Pointen für den Arsch

Klagenfurt Im Kärntner Fasching machte man sich über Geflüchtete lustig. Sittenbild einer Gesellschaft, die immer weiter nach rechts driftet

Von einer Flüchtlingswelle aus Indien ist nichts bekannt, auch nicht in Österreich. Der Fasching in der Klagenfurter Messehalle 5 aber hat seine eigene Wirklichkeit: alte weiße Männer, die sich auf der Bühne als Pirat, als Schwein oder eben auch als Asylant austoben. Im Sketch „Unsere Migrationsklasse“ klopft sich das Publikum auf die Schenkel, als die Lehrerin Ranjid fragt, wie er denn nach Österreich gekommen ist. Antwort: „Von zu Hause auf Tiger, dann Elefant, dann Boot, dann Zug, dann Limousine.“ Alles lacht. Derweil sucht Abdula aus Syrien mit seinem Caritas-Handy nach Anleitungen zum Bombenbauen. Und der einzige Österreicher in der Klasse, der förderbedürftige Georg, der von Abdula dauernd gemobbt wird, sieht sich durch die Lehrerin aufgefordert, mehr Toleranz zu zeigen. „Georg“, sagt sie, „wir müssen alle Opfer bringen für unsere Freunde mit Migrationshintergrund.“ Er möge doch versuchen, seine Mitschüler „mit ins Boot zu nehmen“ ... Und los geht’s! Der Schüler aus Afrika ruft erschrocken: „Nix mehr Boot! Nix mehr Gummiboot!“ Die Lehrerin beruhigt ihn: „Du bist doch jetzt auf der Insel der Seligen.“ Darauf er: „Ja, ja. Auf Insel, wo gelandet, waren auch Seeigel.“ – Aus der Insel der Seligen wurde eine Insel mit Seeigel, was für eine armselige Pointe. Da muss wohl noch ein bisschen nachgelegt werden, und so wird gleich der afrikanische Hausmeister die Bühne respektive das Klassenzimmer betreten, das Gesicht mit schwarzer Farbe bemalt, und der Lehrerin erklären, dass er hier nicht arbeiten wird, weil da, wo er herkommt, nur die Frauen arbeiten …

Die „Fröhlichen Stadtrichter zu Clagenfurth“ gehören zu den Honoratioren der Stadt. Sie entstammen den besten Klagenfurter Familien, sind Kaufleute und Unternehmer. In Klagenfurt bilden sie die obere Mitte, wenn nicht gar die feine Gesellschaft. Zu ihrem diesjährigen Faschingsprogramm (Titel: „Bla Bla“) findet sich in der hiesigen Presse kein kritisches Wort; der vor Tausenden Leuten offen zur Schau gestellte Rassismus wird nicht einmal diskutiert. Die Kleine Zeitung, neben der Krone immerhin das meistgelesene Blatt in Klagenfurt, spricht von einem „Pointenfeuerwerk“.

Die Hetze zielt auch auf Helfer

Gerade hier in Kärnten, wo ein Gerhard Dörfler, als Landeshauptmann vor zehn Jahren Nachfolger von Jörg Haider, für lange Zeit Maßstäbe gesetzt hat: Während einer Pressekonferenz wusste er einen „Negerwitz“ zu erzählen – und zwar im Beisein Roberto Blancos! Dörfler und die Seinen, die 2013 im Zuge des Hypo-Skandals bei den Landtagswahlen spektakulär abgewählt wurden, tauchen im Programm so gut wie nicht auf. Warum auch, so kurz vor den Landtagswahlen am 4. März? Landeshauptmann Dörfler und mehrere Regierungsmitglieder wurden seinerzeit vor Gericht gestellt, wegen Amtsmissbrauch, Veruntreuung und Korruption. Aber das sind alte Geschichten. Wer loslässt, hat die Hände frei. Die „Stadtrichter zu Clagenfurth“ beschäftigen sich mit anderen Themen. Otto Umlauft zum Beispiel, seines Zeichens Textilunternehmer und ehemaliger ÖVP-Stadtrat: „#MeeToo hängt mir schon zum Hals heraus. Immer mehr Männer werden schwul – sicherheitshalber.“ Das, obwohl bei den „Stadtrichtern“ gar keine Frauen zugelassen sind.

Die SPÖ-Bürgermeisterin Maria-Luise Mathiaschitz dankte den „Stadtrichtern“ für ihr soziales Engagement. Gemeint ist die Unterstützung beim Ankauf eines Rotkreuzbusses, nicht aber eine der Caritas für ihre Flüchtlingshilfe, wie etwa das „magdas“, ein Lokal, in dem vom Staat anerkannte Flüchtlinge arbeiten. Sozial ist man hier zuerst den eigenen Leuten gegenüber; christliche Nächstenliebe gilt, wie der Name sagt, dem Nächsten, dem Nachbarn oder der Großtante.

Dabei hat es auch in Österreich und sogar in Kärnten im Jahr 2015 eine Welle der Hilfsbereitschaft gegeben. Nur wurden in den Reden von ÖVP und Freiheitlichen aus den geflüchteten Menschen sehr schnell „illegale Immigranten“, also Kriminelle. „Der NGO-Wahnsinn muss beendet werden“, erklärte Außenminister Kurz im Frühjahr 2017. Das Klima in der Gesellschaft kippte. Angst wurde und wird geschürt, vor der drohenden Invasion der Wirtschaftsflüchtlinge; davor, dass das Mittelmeer immer mehr Terroristen nach Europa spült. „Die Hetze“, sagt Elisabeth Steiner, „zielt inzwischen auch auf die Helfer der Flüchtlinge.“ Die langjährige Journalistin spricht aus bitterer Erfahrung. Im Gurktal betreut sie derzeit im Gasthof ihrer verstorbenen Eltern 14 Geflüchtete. Menschen aus Syrien, Irak und Afghanistan.

Ihre Pension ist in Österreich das einzige Asylquartier mit offenem Zutritt für jedermann, ist doch der Schankbetrieb im Erdgeschoss weiterhin offen. Aus dem „Bärenwirt“ hätte eine Stätte der Begegnung werden können, des kulturellen Austauschs. Und am Anfang seien auch noch viele Einwohner gekommen, aus dem Ort und der Umgebung, hätten Hilfe angeboten. „Die Leute waren neugierig. Mittlerweile aber wechseln dieselben Bürger die Straßenseite, wenn sie mich kommen sehen.“ Ähnliches berichten auch in Klagenfurt etliche Flüchtlingshelfer, die sich im Umfeld der Caritas engagieren; ihre Namen wollen sie nicht geschrieben sehen, weil sie in Familie und Nachbarschaft nicht angefeindet werden möchten. Ingeborg Bachmann schrieb einmal: „Man müsste überhaupt ein Fremder sein, um einen Ort wie Kl. länger als eine Stunde erträglich zu finden …“ Das war einmal. Das heutige Klagenfurt hat mit der Stadt, die Ingeborg Bachmann verlassen hat, nicht mehr viel gemein.

Nicht nur die Stadt – Österreich hat sich verändert. Protest meldet sich allenfalls noch in den Metropolen, nicht aber auf dem Land und in den Kleinstädten.

Die Krone als auflagenstärkste Boulevard-Tageszeitung sorgt jeden Tag dafür, dass die Machtteilhabe der FPÖ wie ein normaler demokratischer Vorgang aussieht. In der Regierung haben die freiheitlichen Bundesminister die Kontrolle über Polizei, Bundesheer und Staatsschutz. Herbert Kickl, der FPÖ-Innenminister, fabulierte unlängst davon, Flüchtlinge „konzentriert an einem Ort zu halten“. Die Grünen sind mit dem Kampf ums Überleben beschäftigt. Und die SPÖ? In einem ihrer Flyer zu den Landtagswahlen geht die Rede von „Schutz der eigenen Bevölkerung und Hilfe, wo sie tatsächlich gebraucht wird“.

Die SPÖ, die den Landeshauptmann stellt, hat von der Strache-FPÖ das Narrativ von der drohenden Asylantenflut übernommen und so den gesellschaftlichen Diskurs weiter nach rechts gerückt. „Stillstand beenden, Zukunft gestalten“, propagiert FPÖ-Spitzenkandidat Gernot Darmann auf Plakaten. Bei den Nationalratswahlen im Oktober 2017 wählten die Kärntner seine Partei wieder zur stärksten Kraft im Land, und es steht zu erwarten, dass die Blauen ein ähnliches Ergebnis zu den Landtagswahlen erzielen. Offenbar sind die Kärntner wirklich, wie Karl Kraus über die Österreicher gesagt haben soll, durch Erfahrung dümmer geworden.

Hilfssheriffs mit Hilfswumme

Der Schriftsteller Peter Turrini sieht in Sebastian Kurz einen „verlängerten Braunen“. Der 1944 geborene Theaterdichter sagte der Zeitung Kurier gegenüber: „Ein alter Mann im Vatikan denkt darüber nach, wie man den Flüchtlingen helfen könnte – und ein 31-jähriger Bundeskanzler in Österreich sorgt dafür, dass man ihnen, die zumeist viel Entsetzliches auf ihrer Flucht hinter sich gebracht haben, Unterstützungen entzieht, wo und wie es nur geht. Warum kämpft er nicht gegen Konzerne, die jährlich Milliarden unversteuert außer Landes bringen?“ Warum sollte Kanzler Kurz so etwas tun? Sein Projekt ist die durchliberalisierte Wirtschaft. Eben dafür braucht er die „soziale Heimatschutzpartei“, die Freiheitlichen. Deren Sprüche wirken wie Nebelkerzen, die den Abbau des Sozialstaats verschleiern. Bald schon wird bei der sogenannten Mindestsicherung, ähnlich Hartz IV in Deutschland, unter anderem auf das Vermögen der Antragsteller zurückgegriffen. All die Unterschichtenwähler der FPÖ, die nur keine Ausländer gewollt hatten, werden demnächst brav zur Kasse gebeten.

In Klagenfurt sieht man derweil die Ordnungsleute patrouillieren, in polizeiähnlicher Uniform. Im Schillerpark wird nicht mehr gesoffen, in der Einkaufszone nicht gebettelt; dem ästhetischen Bedürfnis der Mehrheitsbevölkerung wird Rechnung getragen. Und so mancher Hilfssheriff trägt am Koppel schon eine Pistole – keine echte, wie die Nachfrage ergeben hat, nur eine Schreckschusspistole. Klagenfurt, das „heuer“ den 500. Jahrestag seiner Schenkung durch Kaiser Maximilian I. an die Kärntner Landstände begeht, wirkt sicher. Hin und wieder wird ein Fahrrad gestohlen. Ansonsten muss man kriminelle Handlungen ganz woanders suchen.

Karsten Krampitz hat 2009 den Publikumspreis des Bachmannwettbewerbs gewonnen. Dieser Text erscheint demnächst in einer Klagenfurt-Anthologie des Drava-Verlags.

06:00 09.02.2018
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