Wir hatten ja alles

Westverwandte Ich besuche mit meinen Schwiegereltern ein DDR-Museum und erkenne kaum wieder, was damals war
Wir hatten ja alles
Überholen ohne einzuholen: Freie Fahrt im Trabi-Simulator im DDR-Museum

Foto: DDR Museum Berlin

Besuch aus dem Westen ist immer noch etwas Besonderes. Obwohl man die Leute nicht mehr um Westgeld anschnorren muss; die Lieben bringen auch keine Kaugummis mehr mit, keine Levi’s und keinen Jakobs-Kaffee. Und überhaupt: Meine Schwiegereltern sind gar keine richtigen Wessis. Obschon Ingrid und Franz aus dem Schwarzwald kommen, erzählen sie mir nicht, wie ich vor 1990 gelebt habe. Wissen aber wollen sie es schon. Und so besuchen wir nahe dem Berliner Dom das DDR-Museum, das sich dem Alltag im Arbeiter-und-Bauern-Staat verschrieben hat und ganz bewusst keine Gedenkstätte sein will.

Die 9,80 Euro Eintritt wären ja, wie der Schwiegervater zu Recht bemerkt, fast 20 Westmark. Wie beim Zwangsumtausch sei das. Nur: Was hat man da nicht früher alles für bekommen! Jede Menge Bier, Bouletten und Bücher. War alles billig, ist aber auch lange her. Franz war viele Jahre Fußball-Jugendtrainer, ehrenhalber. In den 80ern habe der Spandauer SV in einem Jahr zum Austausch-Jugendturnier geladen. War das aufregend, als die Gruppe die Mauer passieren wollte und die Grenzer mit strengem Blick durch den Bus liefen. Nicht so wie heute: Die Fotos und das kleine Grenzmodell am Eingang blieben ja hinter dem Original weit zurück. Und ich staune über die Gruppe neben uns: Der Museumsführer spricht über Flüchtlinge, die ihr Leben riskieren, weil ihnen dasselbe daheim unerträglich geworden ist, ohne dabei das Mittelmeer zu erwähnen. Die Halbwüchsigen lassen sich belehren, dass seinerzeit niemand rausdurfte; der Staat die eigenen Bürger umkommen ließ.

Den Schwiegereltern sage ich, dass die Mauer in meinem Alltag keine Rolle gespielt hat. Ich bin Jahrgang 1969 und kann mich an kein Gespräch erinnern – sei es mit Freunden, Klassenkameraden oder auch nur Verwandten –, das irgendwie die Grenze zum Thema hatte. Und das nicht aus Angst. Natürlich hast du mal sehnsüchtig in den Westen geschaut, etwa beim S-Bahn-Fahren zwischen den Stationen Schönhauser Allee und Pankow. An diesem Gleisabschnitt, der zwischen den Grenzanlagen verlief, war damals die Welt einfach zu Ende. Moskau war näher als der Ku’damm. Das änderte sich erst im Sommer 1989, als so viele Bekannte über Ungarn „rübermachten“.

Ingrid und Franz leben übrigens immer noch in einer geteilten Stadt: Das alemannische Städtchen Laufenburg, am Rande des Hotzenwalds, wurde von Napoleon willkürlich geteilt. Die „mehrere Stadt“ wurde 1801 im sogenannten Frieden von Lunéville der Schweiz zugeschlagen, während die „mindere“ Stadt bis heute zu Deutschland gehört. Der Rhein ist die Grenze, die meine Schwiegermutter viele Jahre werktags passiert hat, um in einem Schweizer Druck- und Verlagshaus gutes Geld zu verdienen. Das Häuschen ist heute abgezahlt. Schwiegervater arbeitete ebenso bei einer Schweizer Firma, allerdings in der deutschen Dependance. Und wie beide auf Anfrage bestätigen, kann Teilung durchaus funktionieren: Die Menschen leben auf beiden Seiten im Wohlstand. Einmal im Jahr treffen sich die Bewohner beider Stadthälften zum exzessiven Besäufnis – die alemannische Vokabel dafür lautet „Fasnacht“ – und vielleicht noch zum Jazz-Festival und zur gemeinsamen Museumsnacht, ansonsten aber bleibt jede Hälfte für sich, und alle sind glücklich.

Teilung ist nicht nur schlecht

„Vielleicht ist das Wort Teilung“, sage ich zum Schwiegervater, „bei uns etwas zu sehr negativ konnotiert.“ Das war ja nicht immer so. Solange Deutschland geteilt war, hat sich im Westen kein Politiker getraut, so etwas wie Hartz IV überhaupt nur anzusprechen. Solange es den Ostblock gab, wollte der Kapitalismus noch anständig sein. Und erinnern wir uns an ganz früher: In Zeiten der Kleinstaaterei brachte es hierzulande die Kunst zu wahrer Blüte! Jeder kleine Fürst hatte sein eigenes Theater, sein Orchester. Und ganz ehrlich: Ohne die Mauer hätte Berlin heute womöglich nicht so viele Opernhäuser und Theater.

Mit den Themen Kunst und Literatur aber nehmen es die Ausstellungsmacher nicht so genau. Dabei ist das kleine Land ja nicht ökonomisch zugrunde gegangen (wenn alle Staaten, die pleite sind, aufhörten zu existieren, hätte die UNO bald nur noch halb so viele Mitglieder), den Betrieben wurde erst mit der deutschen Einheit die Existenzgrundlage entzogen. Der Zusammenbruch der DDR war kultureller Art, wie es der Kulturwissenschaftler Dietrich Mühlberg vor langer Zeit schon konstatierte. Peter Hacks dichtete geradezu formvollendet die Verse: „Nun erleb ich schon die dritte Woche / Die finale Niedergangsepoche. // Pfarrer reden in den Parlamenten. / Leipzig glaubt an einen Dirigenten. // Die Fabriken alle sind zuschanden. / Das Proletariat ist einverstanden.“ Für einen Dramatiker wie Hacks aber braucht es ein eigenes Museum, das am Spreeufer kann die Erinnerung an ihn nicht leisten.

Das DDR-Museum erhält keinerlei öffentliche Förderung. Hier muss Geld verdient werden. Die Erwartungen der Besucher aus aller Welt gilt es zu bedienen – und die haben eben ihre Vorstellungen vom SED-Staat und von der kommunistischen Gewaltherrschaft. Wenn wir als Kinder eine mittelalterliche Burg besuchten, interessierte uns dort weder die Küche noch die Schmiede und schon gar nicht das Arbeitszimmer eines Martin Luther. Den Kerker wollten wir sehen, am besten noch den Folterkeller! Um es kurz zu machen: Im DDR-Museum werden Kinder nicht enttäuscht. Die Bautzener Gefängniszelle wirkt sehr authentisch, mit der Enge, dem Klo ohne Toilettenbrille und den Milchscheiben im Fenster (das Licht kam durch, aber man konnte nicht nach draußen schauen). Am Eingang der Knastzelle ist von 250.000 politischen Urteilen die Rede, ohne Verweis, dass der größte Teil davon in den 50er Jahren gefällt wurde. Aber wen interessiert’s. Die Jahrzehnte werden einfach durcheinandergewürfelt, als sei die DDR ein statisches Gebilde gewesen. Vielleicht ist das ja grundsätzlich das Problem im DDR-Museum. Das kleine Land und seine Menschen hatten eine Entwicklung durchgemacht, die in den Räumen hier kaum erzählt wird.

7.30 Uhr vorm Plattenladen

Die Schwiegereltern – Katholiken, aber keine Gottesdienstbesucher – bleiben vor einem Foto stehen, auf dem 1985 im Mauerstreifen eine Kirche gesprengt wird. Es soll zeigen, wie religionsfeindlich die SED-Diktatur war. Abgesehen davon, dass der Kommunismus selbst eine Religion darstellte – die ins Diesseits verlegte Heilserwartung –, erfolgte ausgerechnet die Sprengung der Versöhnungskirche an der Bernauer Straße im Einvernehmen mit der Kirchenleitung und mit Entschädigung.

Weiter geht’s. Im nachgestellten Wohnzimmer einer Plattenbausiedlung halten wir inne. Schwiegermutter sagt, anders habe es bei ihnen daheim auch nicht ausgesehen. Schrankwand, Sofa und irgendwann Farbfernseher. Der Museumsfritze ist nun auch hier, samt Schulklasse. Und so wird es eng in der Stube. Er zeigt auf das TV-Gerät, das seinerzeit immerhin 6.000 Ostmark gekostet habe, also den halben Jahreslohn eines Facharbeiters, und sagt, dass Fernsehen in der DDR viel wichtiger war als heute. Millionen DDR-Bürger seien Abend für Abend via Westfernsehen republikflüchtig geworden. Da wurde alles geschaut, sogar das Werbefernsehen. Womit wir beim Thema wären: Die DDR sei eine Mangelwirtschaft gewesen, wo man dauernd für alles anstehen musste. Worauf ich zu Franz und Ingrid sage: „Das mag ja stimmen. Es gab nichts zu kaufen. Aber die Leute hatten alles.“

Von einem Freund aus Frankfurt (Oder) weiß ich, dass er und seine Schwester sich früh um halb acht vor den noch verschlossenen Plattenladen gestellt haben. Einfach so aus Spaß, als gäbe es dort gleich irgendwelche Lizenz-LPs zu erstehen, und zwar buchstäblich. Alben von Pink Floyd, Beatles und anderen hat es immer wieder gegeben. Jedenfalls kamen nach und nach die Leute und stellten sich an. Dutzende seien es gewesen. Kurz vor der Ladenöffnung haben sich die Geschwister dann verdrückt. War das lustig! DDR: Der Dumme Rest.

Vor den Delikat- und Exquisit-Läden muss es wohl sehr selten Warteschlangen gegeben haben. Und schon gar nicht bei Alkohol und Spirituosen. Lerne, die Dinge, die du nicht ändern kannst, gelassen hinzunehmen. Solche Weisheiten aus der alten DDR erfährt man heute bei den Anonymen Alkoholikern. Im Arbeiter-und-Bauern-Staat waren Trinker nicht anonym. Und so etwas wie die AA gab es sowieso nicht, weil es prinzipiell keine Strukturen gab, in denen sich Menschen kritisch über ihre Probleme austauschen konnten. Deshalb sind die Leute ja in die Kirche gegangen. Aber gesoffen wurde! Zu Hause, auf Arbeit, bei jeder Gelegenheit. Das sage ich auch dem Schwiegervater. Mein Altvorderer hatte in seinem Büro immer eine Flasche Klaren gebunkert. Und, soweit bekannt, war der Spirituosenverbrauch in der DDR der weltweit höchste pro Kopf. Verglichen mit Westdeutschland, einschließlich Laufenburg, war er zweieinhalbmal so hoch. Im Jahr 1988 nahm jeder DDR-Bürger im Schnitt 143 Liter Bier, 12,1 Liter Wein beziehungsweise Sekt und 16,1 Liter Spirituosen zu sich. Von der massenhaften Republikflucht in den Alkohol erzählt das DDR-Museum nichts. Auch nicht davon, dass die Leute mit der Wende dann wirklich einen Grund zum Saufen hatten. Der Konsum Delirium verheißender Destillate wird vermutlich nicht zurückgegangen sein.

„Gehen wir was trinken“, schlage ich vor. Die Schwiegereltern willigen ein. Sie haben genug gesehen. Beim Verlassen der DDR denke ich noch, dass man hier am Ausgang das besagte Peter-Hacks-Gedicht in den Gang hängen sollte. In 1990 sinniert der Dichter zum Schluss über den Beischlaf mit der Liebsten in Zeiten gesellschaftlichen Umbruchs: „Und so folgen dem, was ich ihr tue, / Höhepunkte, und in großer Ruhe // Sehn wir nachher beim Glenfiddichtrinken / Hinterm Dachfirst die Epoche sinken.“

06:00 17.09.2019
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