Mein Geist in Eurer Seele

Kurt Eisner Die CSU will nur marginal an den ersten Ministerpräsidenten des Freistaats Bayern erinnern. Ein Künstler hält dagegen

Mia san mia“ – seit nunmehr 73 Jahren gibt es die CSU, davon 70 Jahre als Regierungspartei. „Die tun so, als hätten sie Bayern erfunden“, sagt der Maler und Aktionskünstler Wolfram Kastner, „die Alpen und den Chiemsee – und natürlich auch den Freistaat.“

Zumindest das Letzte stimmt nicht. Den „Freistaat Bayern“ hat vor über 100 Jahren Kurt Eisner ausgerufen, und der war in der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, der USPD. Kastner hat schon vor Jahren versucht, ein Porträt des ersten bayerischen Ministerpräsidenten in die Staatskanzlei zu bringen. Der damalige Landesvater Horst Seehofer aber verwehrte die Aufhängung. Die Fotogalerie im Haus zeige nur die Ministerpräsidenten ab 1945; sonst müsse man in die Reihe ja auch Gustav von Kahr aufnehmen, der beim Hitlerputsch 1923 eine zwielichtige Rolle gespielt hatte. Wolfram Kastner schrieb ihm darauf einen Brief: Er habe gar nichts dagegen, man könne Herrn von Kahr ja etwas tiefer hängen. Keine Antwort. Ähnlich reagierte Barbara Stamm, damals noch Präsidentin des Landtags, Eisners wichtigster Wirkungsstätte. Ein solches Porträtfoto, hieß es, widerspräche „dem Grundgedanken der Gewaltenteilung und dem Selbstverständnis des Hohen Hauses“. Die Christsozialen wollen Eisner nicht vergessen machen. Im historischen Gedächtnis der Bayern soll er aber nur am Rand auftauchen, so wie sich die Kurt-Eisner-Straße in München eben am Stadtrand befindet. Kastner erzählt von dem Tag, „als unsere Spezialdemokraten im Stadtrat den Antrag stellten“. Die CSU habe Eisner als Kommunisten und Gewalt-Verursacher diffamiert. „Die Witwe seines Mörders lebte noch, und die Straßenbenennung würde ihre Gefühle verletzen.“

100 Jahre liegt die Tat jetzt zurück. Auf dem Weg zum Landtag, wo Eisner an jenem 21. Februar 1919 seinen Rücktritt bekannt geben wollte, wurde er von dem Burschenschaftler Anton Graf von Arco auf Valley hinterrücks erschossen. Sein Tod radikalisierte die politische Entwicklung bis hin zur Ausrufung der Räterepublik und deren blutiger Niederschlagung in der ersten Maiwoche. An der Stelle, wo Eisner starb, ist heute eine Gedenkplatte in den Boden eingelassen, an einer Straße, die ausgerechnet nach Kardinal Faulhaber benannt ist. „Ein Antisemit“, sagt Kastner, „der jedes Jahr zu Hitlers Geburtstag die Kirchenglocken läuten ließ.“ Als in der Woche darauf der Sarg zum Städtischen Krematorium überführt wird, begleiten Eisner rund 100.000 Menschen auf seinem letzten Weg. Kurt Eisner, der Intellektuelle, Pazifist und Sozialist: Kein König hat in Bayern ein solches Begräbnis erhalten …

Wolfram Kastner hat sein Atelier in München, in bester Lage, in einem Hinterhof in der Maxvorstadt. Nicht ganz billig, wie der 72-Jährige versichert; in dieser Stadt sei gar nichts mehr billig. „Die würden hier sogar ein Klo für 500 Euro vermieten.“ Allerhand Bilder stehen herum oder hängen, unter anderem expressive Porträts von verschiedenen bayerischen Revolutionären: Erich Mühsam, Sonja Lerch und natürlich Kurt Eisner. Ein Zettel hängt an der Wand: „Kunst ist (oft) schön, macht aber leider viel Arbeit und kostet Geld. Karl Valentin“. Auf die Vergabe des Valentin-Preises an Gabalier von neulich angesprochen, winkt Kastner ab. Gabalier? Wen interessiert’s?

Einspruch eines Weltbürgers

Der Maler ist viel beschäftigt. Wer ihn besucht, bekommt keinen Kaffee angeboten, kein Glas Wasser – aber Antworten. Das Beste an München sei, dass man von hier in alle Richtungen wegfahren kann. „Ich bin kein Münchner, obwohl ich hier geboren bin. Zu stickig, zu miefig. Ich bin Weltbürger.“ Julia Killet vom Münchner Kurt-Eisner-Verein, der zur Rosa-Luxemburg-Stiftung gehört, sagt, sie kenne keinen anderen Künstler in Bayern, der so oft mit der Polizei zu tun gehabt habe wie Kastner. Unlängst wurde er vom Landgericht zu einer Geldstrafe von 4.088,34 Euro verurteilt. Kastner hatte das Ehrenkreuz Alfred Jodls (hingerichtet bei den Nürnberger Prozessen 1946) mit roter Farbe verunstaltet. Für Kastner ist das kein Kenotaph auf der Fraueninsel im Chiemsee, sondern ein Gedenkstein für einen Kriegsverbrecher. Wäre das nicht ein Job für die Königlich Bayerische Antifa gewesen? Kastner lacht. „Der Stein ist ja noch da.“

Im vergangenen Jahr war er zu Besuch in Morcenx, einer 4.000-Seelen-Ortschaft im Südwesten Frankreichs. Dort gebe es ein Jean-Jaurès-Kulturzentrum, zu Ehren des sozialistischen Politikers, der vor Beginn des Ersten Weltkriegs durch einen Nationalisten ermordet wurde. „Die haben in einem Dorf ein ganzes Haus für den Abgeordneten Jaurès!“, sagt Kastner. „Und was steht in München für den ersten Ministerpräsidenten?“

Jean Jaurès wird der Satz zugeschrieben: „Tradition heißt nicht Asche verwahren, sondern eine Flamme am Brennen halten.“ Nichts anderes macht Kastner, wenn er beharrlich an Kurt Eisner erinnert. An diesem 21. Februar wird Das andere Bayern e. V. (der Verein, dem Kastner angehört und dessen Vorsitzender Konstantin Wecker ist) am Vormittag Kränze niederlegen, an der Stelle, wo Eisner zu Tode kam. Anschließend werden die Mitglieder im Rahmen einer Kunstaktion die Umbenennung des Marienhofs hinterm Rathaus in „Kurt-Eisner-Platz“ fordern.

Im Rückblick, so der Münchner Geschichtsprofessor Andreas Wirsching, erscheint Eisners Revolutionsregierung „geradezu als Garant der Stabilität“. Er habe Lenins Parteilehre abgelehnt und auch der Oktoberrevolution kritisch gegenübergestanden. Überhaupt sei Eisner kein Marxist gewesen, sondern ein „neokantianisch geschulter Humanist“. Grundlage seines Denkens waren die Aufklärung, die Ideale der Französischen Revolution – nicht die Jakobiner. Über Bildung und Kultur wollte er eine Hinwendung der Massen zur Idee einer sozial gerechten Welt erreichen.

In der Nacht zum 8. November 1918 hatte Kurt Eisner den „Freistaat Bayern“ ausgerufen, im Sitzungssaal des Landtags an der Prannerstraße. Die Wittelsbacher, das älteste Herrscherhaus Europas, waren abgesetzt und flohen bei Nacht und Nebel – einen Tag bevor auch in Berlin der Kaiser stürzte. Mit dem Rückhalt der Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräte war der Schriftsteller und Journalist zum ersten Ministerpräsidenten Bayerns gewählt worden, im Wissen darum, dass eine demokratische Wahl diese Entscheidung noch bestätigen musste. „Alle Beamte bleiben in ihren Stellungen. Grundlegende soziale und politische Reformen werden unverzüglich ins Werk gesetzt“, lautete eine erste Regierungserklärung. Und: „Jedes Menschenleben soll heilig sein!“

Sebastian Haffner sah in Kurt Eisner den einzigen „revolutionären Realpolitiker“ in Deutschland, weil er erkannt habe, dass die wirkliche Alternative nicht Räteherrschaft oder Parlamentsherrschaft hieß, sondern Revolution oder Gegenrevolution. Eisner habe ein ausgewogenes System angestrebt, von „Checks and Balances“ zwischen Rätemacht und Parlament. Die Räte waren für Eisner keine Übergangserscheinung. Der Künstler Wolfram Kastner sagt: „Kurt Eisner glaubte fest daran, dass die Menschen, die so lange als Untertanen gelebt hatten, die Demokratie erlernen könnten – indem sie sich in den Räten engagierten.“

Solange Kurt Eisner lebte, verlief die Revolution unblutig. Sein Kabinett, eine Koalition aus Unabhängigen und Mehrheitssozialisten, setzte – früher als auf Reichsebene – das Frauenwahlrecht durch, den Achtstundentag und einen Vorläufer der heutigen Arbeitslosenunterstützung. Heinrich Mann sagte in seiner Trauerrede: „Die 100 Tage der Regierung Kurt Eisners haben mehr Ideen, mehr Freuden der Vernunft, mehr Belebung der Geister gebracht als die 50 Jahre vorher.“ Seine Friedenspolitik war ihrer Zeit voraus. Christoph Dieckmann schrieb unlängst dazu: „Das Eingeständnis der deutschen Hauptschuld am Ersten Weltkrieg inklusive der sozialdemokratischen Schützenhilfe ist Eisners bleibendes Verdienst.“ Während zur gleichen Zeit in Berlin der SPD-Mann Friedrich Ebert die heimkehrenden Soldaten mit den Worten begrüßte: „Kein Feind hat euch überwunden!“

Söder ehrt lieber Wittelsbacher

In den Münchner Trinkhallen und freilich auch von der Kanzel herab war unterdessen zu hören, der Ministerpräsident sei Bolschewist; er sei kein Deutscher, sondern Galizier mit Namen Samuel Kosmanowski. Ein Jude, der den deutschen Kriegsgefangenen die Heimkehr verweigere – Hetze, die die Presse druckt. Bei den Landtagswahlen im Januar 1919 erleidet die USPD mit 2,5 Prozent der Stimmen eine bittere Niederlage. Eisner erhält immer mehr Morddrohungen.

Monate vor der Revolution, Eisner saß wegen Beteiligung an den Januarstreiks im Untersuchungsgefängnis, hatte er in einem Aufsatz sinniert, dass alle Menschen „Tote auf Urlaub“ seien. Viele versuchten durch gefälschte Scheine und Pässe die Frist zu verlängern. „Manche aber wissen, wie sie den Urlaub menschlich erfüllen sollen, daß sie ihre Seele retten und den Tod nicht fürchten, von dem sie kommen; daß sie der Wahrheit dienen und bis zur letzten Stunde die Erde reinigen helfen, für die Lebendigen von morgen …“

Wolfram Kastner sagt: „Die Bayern könnten stolz sein auf Kurt Eisner, darauf, dass die Demokratie bei uns älter ist als im übrigen Deutschland. Markus Söder aber redet das Oberhaupt der Wittelsbacher mit ‚Königliche Hoheit‘ an.“ In Bayern hätten ja sogar Linke ihre Schwierigkeiten mit Kurt Eisner – nicht mit dem Revolutionär, dafür aber mit dem Künstler. „Ein Erbe, das sie nicht annehmen.“ Im Münchner Stadtrat habe sich die Linkspartei mit der ÖDP zusammengetan. Kastner schüttelt den Kopf. „Die Linke kümmert sich um Umwelt und Verkehr und überlässt der ÖDP den Kulturausschuss! Was glauben die eigentlich, wie sie mit ihren Projekten die Öffentlichkeit erreichen? Durch die Abendzeitung? Die brauchen doch die Künstler.“

Kurt Eisner hat Kunst und Politik immer als Einheit gedacht. Er sagte: „Politik treiben ist genauso eine Kunst wie Bilder malen oder Streichquartette komponieren.“ Auch habe er keinen Zweifel daran, dass ein deutscher Staatsmann, der im Verdacht stehe, ein Gedicht machen zu können, hinreichend verdächtig sei, von Politik keine Ahnung zu haben.

Vor dem provisorischen Nationalrat, dem Vorläufer des Bayerischen Landtags, erklärte Kurt Eisner am 3. Januar 1919: „Der Künstler muss als Künstler Anarchist sein.“ Hat es in Bayern jemals wieder einen Ministerpräsidenten gegeben, der im Parlament über Kunst diskutierte? „Unsere Klassiker haben das Problem gesehen, dass durch die Schönheit die Menschheit zur Freiheit gelangt. Heute ist das Problem, durch die Freiheit zur Schönheit zu gelangen.“

Zum 100. Todestag hat Das andere Bayern eine Festveranstaltung geplant, am Abend im Saal des Alten Rathauses. SPD-Oberbürgermeister Dieter Reiter wird ein Grußwort sprechen; Eisners Enkel werden da sein. „Nur schade“, sagt Kastner, „dass die Stadt ihnen nicht mal die Anfahrt bezahlt.“ Musik wird es geben und eine Lesung aus den Schriften Kurt Eisners. Vielleicht auch die Liebesgedichte, die Wolfram Kastner von einem Enkel Kurt Eisners bekommen hat. Verse wie: „Laß meinen Geist in Deiner Seele weilen / und treib die andern Gäste schnell hinaus. / Mit keinem mag ich meine Ruhstatt teilen, / Einsiedler will ich sein in Deinem Haus.“ Eine Facette, die sich in der vierbändigen Eisner-Studienausgabe so gar nicht wiederfindet. „Die Poesie gehört doch zum Menschen dazu“, sagt Wolfram Kastner.

Karsten Krampitz ist Historiker und Publizist. Er schreibt regelmäßig für den Freitag. Zuletzt über Gerd Dietrichs Kulturgeschichte der DDR

06:00 21.02.2019
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