Über die Verdrängung von Geschichte

Dokumentation Am vergangenen Samstag wurde mir der Kärntener Kulturvogel 2020 verliehen. Den Anlass nutzte ich, um über Erinnerungspolitik in Kärnten zu sprechen. Meine Rede im Worlaut
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Über die Verdrängung von Geschichte
Klagenfurt „am Fuße des Wörthersees“, wie der Bürgermeister einst sagte. Nicht im Bild: die allzu gern vergessene Geschichte unter der Oberfläche

Foto: Joern Pollex/Getty Images for Ironman

In Klagenfurt einen Preis zu bekommen, ist für einen Schriftsteller immer eine große Sache. Mit meinem letzten Preis fing alles an, 2009 der Publikumspreis beim Bachmann-Wettbewerb. Damals haben mir viele Freunde geholfen. Und auch heute bekomme ich den Preis von meinen Freunden. Und er bedeutet mir sehr viel!

Klagenfurt und Kärnten, Celovec und Koroška sind mir inzwischen ein Stück Heimat geworden. Nach Möglichkeit bin ich jedes Jahr für ein paar Wochen hier oder, wenn ich ein Theaterprojekt oder ähnliches habe, für ein paar Monate. Die Zeit, die ich hier verbringe – am Seespitz, im Theatercafé bei der Frau Veronika oder auf dem Wachsenberg bei meinem Freund Heinrich Baumgartner – ist für mich keine verlorene Zeit. Hier tanke ich auf. Wenn ich bei Heinrich zu Besuch bin, muss nicht funktionieren, nicht parieren. Ich muss nur sein; dasitzen auf der Bank vorm Haus, atmen und runter auf die Stadt sehen, auf Feldkirchen…

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Ein noch größeres Glück in meinem Leben passierte vor nunmehr zehn Jahren hier in Klagenfurt, als mich A., die ich in Berlin kennengelernt hatte, hier in Klagenfurt besuchte. Ich habe damals in der Zweitwohnung meines Verlegers Achim Zechner in der August-Jaksch-Straße gewohnt. Es war der 24. Juni 2011. Seither sind wir zusammen, leben in einer glücklichen und manchmal auch anstrengenden Beziehung.

Den Tag als ich sie vom Flughafen abholte, werde ich so schnell nicht vergessen. Wir stiegen in ein Taxi und ich bemerkte, dass der Fahrer, wenn man so will, einen serbischen Migrationshintergrund hatte. Das trifft sich gut, dachte ich. Hatte ich doch am Morgen im Radio gehört, dass laut einer Umfrage die meisten Serben nicht glauben, dass Srebrenica – der Massenmord an mehr als 8.000 Bosniaken, fast ausschließlich Männer und Jungen im Alter zwischen 13 und 78 Jahren, im Juli 1995 stattgefunden hat.

Meine Liebste und ich saßen auf dem Rücksitz und ich dachte mir so: Nutz doch mal die Gelegenheit…

„Entschuldigen Sie, ich hab da heute was im Radio gehört… Und da Sie ursprünglich aus Belgrad kommen, gestatten Sie eine Frage: Hat Srebrenica stattgefunden?“

Der Taxifahrer tickte völlig aus. Der Mann war kurz davor, uns rauszuwerfen. Ich weiß noch, er sagte, dass gerade ich als Piefke mich um die eigene Geschichte kümmern soll. Was Deutsche im Krieg den Serben angetan haben und vor allem den Juden … Womit er auch recht hatte. Nur: In Deutschland zweifelt kaum jemand, dass Deutsche das getan haben. Das ist doch der Unterschied. Niemand sagt, dass es Auschwitz nicht gegeben hat (nicht mal die AfD).

Und dann waren wir auch schon in der August-Jaksch-Straße. Alles ging schnell. Kein Smalltalk mehr zur Versöhnung. Er gab uns die Koffer, wir bezahlten die Fahrt.

Dass der Mann so ausrastet, hätte ich nicht gedacht. In meinem Beruf befrage ich oft Zeitzeugen. Und weder als Historiker noch als Schriftsteller war es mein Job, Menschen mit ihrer Geschichte auszusöhnen. Warum erzähle ich das?

Gewiss war der Taxifahrer – ob seiner jugoslawischen Herkunft – nicht repräsentativ für die Kärntner Bevölkerung. Doch von diesem Tag an habe ich den Leuten hier gerade in Fragen ihrer Geschichte stärker zugehört. Und der Taxifahrer, das kann ich sagen, ist nicht der einzige, den die Vergangenheit quält. Eine Vergangenheit, die nicht aufhören, nicht zu Ende gehen will.

Was der Mensch ist, ist er geworden. Unsere Wirklichkeit besteht nicht nur aus unserer Gegenwart, sondern auch aus unseren Wünschen an die Zukunft und nicht zuletzt aus unserer Geschichte. Schon Heiner Müller hat das festgestellt: Die Toten sind nicht wirklich tot. Die sind immer noch bei uns.

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Im letzten Jahr habe ich für ein Radiofeature zu Kärntner Seele recherchiert und mit Leuten gesprochen. Das Feature lief Ende Dezember im Deutschlandfunk. Ein Interview, das ich geführt habe, konnte ich nicht in das Hörstück reinnehmen, das hätte alles gesprengt: mein Gespräch mit der Theatermacherin Alina Zeichen. Kärnten, sagte sie, war im sogenannten Dritten Reich die einzige Region, in der es einen bewaffneten Widerstand gegen die Nazis gegeben hat (blenden wir mal den 20. Juli 1944 aus). Man kann es aber auch so sehen: Nur in Kärnten hat es während des Zweiten Weltkriegs einen Bürgerkrieg gegeben. Hier haben Kärntner auf Kärntner geschossen. Kärntner haben Kärntner getötet. Diese Geschichte ist nie wirklich aufgearbeitet worden. Die „Lügende“, dass Österreich 1938 das erste Opfer Nazideutschlands war, hat offenbar das tatsächliche Geschehen überlagert.

In Kärnten, das habe ich gelernt, wollen die Menschen nicht auf ihre Vergangenheit angesprochen werden, gleichwohl hier Tradition und Brauchtum hochgehalten werden – mit Geschichte aber will man nicht behelligt werden! Ein Beispiel nur: Vor einer Woche z.B. hat der aktuelle Jörg-Haider-Preisträger der neuen Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin im ORF vor laufender Kamera gratuliert. Ich habe darüber geschrieben und den Artikel auf Facebook geteilt und böse Kommentare bekommen. Ich möge mich doch mehr um Stasi, Merkel und Bandidos kümmern, hieß es.

Die Verdrängung von Geschichte hat in Kärnten über Generationen hinweg eine tiefenpsychologische Dynamik entwickelt. Historische Ereignisse, die nicht erzählt, nicht thematisiert werden, so der Kärntner Gedenkstättenpädagoge Peter Gstettner, verschwinden nicht einfach aus unserer Gedankenwelt; die kollektive Erinnerung daran versinkt ins gesellschaftlich Unbewusste, wie in einen Orkus, ein Totenreich, ein ‚schwarzes Loch‘, das alle unterdrückten Ängste, Wünsche und Erinnerungen etc. aufnimmt. Das Problem dabei: Die Energien des nicht verarbeiteten Geschehens bleiben als ‚unterirdisches Wissen‘ erhalten. Und mit der Zeit entwickeln die verdrängten Gedanken, Gefühle und Erinnerungen ein destruktives Eigenleben. Die Erinnerung, die man eigentlich vergessen wollte, ist jederzeit bereit, aus dem Orkus wieder aufzusteigen und den sich dunkel erinnernden Menschen zu quälen, als wäre die Gegenwart nicht schon schlimm genug. Viele Kärntner fühlen sich erschöpft vom Wandel ihrer Lebenswelt – von der Digitalisierung, Globalisierung und dann noch Corona. Früher oder später passiert es: Der Mensch beginnt zu hassen. Denn Hass betäubt den Schmerz. Ähnlich den Schuldgefühlen wird auch der Hass nicht immer dort verarbeitet, wo er entsteht. Die Feindbilder sind austauschbar: Flüchtlinge, Schwule oder auch Klugscheißer aus Deutschland.

Eine gute Erinnerungspolitik, so Peter Gstettner, ist nicht nur im Sinne der Opfer. Wir müssen unsere Geschichte annehmen. Friedrich Nietzsche schreibt in seinen Unzeitgemäßen Betrachtungen, dass die Menschen immer „die Resultate früherer Geschlechter sind und damit auch die Resultate ihrer Verirrungen, Leidenschaften und Irrthümer, ja Verbrechen.“– Es ist nicht möglich, seine historische Haut abzustreifen. Menschen, die zu ihrer Geschichte einen gestörten Zugang haben, haben eine gestörte Wirklichkeitswahrnehmung. Und damit auch eine gestörte Zukunft.

Deshalb ist Erinnerung wichtig. Und deshalb ist der Kampf um das historische Gedächtnis der Gesellschaft von großer Bedeutung. Überlassen wir die Geschichte nicht den Leugnern, den Märchenerzählern. Es ist eben nicht egal, welchen Namen öffentliche Plätze und Straßen tragen. Wer das historische Bewusstsein einer Gesellschaft prägt, ihr seinen Stempel aufsetzt, der besitzt einen enormen Stellungsvorteil im Ringen um die kulturelle Hegemonie. Und wer die besitzt, gewinnt Wahlen.

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Zum Schluss will ich noch mal kurz auf den aktuellen Konflikt um die Franz-Palla-Gasse in Klagenfurt zu sprechen kommen. Dr. Palla, der berühmte Chirurg, der in seinem Leben 70.000 Operationen durchgeführt haben soll, darunter aber auch Zwangssterilisationen während der NS-Zeit.

Wie ich gelesen habe, empfahl eine Historikerkommission unter dem von mir sonst sehr geschätzten Wilhelm Deuer, die Straße nicht umzubenennen, sondern mit Zusatztafeln zu versehen, die die gesamte Lebensgeschichte von Franz Palla darstellen sollen und dabei auch die NS-Zeit einbeziehen. Bürgermeister Scheider (von ihm als Haider-Preisträger war bereits die Rede), verwies darauf, dass auch Prof. Dr. Peter Gstettner vom Gedenk- und Erinnerungsbeirat, sich für Zusatztafeln ausspreche und eine Umbenennung der Dr.-Franz-Palla Gasse ablehne. Aus seiner Sicht würde eine Umbenennung auch das generelle Vergessen fördern und sei daher nicht im Sinne eines Erinnerungsbeirates.

Wenn Peter Gstettner hier wäre, würde ich ihn fragen: „Lieber Peter, wie kann man etwas vergessen, an das es – zumindest kollektiv gesehen – keine Erinnerung gibt?“ Und ich rede hier von den Opfern der Zwangssterilisation.

Das am 1. Januar 1934 in Kraft getretene „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ (GzVeN), das in großen Teilen noch aus den Schubladen der Weimarer Präsidialkabinette stammte, sprengte seinerzeit alle bis dahin bekannten Dimensionen. Denn im Unterschied zu den Sterilisationsgesetzen anderer Staaten, wie den USA oder Dänemark, nahm sich der NS-Staat das Recht heraus, Zwangsmaßnahmen anzuwenden. Das Gesetz definierte, wer durch wen im Deutschen Reich unfruchtbar gemacht werden sollte. Darunter fielen vermeintlich Schwachsinnige, wozu in der Realität auch politische Gegner gezählt wurden, Menschen mit Schizophrenie wie auch mit angeblich „zirkulärem (manisch-depressivem) Irresein“, mit schwerer körperlicher Behinderung, mit Epilepsie oder auch Menschen mit erblicher Blindheit oder Taubheit. Hinzu kam unter § 1, Absatz 3 eine weitere Gruppe: „Ferner kann unfruchtbar gemacht werden, wer an schwerem Alkoholismus leidet.“

Tatsächlich handelte es sich um das erste Rassegesetz der Nazis, auf dessen Grundlage deutsche und ab 1938 österreichische Ärzte bis ins Jahr 1945 etwa 400.000 Menschen zwangssterilisierten, d.h. fast ein Prozent der deutschen Bevölkerung im Alter von 16 bis 50 Jahren. Circa 4.500 Frauen und 500 Männer starben an den Folgen der Eingriffe.

Was geschah mit diesen Menschen, die fortan das Stigma der Erbkrankheit trugen, denen jegliche Perspektive, eine Familie zu gründen, genommen worden war? Zwangssterilisierte durften nur Zwangssterilisierte heiraten. Sie durften keine weiterführenden Schulen besuchen, eine freie Berufswahl war ihnen unmöglich. Schon gar nicht durften sie über das Geschehene sprechen.

Das Leben dieser Menschen wurde zerstört. Nach dem Krieg wurden nur die wenigsten von ihnen rehabilitiert. 76 Jahre nach Kriegsende leben die Opfer nicht mehr. Während bei anderen NS-Opfergruppen die Nachgeborenen für sie sprechen können, ist es bei den Opfern der Zwangssterilisation an uns, ihrer zu gedenken – und nicht der Täter! Und da ist es ohne Belang, wieviele Blinddarmoperationen dieser Arzt in seinem Arbeitsleben durchgeführt hat und wieviele Gallen-OPs. Während die Opfer des ersten Rassegesetzes in der NS-Zeit in Vergessenheit geraten sind, erinnert die Stadt Klagenfurt an einen Täter. Was sind schon die Debilen, Asozialen und Irren gegen Zehntausende zufriedene Kärntner Patienten?

Meine Bitte an alle hier: Wenn dieser Bürgermeister, der für seine ‚Expertise‘ in geschichtlichen Belangen weit über Klagenfurt bekannt ist (man gebe nur seinen Namen bei Youtube ein), wenn Christian Scheider das nächste Mal einen Stolperstein verlegt für die Opfer der Shoa, dann sollten wir ihm diese Heuchelei nicht durchgehen lassen.

Und deshalb bedanke ich mich nicht nur für diesen Preis. Ich danke dem Theaterverein VADA dafür, dass sie an die vergessenen Opfer des ersten NS-Rasse-Gesetzes erinnern.

Habt vielen Dank! Smrt fašizmu!

15:15 29.06.2021
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