Die Causa Walter Homolka: Mutter, Märchen, Machtmissbrauch

Kolumne Sucht und Ordnung Dem Rabbiner Walter Homolka, der bislang dem Abraham-Geiger-Kolleg vorstand, wird Machtmissbrauch vorgeworfen. Der „Zeit“ hat er ein Interview gegeben – das wirft eine neue Frage auf
Der Rabbiner Walter Homolka nennt die gegen ihn erhobenen Vorwürfe „Rufmord“
Der Rabbiner Walter Homolka nennt die gegen ihn erhobenen Vorwürfe „Rufmord“

Foto: picture alliance/dpa/Ralf Hirschberger

Rabbiner Walter Homolka, hierzulande lange Zeit die einflussreichste Gestalt im liberalen Judentum, hat unlängst der Wochenzeitung Die Zeit ein Interview gegeben, in dem er die gegen ihn erhobenen Vorwürfe als Rufmord bezeichnet. Der Bericht der Untersuchungskommission der Universität Potsdam sieht das anders. Fazit: „Gegenüber Herrn Prof. Homolka haben sich bislang die Vorwürfe des Machtmissbrauchs durch Ämterhäufung, durch Schaffung problematischer Studien- und Arbeitsverhältnisse, durch Karriereeingriffe bestätigt.“

Doch zum Interview: Bemerkenswerterweise war bei den biografischen Angaben Homolkas nichts mehr von der jüdischen Herkunft seiner Mutter zu lesen, nur der Vermerk: „Sein Vater war katholisch, seine Mutter evangelisch. Mit 17 trat er zum Judentum über. Heute lehrt er Jüdische Religionsphilosophie …“ Bei Wikipedia liest sich das noch anders. Dort ist von einer Mutter „jüdischer Herkunft“ die Rede. Als Quelle wird ein Tagesspiegel-Artikel aus dem Jahr 2013 von Caroline Fetscher angegeben, die sich das sicher nicht ausgedacht hat.

Dem Potsdamer Abraham-Geiger-Kolleg, dem Walter Homolka bislang vorstand und das ihm zuletzt ein Urlaubssemester genehmigte, wird seit jeher von Teilen der jüdischen Community vorgeworfen, dass hier Konvertiten Konvertiten ausbilden. Mit der Geschichte seiner Mutter und seiner Großeltern hätte Homolka diese Kritik wenigstens teilweise entkräften können. Warum hat er sie nie erzählt?

Die Gruppe derer, die selbst oder deren Vorfahren vom Judentum zum Christentum übergetreten waren bzw. die als Ehepartner mit Menschen jüdischer Herkunft verbunden waren, belief sich in Deutschland im Jahr 1933 auf rund 400.000 Menschen. Ihre gesellschaftliche Ächtung ging mit einer unfassbaren sozialen Verelendung einher. Warum verschweigt uns Homolka dieses Familienschicksal?

Wie viele „nichtarische“ Protestanten in den Vernichtungslagern umgekommen sind, wissen wir nicht. Die evangelische Gemeinde, die sich im Ghetto Theresienstadt im Untergrund zusammengefunden hatte, umfasste zeitweilig bis zu 3.000 Protestanten jüdischer Herkunft. Homolkas Familie muss ein unglaubliches Glück gehabt haben.

Wenn der Professor wieder einmal an einer Gedenkveranstaltung zum Novemberpogrom 1938 teilnimmt und als Deutscher, der früher einmal Pfarrer werden wollte, die mitfühlenden Blicke seiner Landsleute entgegennimmt, für die sechs Millionen Opfer der Schoah – dann könnte er doch von seinen Angehörigen berichten. Am besten schon im nächsten Interview.

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