Auf Reise Gehen

Berliner Abende Sehe ich aus meinem Küchenfenster, blicke ich in einen großen Innenhof. Es ist ein grüner Hof, fast ein Garten. Eine Pappel steht da, eine alte ...

Sehe ich aus meinem Küchenfenster, blicke ich in einen großen Innenhof. Es ist ein grüner Hof, fast ein Garten. Eine Pappel steht da, eine alte Linde, es gibt Rosenbeete, Sträucher, einen kleinen Wäscheplatz und dazwischen eine Wiese. In der Mitte stehen Müllcontainer in einem Gezäun. Gelbe, blaue, grüne, braune. Vor einigen Jahren gab es das alles noch nicht. Nur krautiges Gras und die hohen Bäume natürlich. Dann wurde der Hof neu gestaltet. Arbeiter einer Gartenbaufirma kamen, gruben, schachteten, karrten Muttererde heran, legten Beete und Wege an, säten Rasen und errichteten das Containergefängnis. Einmal gab´s Bombenalarm. Da waren sie auf eine Granate aus dem letzten Krieg gestoßen. Weil die in einem tiefen Erdloch lag, musste sie nicht entschärft, sondern konnte gesprengt werden, gleich hier vor Ort. Nicht einmal wir Mieter wurden evakuiert. Ich stand hinterm geschlossenen Küchenfenster, ein Signalhorn trötete. Bumm. Erde flog auf, meine Fensterscheibe zitterte, eine dünne Rauchfahne schwebte himmelan. Das Horn blies Entwarnung. Das ist, wie gesagt, Jahre her. Sehe ich jetzt aus meinem Küchenfenster, ist es ein vertrauter Blick. Rosen blühen, und die Sonne hat braune Flecken in die Wiese gebrannt. Eben bringt die alte Frau Schüßler ihren Müll fort. Sie latscht in lila Pantoffeln und trägt über ihrer Unterwäsche nur einen blau geblümten Nylonkittel. Sie schwankt ein wenig beim Gehen, was am Kreislauf liegen mag oder an dem kleinen Bier, das so schön tröstet am Vormittag.

An diesem Wochenende wird der Garten hinter unserem Haus zum Reiseziel. Marco von schräg gegenüber und Steffen, zwei Stock unter mir, beide hatten ihren Kindern versprochen: Wir fahren zelten. Schon vor Wochen. Nur die Väter mit den Söhnen. Zwei, drei Tage an irgendeinen See, Abenteuerurlaub. Man würde Boot fahren und baden und schnorcheln und nachts vielleicht ein bisschen Angst bekommen, wenn man noch mal aus dem Zelt muss. Die Mütter sprachen von dicken Stullenpaketen, die sie ihnen mitgeben wollen, und freuten sich auf einige Tage Ruhe. Die Männer freuten sich aufs Grillen und lange Abende beim Bier. Ich erfuhr von der Sache, weil sie mich baten, ihnen mein Zelt zu borgen. Da es viel zu klein ist für fünf, liehen sie eins anderswo.

Die Zeit ging hin, die Kinder waren da, die Väter waren da. Was ist los, fragte ich Marco, wolltet ihr nicht zelten fahren? Ach, immer ist irgendwas. Erst hatte sein Junge eine kleine Grippe, Fußball war auch. Man kommt einfach nicht los.

Heute passiert es. Seit dem Mittag bauen sie das Zelt auf. In unserem Hof auf der Wiese, gleich neben dem Wäscheplatz. Die Kinder laufen mit ihren Taucherbrillen herum und spielen Seemonster. Eine Kofferheule macht Musik, ein rundes Gummibassin wird aufgeblasen und mit Wasser gefüllt, der Grill wird vors Zelt gestellt. Man bringt Tüten mit frischer Bratwurst und mehrere Kästen Bier. Dann werden die Schlafsäcke ins Zelt getragen. Was wird das denn, frage ich aus meinem Fenster. Na, Zelten! Marco sagt, komm uns mal besuchen. Okay, gern, heute Abend. Wenn Böhmen am Meer liegt bei Shakespeare, denke ich, warum nicht mein Hof am See?

Es ist dann eine sehr lange Nacht geworden. Die Kinder schliefen im Zelt, während wir auf der Wiese Bier tranken. Gegen morgen stiegen wir in unsere Wohnungen hinauf, mindestens so angeschlagen wie die alte Frau Schüßler. Die Kinder meinten, als sie morgens aus dem Zelt krochen: Das war der tollste Urlaub überhaupt. Das machen wir jetzt immer.

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