Wenn die Kirche und die Sozialdemokratie ...

Potsdam Garnisonkirche, Hohenzollern, Januarstreiks: Bei der SPD gibt es gerade besorgniserregend viele Facetten von Geschichtslosigkeit zu beobachten
Wenn die Kirche und die Sozialdemokratie ...
Wetterfahne vor dem Potsdamer Kunst- und Kreativhaus Rechenzentrum

Foto: Andreas Franke/Picture Alliance

Ausgerechnet die SPD mit ihrer langen Geschichte ist eine geschichtslose Partei. Wenn ihre Fraktion im Bundestag mit der Union einen Antrag einreicht, der an die Gründung der ersten Demokratie in Deutschland erinnert, vor über 100 Jahren, dann lesen wir von einem zunehmenden Druck der „Zivilgesellschaft“, mit dem das Ende der monarchischen Herrschaft eingeläutet wurde. Die Januarstreiks 1918, waren das Pfarrer, Lehrer, Künstler? In der SPD mag man das Wort vom „Arbeiter“ nicht einmal mehr aussprechen.

Eine besondere Facette sozialdemokratischer Geschichtslosigkeit zeigt jetzt eine Ausstellung im Potsdamer Kunst- und Kreativhaus Rechenzentrum. Organisiert unter anderem von der Martin-Niemöller-Stiftung und dem Komitee für preußische Leichtigkeit, setzt sich der „Lernort Garnisonkirche“ kritisch mit dem Wiederaufbau der einzigen Kirche auseinander, in der Hitler je eine Rede hielt. In den Jahrhunderten zuvor hatte sie dem preußischen König unterstanden. Die Ehe von Thron und Altar fand ihre Vollendung in dieser Ruhmeshalle des deutschen Militarismus, wo die Standarten besiegter Armeen ausgestellt waren.

Die Unterstützung der SPD für das Bauprojekt ist seit 1991 dokumentiert, als der rechtsradikale Oberstleutnant a. D. Max Klaar im Beisein des damaligen Ministerpräsidenten Manfred Stolpe das Glockenspiel einweihte. TV-Aufnahmen zeigen Reichskriegsfahnen bei der Feier, dem Startschuss zur Kampagne für den Wiederaufbau der Garnisonkirche, in der einst gegen die „Novemberverbrecher“ der Sozialdemokratie gehetzt wurde: bei Gottesdiensten, völkischen Fahnenweihen oder Heldengedenkfeiern, von den unzähligen Naziveranstaltungen ab 1933 ganz zu schweigen.

Nach dem Krieg hatte die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg 23 Jahre Zeit, aus den Trümmern wieder ein Gotteshaus zu machen. Sie zog es aber vor, mit den Staatsleistungen der DDR die benachbarte Nikolaikirche neu erstehen zu lassen. Die Ruine der Garnisonkirche wurde 1968 gesprengt und die Kirchengemeinde großzügig entschädigt. Dabei wäre es geblieben – wenn nicht im Herbst 1989 eine Gruppe von Pfarrern in Schwante eine „Arbeiterpartei“ gegründet hätte, die Sozialdemokratische Partei in der DDR, die dann unter dem Kürzel SPD firmierte. Konsistorialpräsident Manfred Stolpe, ein Hohenzollern-Verehrer, wurde prompt Landesvater.

Jahrhundertelang war der preußische König das Oberhaupt der evangelischen Landeskirche, die ihm auch in der Weimarer Republik die Treue hielt: Auf den von SPD und KPD 1926 initiierten Volksentscheid zur Enteignung der Fürstenhäuser entgegnete der Deutsche Evangelische Kirchenausschuss: „Die geplante entschädigungslose Enteignung bedeutet die Entrechtung deutscher Volksgenossen und widerspricht klaren und unzweideutigen Grundsätzen des Evangeliums.“

Inzwischen gehört die Kirche selbst zur Sozialdemokratie. Oder umgekehrt. Volkskirche und Volkspartei schrumpfen gerade mächtig. Und Brandenburgs SPD-Finanzministerin zeigte sich dieser Tage gesprächsbereit, was eine Entschädigung der Hohenzollern betrifft, für die nach 1945 enteigneten Güter und Kunstgegenstände. Und obendrauf gibt’s die Garnisonkirche. Von bis zu 100 Millionen Euro Baukosten für Turm und Kirchenschiff ist die Rede. Finanzminister Scholz, der in Potsdam für den Bundestag kandidiert, wird erklären müssen, wer das bezahlen soll. Und ganz nebenbei: Wie hält es der Kandidat mit der Geschichte?

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06:00 11.09.2020
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Ausgabe 38/2020

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