Prof. Fink und die Erinnerung ans Vergessen

Rosa-Luxemburg-Stiftung Eine Broschüre will den jüngst verstorbenen Theologen würdigen, verschweigt aber viel Bekanntes
Prof. Fink und die Erinnerung ans Vergessen
Der Theologieprofessor Heinrich Fink, 1990

Foto: Manfred Uhlenhut/Picture Alliance/ddrbildarchiv

Unter den Christen in der DDR gab es nur vier Menschen, die sich öffentlich von Oskar Brüsewitz distanzierten, jenem Pfarrer, der sich im August 1976 auf dem Marktplatz in Zeitz mit Benzin übergossen und angezündet hatte. Unter ihnen das Ehepaar Heinrich und Ilsegret Fink. Der Ostberliner Theologie-Dozent diktierte einem Mitarbeiter des Staatssekretariats für Kirchenfragen telefonisch eine Erklärung, die an das SED-Politbüro weitergereicht und kurz darauf in der Neuen Zeit, dem Organ der Block-CDU, abgedruckt wurde: „Der Aufbau des Sozialismus in unserem Lande geschieht in einem vertrauensvollen Verhältnis zwischen Christen und Marxisten, bei dem unterschiedliche Standpunkte stets offen erörtert werden können.“

Leider wurde diese Wortmeldung nicht in die gerade erschienene Textsammlung der Rosa-Luxemburg-Stiftung (RLS) aufgenommen. Heinrich Fink, 1991 wegen Stasi-Vorwürfen entlassener Rektor der Humboldt-Universität zu Berlin, vor einem Jahr verstorben, ist mit einer kritischen Reflexion seiner DDR-Biografie nie auffällig geworden. Auch der RLS-Schmöker bietet in dieser Hinsicht keine neuen Erkenntnisse. Inwieweit war Fink als Bundestagsabgeordneter der PDS (1998 – 2002) immer noch der Meinung, dass er in den Jahren bis 1989 auf der richtigen Seite gestanden hatte – in einem Land, in dem selbst unter Honecker noch knapp 3.000 Menschen pro Jahr nach politischen Paragrafen verurteilt wurden, oft zu langen Haftstrafen, obwohl sie weder gestohlen noch irgendwem Gewalt angetan hatten?

Die 146-Seiten-Broschüre trägt den Titel Frieden als Lebensgrundsatz – tatsächlich? Der Berliner Pfarrer Rudi Pahnke erinnert sich noch gut daran, wie er Heinrich Fink Anfang der 1980er in dessen Wohnung aufsuchte. Der Direktor der Sektion Theologie an der HU hatte prominenten Westbesuch: Dorothee Sölle und Luise Schottroff. „Die beiden Theologinnen haben natürlich von der Friedensbewegung erzählt, den Demos und Sitzblockaden gegen die NATO-Hochrüstung. Und als Dorothee Sölle mich fragte: ‚Wie geht’s denn eurer Friedensbewegung?‘, unterbrach Fink das Gespräch und sagte: ‚Darüber wollen wir heute nicht reden.‘“

Überhaupt: Was ist so schlimm daran, wenn ein Professor gefeuert wird, der viele Jahre nachweislich seine Kollegen und Studenten bei der Stasi angeschwärzt und dafür sogar Geldprämien und eine Medaille bekommen hat? In der Linke-nahen Stiftung schmückt man sich gern mit dem Luxemburg-Zitat: „Wie Lassalle sagte, ist und bleibt die revolutionärste Tat, immer ‚das laut zu sagen, was ist‘.“ Dazu gehört auch, zu sagen, was war.

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06:00 12.05.2021
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Ausgabe 19/2021

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