der wissenschaftlichen Neubewertung. Es ist richtig: Es gab in diesem Jahr tatsächlich kein repräsentatives kirchliches Dibelius-Gedenken. Das fiel auf.

In der neuen Garnisonkirche soll ein Versöhnungszentrum entstehen. Ist das nicht generell das Problem der EKD-Erinnerungspolitik, dass sie die Menschen mit der Geschichte aussöhnen will?

Die inflationär geübte Versöhnungsrhetorik der Stiftung Garnisonkirche bleibt in vielerlei Hinsicht kryptisch. Wer oder was soll denn da mit wem oder womit „versöhnt“ werden? Vorläufig ist es doch faktisch so, dass durch dieses Kirchbauprojekt die Potsdamer Stadtgesellschaft schärfer gespalten worden ist als jemals zuvor während der letzten Jahre. Was die evangelischen Kirchen insgesamt betrifft, würde ich einen Unterschied machen zwischen der aktuellen Gedenkpolitik der EKD und dem Kreis der Potsdamer Wiedererbauer.

Inwiefern?

Auch wenn die EKD das Projekt relativ geringfügig finanziell unterstützt, so ist der Neubau der Garnisonkirche offensichtlich kein Herzensanliegen der gesamten EKD. Und auch die regionale Landeskirche (EKBO) übt deutliche Zurückhaltung. Man macht mehr widerwillig und mit erheblichen Zweifeln an der Sinnhaftigkeit des Vorhabens mit. Landesbischof Dröge verknüpfte mit der Kreditgewährung der EKBO die Maßgabe, dass nur der Turm in alter Form wieder entstehen dürfe, während das Gesamtprojekt Garnisonkirche auch äußerlich, also architektonisch, die Brüche der deutschen Geschichte und der eigenen Geschichte erkennbar abbilden müsse. Das ist immerhin eine Position, über die sich diskutieren ließe.

06:00 07.01.2018
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