Vor den Toren unserer Zeit

Gegenwehr Obdachlose gründen eine bundesweite Selbstvertretung. Für Angst sorgt nicht nur ein Brandanschlag in Berlin
Vor den Toren unserer Zeit
Auf dem Bild sehen Sie nicht: Handy, Geld, Waschgelegenheit

Foto: Stefan Weger

Zwei Obdachlose campieren am Berliner S-Bahnhof Schöneweide. Es sind Lothar D., 62 Jahre alt, und sein Kumpel, der 47-jährige Andy V. Am Bahnhofsvorplatz hinter dem Fahrstuhlschacht haben sie ihr Quartier aufgeschlagen, mit all ihren Habseligkeiten und freilich auch dem ganzen Müll. Als am vorletzten Sonntag ein Unbekannter die auf dem Boden Schlafenden mit einer brennbaren Flüssigkeit übergießt und anzündet, eine drei Meter hohe Stichflamme emporschießt, die beiden Männer sich schreiend auf dem Boden wälzen und nur dank des beherzten Eingreifens der Leute aus dem benachbarten Imbiss überleben, die die Flammen mit einem Feuerlöscher ersticken und den Rettungswagen rufen – schreibt die Berliner Zeitung über die Opfer: „Die beiden Männer mögen es, auf der Straße zu leben, berichten Anwohner. Für sie sei es ein Stück Freiheit.“ Dann sind die beiden Obdachlosen wohl auch selber dran schuld? Die Anwohner wissen natürlich Bescheid, ganz klar.

Vielleicht sollten die drei Kriminalreporter, die den Artikel unterzeichnet haben, im Zuge ihrer investigativen Recherche mal ein paar Tage „Platte machen“. Und Nächte! Mit allem, was so dazugehört: Isomatte, Schlafsack, Flachmann und so weiter. Oder eben, was nicht dazu gehört: kein Handy, kein Geld, keine Waschgelegenheit. Was zum Essen gebraucht wird, muss beim „Sitzung halten“ erschnorrt werden. Wobei die Bulette am Kiosk vermutlich etwas teurer sein wird als daheim. Und auch das Pinkeln kostet. Egal, Besitz belastet. Ansonsten aber: die Stadtluft, die Freiheit – herrlich! Gerade jetzt im Sommer. Das wahre Leben in den Straßen von Berlin, der Hauptstadt des Organisierten Gebrechens. Ihre Reportage könnten die Undercover-Jungs dann in einer der Notunterkünfte ausklingen lassen, die für ihre menschenwürdigen Zustände bekannt sind. Allerdings wird es nicht leicht, ein Bett im Schlafsaal zu ergattern, haben doch um diese Jahreszeit die meisten Einrichtungen geschlossen. Bei der Stadtmission in der Franklinstraße oder bei der motz lohnt sich ein Versuch aber allemal …

Zu langsam für die Medien

„Niemand ist froh, auf der Straße zu leben“, heißt es in der Präambel des Programms, das sich in der vergangenen Woche die Selbstvertretung Vereinter Wohnungsloser gegeben hat. Auf dem Gelände der Diakonie in Freistatt in Niedersachsen trafen sich zum dritten Mal seit 2016 Obdachlose und ehemalige Obdachlose aus zehn europäischen Ländern. Einig waren sich die 120 Teilnehmer, unter ihnen fünfzehn Frauen, in der Prämisse: „Wohnungslos zu sein bedeutet schutzlos zu sein.“ In der Abgeschiedenheit des Freistätter Moors sickerten erst nach und nach die Nachrichten von den schrecklichen Vorgängen in Berlin durch. Robert Trettin, stellvertretener Sprecher der Nationalen Armutskonferenz, meldete sich telefonisch beim Orga-Team und erzählte von der Mahnwache am Bahnhof Schöneweide – und seinen gemischten Gefühlen. Die meisten dieser Leute wären doch zuvor an dem Platz nur vorbeigegangen, immer wieder sei zu hören gewesen: Die müssten hier weg, ein Schandfleck sei das. Trettin forderte das Wohnungslosentreffen zu einer Reaktion auf. „Wir müssen uns zu Wort melden.“ Es sollte zwei weitere Tage dauern, bis das Plenum eine Erklärung verabschieden konnte – zu spät, um in den Medien zu diesem Thema noch wahrgenommen zu werden.

„Wir, die Teilnehmenden des 3. Wohnungslosentreffens in Freistatt, erklären uns mit unseren Brüdern solidarisch. Wir sind tief bestürzt. Für uns ist Gewalt eine alltägliche Erfahrung – Gewalt als Folge der Verrohung des menschlichen Miteinanders und des allgemeinen Rechtsrucks.“ Eine erstaunliche Deutung; auf der Straße sind Rechts und Links keine üblichen Denkfiguren, wo es nur ein Unten gibt. Oft genug versuchen AfD und Pegida, in ihren Reden und Pamphleten Obdachlose gegen Geflüchtete auszuspielen.

Auf dem Plenum in Freistatt bedurfte es dann auch einiger Anstrengungen, um in sachlicher Weise über „Roma-Banden“ zu reden. Erst am zweiten Tag stellte sich heraus, dass mit Robert B. sogar ein Rom vor Ort weilte. Der 24-Jährige war der Übersetzer für die ungarische Teilnehmergruppe. Der Konflikt liegt in der Natur der Sache. Während man in Westeuropa obdachlos wird, nachdem die Familie zerstört ist, sind bei den Roma die familiären Strukturen intakt. Mit ihren Clans sind sie den „normalen“ Obdachlosen turmhoch überlegen. Vor allem aber haben die Roma eine eigene Identität.

Auf der Suche nach einer solchen luden die Organisatoren Rainer Langhans ein, den Wanderprediger der Alt-68er, dem auch in Freistatt keine Predigt leidtat. Auf ein Zitat von früher angesprochen („wir müssen die besseren Faschisten werden“), warf Langhans mit rhetorischen Nebelkerzen um sich. Überall seien Faschisten, immer noch, vor allem in uns selbst. „Wir müssen den Faschisten in uns überwinden. Und besser werden …“ Gott sei Dank wurde ihm in der Runde widersprochen, was in der Szene nicht selbstverständlich ist. Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Wohnungslosenhilfe schätzt, dass in Deutschland momentan 52.000 Menschen auf der Straße leben (wohnungslose Flüchtlinge sind dabei nicht berücksichtigt); nicht wenige von ihnen zeigen sich anfällig für rassistische Parolen. Und so wurde in den Arbeitsgruppen die Frage nach dem Rechtsruck durchaus diskutiert, jedoch nicht mit Rainer Langhans. Als Anfang 2016 die sexuellen Übergriffe in der Kölner Silvesternacht zur Projektionsfläche für die Flüchtlingsdebatte wurde, waren es Kölner Neonazis, die Schlafsäcke an Obdachlose verteilten. Und es waren jugendliche Flüchtlinge aus Syrien und Libyen, die am Weihnachtsabend 2016 in Berlin einen Obdachlosen anzündeten. Am Leipziger Hauptbahnhof, wird berichtet, wo derzeit 30 bis 40 Obdachlose in den Abrisshallen auf dem westlichen Bahngelände leben, kommt es immer wieder zu heftigen Auseinandersetzungen mit arabischen Drogendealern, bis hin zu Messerstechereien mit Todesfolge. Dennoch sind es nicht die Dealer, die die Obdachlosen aus den Bahnhöfen vertreiben, sondern Wachschutz und Polizei. Aus der Mitte der Gesellschaft droht die Verdrängung.

Künstliches Koma

Bahnhöfe sind die Stadttore unserer Zeit. Wie im Mittelalter sammeln sich dort die Mühseligen und Beladenen, die Kranken und die Bettler. Lange waren Obdachlose hier halbwegs sicher vor Überfällen und Gewalt. Aber das war einmal. Die großen Bahnhöfe wurden zu Shopping Malls umgebaut, in denen kein Platz ist für Unbehauste. Und die kleinen Bahnhöfe entwickeln sich buchstäblich zu sozialen Brennpunkten. Eines der beiden Opfer des Brandanschlags, der ehemalige Maurer Andy V., den die Ärzte auf der Intensivstation in ein künstliches Koma versetzt haben, sagte noch im April in einer RBB-Sendung zum Thema Obdachlosigkeit: „Ich wohne hier, das ist mein Wohnzimmer.“ Inzwischen würden viele Obdachlose aus dem Zentrum Berlins auch in seine Gegend vertrieben. „Und da kommen auch Leute, die man gar nicht kennt.“ Es gibt keine klare Konfliktlinie. Die Bedrohung ist allgegenwärtig. Sie geht von Fremden aus, von Jugendlichen, von Anwohnern, vielleicht sogar von einem selbst und eben auch von anderen Obdachlosen. Auf der Straße gibt es keine Solidargemeinschaft. Die Verdrängung Obdachloser aus den zentralen Bahnhöfen hin zu Randbahnhöfen führt dort nun zunehmend zu einer Verdichtung der sozialen Schieflage.

Obdachlosigkeit als Straftat

Harald Thisted Gjersøe, Präsident des europäischen Netzwerks „Hope - Homeless in Europe“, sieht in dieser Art der Vertreibung von den Bahnhöfen und öffentlichen Plätzen in Europa das Hauptproblem, wie er auf dem Treffen sagt. Jürgen Schneider vom Armutsnetzwerk pflichtet ihm bei: „Die Vertreibung der Obdachlosen aus den Bahnhöfen und der Innenstadt muss gestoppt werden. Sozial ist anders.“ In dem Verein fürchtet man, dass der Verdrängungsprozess mit einer Kriminalisierung von Obdachlosigkeit einhergeht, wie sie in Ungarn seit Jahren Realität ist. In Freistatt berichteten zwei Vertreterinnen der ungarischen Bürgerinitiative A Város Mindenkié (Die Stadt gehört allen) von den staatlichen Zwangsmaßnahmen, denen Obdachlose ausgesetzt sind: polizeiliche Willkür bis hin zu Prügel und Gefängnis. Unlängst wurde im Parlament ein Gesetz verabschiedet, das Obdachlosigkeit de facto zur Straftat erklärt. Immer mehr Obdachlose schlafen nicht mehr in Parks, sondern in den Wäldern. Gewaltexzesse wie jüngst in Berlin stellen in Deutschland eher die Ausnahme dar – nach Berichten der Bürgerinitiative sind sie in Ungarn die Regel. Besonders für obdachlose Frauen wird das Leben auf der Straße unerträglich. Mit dem Verlust der Wohnung haben sie auch ihre Kinder verloren, die der ungarische Staat in Heimen zwangsuntergebracht hat. Zur strukturellen und physischen Gewalt kommt noch die sexuelle Gewalt hinzu, denen die Frauen ausgesetzt sind. Obdachlose in Ungarn sind nicht nur schutzlos, sie sind rechtlos.

Für das Hope-Netzwerk bedeutet das die höchste Alarmstufe. Viktor Orbáns Flüchtlingspolitik hat in etlichen EU-Ländern Schule gemacht (unter anderem in Tschechien, in Polen und in Österreich). Wer garantiert dafür, dass seine Obdachlosenpolitik nicht den gleichen Weg nimmt? Wenn hierzulande schon in der seriösen Presse steht, dass die Obdachlosen freiwillig so leben wollen – dann ist der Subtext von den Asozialen, die auf Kosten der Gesellschaft leben, schnell ausformuliert. Der Rechtsruck kommt aus der Mitte.

Es wird Zeit, Armut neu zu diskutieren. „Wir trauern auch für die Stadt Berlin“, heißt es in der Freistätter Erklärung zum Brandanschlag. „Warum sind Menschen so schutzlos? Warum gelingt es nicht, allen dort lebenden Menschen würdigen Wohnraum zur Verfügung zu stellen?“ Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke), die im Radiointerview von einem „bestialischen Mordversuch“ sprach, hat im vergangenen Jahr die Mittel für die Wohnungslosenhilfe fast verdoppelt, auf jährlich 8,1 Millionen Euro. Im Oktober will sie „Housing First“ als Modellprojekt starten: Wohnungen sollen Obdachlosen zur Verfügung gestellt werden, ohne Bedingung, allerdings mit Betreuung. Man wird sehen. Für „Premiumobdachlose“, die gerade erst aus dem Studentenwohnheim geflogen sind und noch nicht allzu lange auf der Straße leben, mag Housing First eine Antwort sein – für Leute aber, die seit Jahrzehnten Platte machen, greift die Idee nicht. Viele dieser Menschen sind zu kaputt und zu krank, um noch einen eigenen Haushalt zu führen. Hier muss die Hilfe dem Menschen angepasst werden und nicht umgekehrt. Eine neue Wohnung ist noch lange kein Zuhause.

Derweil plant Stefan Schneider aus dem Orga-Team der Selbstvertretung wohnungsloser Menschen für die Jahre ab 2021 eine Karawane unter dem Motto „Wohnen für alle, Respekt und Menschenrechte“. Angedacht ist eine mehrwöchige Bustour mit Obdachlosen und ehemaligen Obdachlosen durch Europa, die in Städten haltmacht, in denen Obdachlose schikaniert und vertrieben werden. Schneider will den Kontakt suchen mit Selbsthilfegruppen und Initiativen vor Ort und so die europaweite Vernetzung voranbringen, unter anderem mit Happenings und Demonstrationen. Vielleicht sollte Schneider bei der Gelegenheit Kontakt aufnehmen mit dem Bundes Roma Verband und der International Roma Union – das wäre doch mal eine Idee.

06:00 07.08.2018
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