Zweiter Aufbruch

Porträt Günter Nooke ist der persönliche Afrika-Berater von Angela Merkel. Er kennt sie schon seit der Wendezeit
Zweiter Aufbruch
Für autoritäre Regimes hatte Bürgerrechtler Nooke kein Verständnis. Das änderte sich mit seinem Blick auf Afrika

Foto: imago/IPON

Dem Wüstenstaat Niger kommt aus Sicht der deutschen Bundesregierung in der Flüchtlingskrise eine Schlüsselrolle zu. Als Transitland grenzt es im Norden an Algerien und Libyen, folglich hilft Deutschland bei der Ausrüstung und Ausbildung von Armee und Polizei. Auf Menschenrechtsverletzungen in Niger angesprochen, äußerte sich Günther Nooke, der Afrikabeauftragte der Bundesregierung, unlängst im ZDF-Morgenmagazin bemerkenswert offen: Menschenrechtsverstöße würden nicht geduldet, dass aber in afrikanischen Staaten „in gewissem Sinne auch manchmal autoritärer regiert werden muss, will ich vielleicht gar nicht abstreiten …“ – Ex-Bürgerrechtler Nooke erinnert damit an Matthias Platzeck, der um Verständnis für Putin wirbt. So viel Wohlwollen gegenüber dem SED-Staat ist nicht überliefert, als sie noch Parteifreunde waren, nach der Wende im Brandenburger Landtag. Nooke und Platzeck haben damals ihr gemeinsames Projekt gegen die Wand gefahren, der eine als Fraktionschef, der andere als Umweltminister. Drei Namen in vier Jahren: vom Bündnis 90 zum BÜNDNIS zum BürgerBündnis …

Man muss Nooke, Jahrgang 1959, nicht mögen, aber er kommt noch aus richtigen Auseinandersetzungen, in denen es um die Systemfrage ging oder später um den Sturz des Ministerpräsidenten! Seine Wegbegleiter aus Wendetagen beschreiben den diplomierten Physiker als einen, der nicht um jeden Preis in den Vordergrund drängte. Der Berliner Pfarrer Rudi Pahnke saß mit Nooke im Vorstand des Demokratischen Aufbruchs, der bürgerlichsten unter den Bürgerbewegungen damals. Er sagt, eine ehrliche Haut sei Nooke gewesen. Carlo Jordan, der die Grüne Partei der DDR am Zentralen Runden Tisch vertrat, erinnert sich, dass Nooke gradlinig war, aber auch sehr stur.

Gemeinsam mit seiner Frau, der damaligen Katechetin Maria Nooke, war er 1986 Mitbegründer des Ökumenischen Friedenskreises in Forst/Lausitz. Die Gruppe gab den Aufbruch heraus – ein Blatt, das mit den Schwerpunkten Ökologie und Lokales inhaltlich weit über eine „innerkirchliche Drucksache“ hinausging. Und auch wenn der Samisdat nur eine Auflage von maximal 400 Exemplaren hatte (bis zum März 1990 erschienen immerhin zwölf Ausgaben), so war die bloße Verbreitung ein ungeheurer Vorgang. Das Informationsmonopol der SED war infrage gestellt, was zu schweren Konflikten mit staatlichen Organen führte – und beim MfS zum Operativen Vorgang „Risiko“.

Im Herbst ’89 engagierte sich Nooke dann zunächst wie erwähnt im Demokratischen Aufbruch. Der DA, aus dem auch Angela Merkel stammt, verband ursprünglich drei Strömungen: eine konservative, eine ökologische und eine sozialdemokratische. Daher gehörten zu den Gründungsmitgliedern auch Leute wie Friedrich Schorlemmer und Daniela Dahn. Der Zeitgeist jener Tage war ein gänzlich anderer, als heute kolportiert wird, keineswegs antikommunistisch. Erhard Neubert, Religionssoziologe und gemeinsam mit Nooke Vertreter des DA am Zentralen Runden Tisch, forderte noch im Herbst ’89 einen „demokratischen Sozialismus“; Rainer Eppelmann sprach von „uns Linken“. – Derlei Wortmeldungen sind von Nooke nicht überliefert. Er war schon konservativ, bevor es den Begriff in der untergehenden DDR gab. Als Konservativer lehnte Nooke ein Wahlbündnis mit der Block-CDU ab und wechselte zum Bündnis 90; gerade rechtzeitig, um in die letzte Volkskammer gewählt zu werden und noch im selben Jahr in den Brandenburger Landtag.

Bundesweite Bekanntheit erlangte Günter Nooke als Wortführer derjenigen, die im Landtag ab 1993 den Rücktritt des Ministerpräsidenten Manfred Stolpe forderten. „Er hat eben nicht nur im Interesse der Menschen mit der Stasi geredet.“ An dieser Frage zerbrach die Brandenburger Ampelkoalition. – Wie sagte Nooke jetzt in besagtem ZDF-Interview? „Dass die Opposition manchmal irreale Erwartungen hat und wenn sie an der Macht ist, es oft nicht besser gemacht hat …“

Das Jahr 1994 markiert den Tiefpunkt seiner politischen Karriere. Gemeinsam mit Matthias Platzeck und anderen hatte er sich innerhalb von Bündnis 90 gegen die Fusion mit den Grünen gestemmt und in der Folge das BürgerBündnis ins Leben gerufen, das es bei den Landtagswahlen auf gerade einmal ein Prozent der Stimmen brachte. Während ein Manfred Stolpe trotz oder gerade wegen der Stasi-Debatte um ihn einen Erdrutschsieg verbuchen konnte, stand sein Widersacher Nooke vor dem Nichts. Der politische Scherbenhaufen erwies sich zudem als Schuldenberg: Das Wahlergebnis reichte nicht einmal für die Wahlkampfkostenrückerstattung.

Mit dem BürgerBündnis verschwanden auch die Brandenburger Bündnisgrünen auf lange Zeit in der Versenkung; erst seit 2009 gibt es in Potsdam wieder eine Landtagsfraktion. Matthias Platzeck war rechtzeitig aus dem Bündnis ausgetreten und durfte für die SPD Umweltminister bleiben, wurde später Ministerpräsident und sogar Parteivorsitzender. Günter Nooke brachte es in der CDU immerhin zum stellvertretenden Vorsitzenden der Bundestagsfraktion. Beide Männer befinden sich heute im politischen Abklingbecken – der eine beim Deutsch-Russischen Forum, der andere eben als Afrikabeauftragter der Bundesregierung, genauer: „Persönlicher Afrikabeauftragter der Bundeskanzlerin und des BMZ“ (Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung). Eigentlich ein Versorgungsposten – für einen, der vor Jahren einen anderen Versorgungsposten verloren hat, den des Menschenrechtsbeauftragten. Die CDU vergisst ihre Leute eben nicht. Nun aber gilt Afrika durch die Migrationsproblematik als deutsche Schicksalsfrage. Und Günter Nooke ist zurück im öffentlichen Bewusstsein.

06:00 28.08.2018
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