1971: An die Nachgeborenen

Zeitgeschichte Freiheit versus Disziplin: Fürs DDR-Fernsehen wird das sowjetische Revolutionsdrama „Optimistische Tragödie“ verfilmt – aufwendig, ideenreich und sehenswert

Die Oktoberrevolution ist radikal im Wortsinn, sie reißt alle Wurzeln aus. Eigentum, Geld, überkommenes Recht – gehören abgeschafft! Parlamentarismus, klassische Bildung, bürgerliche Kunst – weg damit! Die Orthografie wird geändert. Man redet einander anders an. Zu brechen, zu stürzen, was bisher ungebrochen stand, ist das Ziel; inklusive der alten Begründungen, warum es gut sei, dass etwas aufrecht steht. Hier wird nicht repariert. Hier wird zerschlagen. In die Ursprünge des Zusammenlebens fährt die Axt, muss sie fahren, weil alle bisherigen Verhältnisse den Menschen knechteten und alle alte Philosophie und Bildung dafür sorgten, diese einfache Wahrheit zu verschleiern. Der rote, blutige Oktober steht zu seiner Wahrheit. Der Schrecken, den er verbreitet, ist sein Stolz. Dem Widerstand des Alten, das nicht kampflos abtritt, wirft er entgegen seine „durch nichts eingeschränkte, durch keinerlei Gesetze, absolut durch keinerlei Regeln gehemmte, sich unmittelbar auf Gewalt stützende Macht“ (Lenin). Die fegt nun durch Moskau, Petrograd, heizt über die Weiten, peitscht die Menschen. Russland, in Blut gewaschen.

Jahre später. Wolfgang Langhoff, Kommunist, Schauspieler und Regisseur, nach Kriegsende heimgekehrt aus seinem Schweizer Exil nach Deutschland, wo er dreizehn Monate in einem NS-Konzentrationslager verhaftet war, inszeniert 1948 ein sowjetisches Theaterstück, das einen hochfliegenden, geheimnisvoll schönen Titel trägt: Optimistische Tragödie. Gezeigt wird sie im Ostberliner „Haus der Kultur der Sowjetunion“, das der dortigen Besatzungsmacht untersteht. Der propagandistische Auftrag des Hauses lautet, Berlinern die Freundschaft anzutragen, die deutsch-sowjetische. Filme, Vorträge, Konzerte und Theaterstücke der Sieger stehen auf dem Programm. Nun auch Wsewolod Wischnewskis Optimistische Tragödie.

Sie erzählt aus dem chaotischen Jahr 1918. Ein Schiff der baltischen Seekriegsflotte liegt bei St. Petersburg, das zu der Zeit Petrograd heißt, vor Anker. An Bord Matrosen, Anarchisten. Sie haben im Oktober 1917 das Winterpalais miterstürmt, also Revolution gemacht. Jetzt lungern sie rum. Preisen ihre Freiheit. Einer hat sich an Land eine Frau geangelt, lässt sie nackt exerzieren. Wichtige Entscheidungen treffen die Matrosen mit Mehrheitsbeschluss, sagen sie. In Wahrheit bestimmt ein Anführer, was geschieht. Um diese Männer ideologisch auf Kurs und zurück in den Kampf zu bringen, schickt die Kommunistische Partei ihnen einen Kommissar – eine Frau! Sie steht zunächst allein gegen fast alle. Die Matrosen akzeptieren weder sie noch den Offizier alter Schule, der ihnen als militärischer Befehlshaber vorgesetzt wird. Es ergeht Marschbefehl. Den Matrosen steht ein sehr weiter Landgang bevor, bis ans Schwarze Meer. Sie sollen bei Odessa deutsche Truppen bekämpfen. Denn auch in der Ukraine tobt Bürgerkrieg. Auf dem Weg nach Süden gelingt es der Kommissarin, aus der losen Gruppe ein Regiment zu bilden, das bereit ist, sich Befehlen zu beugen. Aus Anarchisten werden Soldaten. Im Gefecht siegen sie. Aber die Kommissarin fällt.

Wischnewski, Jahrgang 1900, schrieb seine „Optimistische“ mit 32. Selbst Matrose der baltischen Flotte, seit er 14 war – „alle meine Stücke wurden in Petrograd geboren!“ –, „hörte“ er als erstes das Finale der Tragödie, die den Widerspruch ja schon im Titel trägt: lärmende Soldaten, ihr Lachen „stärker als der Tod“, während die Kommissarin stirbt. „Ich suche“, notierte der Autor, „nach den Gerüchen jener Zeit, der wunderbaren Jahre 1917 bis ’21, das ist meine Jugend, das sind meine Wanderjahre, ist mein Kampf“.

Die Gewalt, die er erfuhr, die Liebe, die ihm vielleicht zuteil wurde, prägten ihn. Seine Figuren erfand er nicht, er fand sie als widersprüchliche Charaktere in seinen Erinnerungen. Er wollte künstlerisch experimentieren, suchte Vielstimmigkeit. „Aber wie? – es flimmert. Mal ein Verfahren aus den Tiefen des Films, dann …“ Ihn beeindruckten westliche Autoren wie Joyce und Proust, die in der Sowjetunion verpönt waren. Eine Zeitlang verteidigte er sie gegen die herrschende Kritik. Dann las er sie still für sich.

1933 wird die Optimistische Tragödie uraufgeführt, zunächst in Kiew. Dann soll sie in Moskau herauskommen. Doch es gibt Änderungswünsche, Bedenken, Krisen. Während der Proben notiert Wischnewski: „Verwegenheit, Übermut, Spiel des Chores sind hin. Alles wird frisiert; die Repertoire-Hauptkommission [das heißt die Zensur-Stelle] hilft.“ Trotzdem, einiges kann gerettet werden. Und es gibt am Ende mehr als tausend Vorstellungen. Das Stück wird zum sozialistischen Klassiker. Nichtsdestoweniger wird der Text oft geprüft und neu auf Linie gebracht. Hier ein erklärender Zusatz, da Dialoge gestrichen, so gerät das Werk immer weiter weg vom Original, verkommt zum Propagandaepos, wird aber nie verboten – und Wischnewski überlebt auch den Großen Terror.

Im Juni 1948 bringt Langhoff das Stück zur deutschen Erstaufführung in einer Übersetzung des Dramatikers und Moskau-Exilanten Friedrich Wolf, der sowohl Langhoffs als auch Wischnewskis Freund ist. Regisseur-Antipode Bertolt Brecht plant, das bald DDR-weit vielgespielte Stück an seinem Berliner Ensemble ebenfalls zu inszenieren. Doch er stirbt 1956, noch bevor etwas daraus wird, und erst Manfred Wekwerth und Peter Palitzsch realisieren den Plan zehn Jahre nach Langhoffs Aufführung. Noch nie standen so viele Darsteller auf der Bühne des Berliner Ensembles am Schiffbauerdamm!

Doch das entscheidend Neue dieser Inszenierung ist: das Alte. Immer wieder in den vierzig Jahren der DDR gab es Bemühungen, für die Nachgeborenen zu retten, wiederzuentdecken, was doch einmal geschaffen worden und von Schönheit gewesen war – speziell die russische Moderne – bevor das Dogma des Sozialistischen Realismus alles einebnete, verschüttete. Wekwerth erzählt: „Elisabeth Hauptmann, Palitzsch und ich hatten mit Unterstützung von Sonja Wischnewskaja, der Frau Wischnewskis, eine Fassung hergestellt, die auf die Urfassung des Stücks zurückging. Dieser klugen Frau, ursprünglich Bühnenbildnerin, verdankten wir bis dahin noch nie aufgeführte Szenen. So die Auseinandersetzung zwischen der Kommissarin und dem Anarchisten Alexej, der als Hauptgefahr für die Revolution die drohende Verbürgerlichung durch Rückfall in Eigentumsdenken und Autoritätsanbetung sieht.“

Diese Szene, während die Truppe Rast macht und ihre Verwundeten pflegt in einer leeren Kirche, ist tatsächlich ein Höhepunkt – den man heute noch genießen kann. Denn nachdem die Inszenierung am Berliner Ensemble sehr erfolgreich und lange lief, entschloss man sich, den Stoff fürs Fernsehen zu bearbeiten. Die Mitarbeiterinnen aus dem Brecht-Universum Isot Kilian und Elisabeth Hauptmann sowie Manfred Wekwerth schrieben, auf ihren Erfahrungen mit der Theaterinszenierung basierend, ein Drehbuch, und es entstand 1971 ein fast dreistündiger Farbfilm. Kein abgefilmtes Theater ist das, sondern filmische Erzählung, wenn auch in meist langen Einstellungen. Hilmar Thate spielt den Anarchisten Alexej, Wekwerths Frau Renate Richter die Kommissarin, Rolf Ludwig den Kommandeur alter Schule, glänzend arrangiert agieren die Matrosen.

Freiheit oder Ordnung. Leidenschaft oder Vernunft. Was sollen wir wählen? Überhaupt: Was wird uns als Freiheit verkauft, was als Ordnung gepriesen? „Das Wesen der Freiheit“, schrieb Ernst Bloch, „hat den Willen hinter sich, das Emotional-Intensive, das durchbrechen und sich schrankenlos verwirklichen will. Das Wesen der Ordnung dagegen hat das vollendet Logische für sich, die Fassbarkeit eines Gutgeworden- oder Gelungenseins.“ Utopie! Klingt toll. Der Kriegskommunismus war brachial, unfertig, grausam. Man möchte es am eigenen Leib nicht erlebt haben. Doch die Fragen stellten sich grell, akut. Und es schien ein Neues möglich. Wer heutzutage Visionen hat, höre ich, solle zum Arzt gehen.

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