Ist still am See

Slowenisch Peter Handke hat Fabjan Hafners traurige Gedichte herausgegeben. Als Übersetzer hätte er sich zurücknehmen sollen

Die Fabjan-Hafner-Passage in Klagenfurt ist ein trauriger Ort, ohne Hausnummern, ohne Briefkasten führt der Durchgang am Musil-Literaturhaus vorbei zur Bibliothek der Arbeiterkammer. Von dem so Geehrten sind dieser Tage Erste und letzte Gedichte erschienen, aus dem Slowenischen übersetzt und herausgegeben von Peter Handke. Dessen Vorwort ist noch trauriger als die kleine Passage: Angst grundiere diese Gedichte, „Angst, Kummer, Not, Ratlosigkeit, Verlassenheit, all dies begleitet von einem unermüdlich sich wendenden, an mich, an dich, Flehen, Flehenston: Hörst du mich? Hör mich!“.

Offenbar habe ich einen völlig anderen Menschen gekannt, von dem ich annahm, er sei glücklich: mit Frau und Kindern, einem Haus im Rosental, einer unbefristeten Festanstellung an der Uni – dem Traum eines jeden Akademikers! Von seiner Arbeit als Übersetzer wusste ich: 2006 hatte er den Österreichischen Staatspreis erhalten. So etwas spricht sich herum, nur er hat nicht darüber gesprochen. Und jeder Übersetzer ist immer auch ein Dichter. Für Fabjan Hafner war das Schreiben von Gedichten ein Übersetzen aus einer Sprache, die es nicht gibt. Das Bild aber, das Peter Handke von ihm zeichnet, stimmt so nicht. Ich will gar nicht erst damit anfangen, von den Gedichten eines Menschen eins zu eins auf dessen Persönlichkeit zu schließen. Der Unterschied von Dichter und lyrischem Ich ist auch Handke geläufig, wie bei Rimbaud: „Ich ist ein anderer.“ Und ich behaupte auch nicht, der beste Freund von Fabjan Hafner gewesen zu sein. Dennoch sei hier festgestellt: Fabjan Hafner war nicht der Angsthase, von dem uns das Vorwort in diesem Buch berichtet. Der Entschluss, sich das Leben zu nehmen, ist nie ein Zeichen von Schwäche. Fabjan Hafner war ein humorvoller und überaus belesener Mann, ein Kärntner Slowene, der viele Menschen inspiriert hat. Und als die Welt noch heil war, hat Hafner über Handke geschrieben, nicht umgekehrt. Seine Dissertation Unterwegs ins Neunte Land – über die Einflüsse des Slowenischen auf das Schreiben Handkes – gilt als Standardwerk.

Erwartungen der Kindertage

Der Leiter des Musil-Museums hatte uns 2010 miteinander bekannt gemacht. Fabjans Büro befand sich in der Etage über der Dauerausstellung von Christine Lavant, deren Briefe und Gedichte er mitherausgab. Klagenfurt war damals noch, wie das Land Kärnten im Jahr zwei nach Haiders Unfalltod, von den Freiheitlichen regiert. Und das war kein Vergnügen. Als „Piefke“, der beim Bachmann-Wettbewerb das Stadtschreiberstipendium ergattert hatte, war ich ob der politischen Verhältnisse irritiert. Allein schon die Gurkentruppe, die hier an der Macht war: Aus der FPÖ hatte sich das BZÖ abgespalten, davon wieder die FPK, die aber ausgesprochen Die Freiheitlichen in Kärnten hieß, also FiK. Der Klagenfurter Bürgermeister war ehedem der Tennislehrer von Jörg Haider, und der Landeshauptmann, also der Ministerpräsident, hatte früher das Lager einer Brauerei geleitet. „Beim Jörgl waren Karrieren möglich“, sagte Fabjan.

Die Gespräche mit Fabjan Hafner, der damals Mitte vierzig war, halfen mir über den kleinen Kulturschock hinweg: als Ossi bei den Ösis – und dann auch noch Kärnten! Eine angebliche Diktatur des Proletariats hatte ich bereits erlebt, aber das hier war die Diktatur der Proleten. Der Widerspruch von Geist und Macht hätte kaum größer sein können als in Kärnten. Allerdings traten Haiders Nachfolger auf der Stelle, oder wie Fabjan sagte: im Kreis. Er zitierte Rilke: „ein Tanz von Kraft um eine Mitte / in der betäubt ein großer Wille steht“.

In meinen Ohren hatte der FPK-Slogan „Unser Kärnten“ einen ähnlichen Sound wie „Unsere DDR!“. In beiden Ländern hatten Feiertage und Jubiläen die politischen Ziele ersetzt. Überall wurden Hände geschüttelt und Fotos gemacht. Und wie schon bei der SED sah man auch in der Selbstdarstellung der Freiheitlichen dauernd strahlende Kinder. Fabjan hat mir von einer Postille erzählt, die Jörg Haider auf ihrem Titel gebracht hatte – und eine seiner Töchter, damals noch sehr klein, saß beim Landeshauptmann auf dem Schoß. Was für ein Demagoge. Haider ließ sich mit slowenischen Kindern fotografieren, während er andernorts Kärnten für einsprachig erklärte.

Mehrsprachig gedruckt sind auch Fabjan Hafners Lyrikbände, von denen zu Lebzeiten drei erschienen sind. Er schrieb einmal, die Zweisprachigkeit sei ihm vertrauter als die Einsprachigkeit. „Ich bin mit zwei Sprachen aufgewachsen, noch ehe ich wusste, dass ich denke, gesellte sich zum Slowenischen das Deutsche.“ – Zweisprachig ist auch die von Handke herausgegebene und übersetzte Sammlung Erste und letzte Gedichte, aus dem Zeitraum von etwa 1982 bis vielleicht 1987 und von 2008 bis 2016. Damit ist es auch ein Buch des Literaturnobelpreisträgers; Suhrkamp hat den Umschlag mit einer Banderole versehen: „Übersetzt von Peter Handke“ – und genau hierin liegt die Schwäche des Bandes.

Aleš Šteger, der slowenische Dichter, Übersetzer und Verleger, schreibt in seinem berührenden Nachruf auf Fabjan Hafner, dieser sei als Übersetzer der Beste gewesen, den man sich als slowenischer Autor erträumen durfte. „Er war eine Institution ... Mit und durch Fabjan lebten Gedichte von Autoren wie Dane Zajc, Maruša Krese, Uroš Zupan, Tomaž Šalamun, Maja Vidmar und anderen im Deutschen auf, wurden bekannt und geschätzt. Er übersetzte darüber hinaus auch aus dem Serbokroatischen AutorInnen wie Tatjana Gromaća und Ana Ristović.“ Und selbstredend hat Fabjan Hafner auch die eigene Lyrik übersetzt. Seine Frau Zdenka, selbst Dolmetscherin mehrerer Sprachen, sagt, bei manchen Gedichten wisse sie gar nicht, welche Fassung zuerst da war, die slowenische oder die deutsche. Auch frage sie sich: „Wie weit geht eine Übersetzung und ab wann ist es schon ein neuer Text?“ Die besten davon wären in der Bibliothek Suhrkamp gut aufgehoben. Nur wäre es dann eben kein „Peter-Handke-Buch“ mehr, sondern „nur“ von ihm herausgegeben. Vier Jahre nach seinem „Ausderweltscheiden“ (Handke) wird er auf seine frühen und späten Gedichte reduziert: „Erwartungen der Kindertage – /niemals/verwirklicht// Verloren/ haben sie sich/ im Meer der Unmöglichkeit“.

Einmal wenigstens schimmert ein wunderbarer Humor durch: „KUH, / Riesenleib, / sanftmütiger, / im Stalldunkel / geborener, folgst zutraulich /gleich welchen Zug der Kette,/ noch auf deinem letzten Weg hin / zur Stadt, zum Fleischer …“ Ist jemals schöner von einem Rind gedichtet worden? „… Manchmal aber streifst du / mich mit den Hörnern, auf dass ich / nicht vergesse, dass du mich nur / deshalb nicht aufspießt, / weil du mich liebst.“ Verse, die wohl aus Versehen ins Buch geraten sind. Das gleiche Gedicht findet sich bereits im Band Freisprechanlage aus dem 2001 – aber nicht dasselbe. In Fabjan Hafners Übertragung ist die Kuh nicht sanftmütig, sondern lammfromm. „Nur manchmal streichelst du /mich mit deinen Hörnern, damit ich nicht vergesse, / dass du mich nur deshalb nicht aufspießt, weil du mich / liebst.“

Abhandengekommen

Noch gut erinnere ich mich an seinen Sarkasmus zur Klagenfurter „Dichterdichte“. Gibt es doch nirgendwo sonst, bezogen auf die Einwohnerzahl, derart viele Schriftsteller-Darsteller, Dutzende Wunschautoren, die in ihrem Keller kistenweise die eigenen Bücher gelagert haben, mit Titeln wie Rock ’n’ Roll des Herzens oder Partisan der Zärtlichkeit, für die sie bei Kleinverlagen horrende Summen bezahlt haben. Die Schmöker dieser Poeten werden in keinem Feuilleton besprochen, in keinem Laden verkauft. Und doch ist jeder und jede von ihnen Mitglied irgendeiner Jury, die einen Preis verleiht, dotiert mit 300 Euro. Einige sind sogar Herausgeber wichtiger Anthologien und schreiben Kolumnen in Briefkastenzeitungen. Manche haben gar einen wichtigen Titel, sind Präsident, Vorsitzende oder Obmann eines Schriftstellervereins, womit sie dann auch ihre Leserbriefe in der Kleinen Zeitung unterzeichnen.

Gleichzeitig hat Klagenfurt auf literarischem Gebiet ein paar wirkliche Schwergewichte vorzuweisen. Alexander Widner zum Beispiel oder Maja Haderlap. Und nicht zu vergessen der Büchner-Preisträger Josef Winkler, der unlängst seinen Vorlass an die Stadt verkauft hat, für das Musil-Institut. Der Preis: satte 460.000 Euro! Als die Debatte dazu vor etlichen Jahren aufkam, bot ich Fabjan via Facebook-Messenger meinen Vorlass an, all die Kisten in Berlin für schlappe 50.000 Euro. Ein Schnäppchen, wie ich meinte. Fabjan aber lehnte ab. In Geldfragen möge ich mich doch direkt an seinen Chef wenden, den Literaturprofessor Klaus Amann. Daraus wurde dann ein Running Gag. Als wir uns das nächste Mal in Klagenfurt trafen, habe ich Fabjan Ratenzahlung angeboten. Wieder ohne Erfolg. Als ich dann von seinem Tod hörte, musste ich an Josef Winkler denken. Nicht des Geldes wegen. Winkler steht wie kein anderer in der Literatur für das dunkle Kärnten. Hier gibt es eine Schwermut, eine Melancholie, die in keinem Reiseführer steht. Der Wörthersee im Herbst: der Inbegriff von Traurigkeit! „Is schon still uman See“, heißt es im Lied, wo selbst die Vögel traurig sind. „Wås da Vogl für a Not håt, brauch ihn neama frågn, / muaß jå selba mei Traurigkeit übas Wåssar trågn …“ Diese Schwermut muss auch Fabjan Hafner erfasst haben. Er ist der Welt abhandengekommen.

Am Südufer des Wörthersees hat Gustav Mahler viele Jahre in einer Villa gelebt, weiter oben im Wald hatte er sein Komponierhäuschen mit Blick aufs Wasser. Man sagt, seine Frau habe nicht verstehen wollen, wie man, während die eigenen Kinder im Garten herumtollen, so etwas Schreckliches wie die Kindertotenlieder erschaffen kann: „Nun will die Sonn’ so hell aufgehn / Als sei kein Unglück die Nacht geschehn.“ Als 1907 die kleine Maria-Anna, Mahlers Tochter, an Scharlach verstarb, zog die Familie weg.

Der Tod ist ein Meister aus Kärnten, genau genommen eine Meisterin – die Teadin. So jedenfalls erzählt es die Legende: Nach Sonnenuntergang soll man hier keine Wäsche aufhängen und auch keine „nassen Laiberln“ draußen hängen lassen. Die Teadin (ein hässliches Weib in verflicktem Rocke und mit großem Hut) wäscht das Hemd noch einmal aus. Und was die Teadin gewaschen hat, bringt seinem Träger den Tod. Bertram Karl Steiner, Schriftsteller und Kulturjournalist, sagt: „Es gibt keine Kärntner Geschichte, wo der Tod nicht seine Runde zieht, wo die Teadin nicht das letzte Wort hätte.“

Und ich sage: Literatur kann den Tod besiegen. Das vielleicht schönste Buch von Peter Handke, Wunschloses Unglück, handelt vom Freitod seiner Mutter, einer Kärntner Slowenin. Ein schmales Bändchen von 99 Seiten, und es zerreißt einem das Herz. Handkes Poesie hat ihren Tod überwunden. Als Herausgeber des vorliegenden Gedichtbandes wäre ihm das Gleiche gelungen, wenn er sich als Übersetzer zurückgenommen hätte. Seine besten Gedichte hat Fabjan Hafner selbst ins Deutsche übertragen; das Suhrkamp-Buch braucht unbedingt eine Fortsetzung.

In Freisprechanlage (mit dem slowenischen Titel: „Brezrocno govorjenje.“) ist dagegen von Schlussmachen die Rede. „DU HÖRST AUF“ lesen wir, „dir das Himmelblau / zu erträumen / (…) du hörst auf / aufzuhören.“

Info

Erste und letzte Gedichte Fabjan Hafner Herausgegeben und aus dem Slowenischen übersetzt von Peter Handke, Bibliothek Suhrkamp 2020, 117 S., 20 €

Hilfe bei akuten Krisen bietet jederzeit die Telefonseelsorge unter 0800 11 10 111 oder auf telefonseelsorge.de

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06:00 28.07.2020
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Ausgabe 32/2020

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