Bertolt Brecht gefiel dieser „Urfaust“. Walter Ulbricht dagegen nicht

Zeitgeschichte 1952 führt eine Truppe aus Brechts Berliner Ensemble in Potsdam „Goethes Faust in ursprünglicher Gestalt“ auf. In Berlin wird die Inszenierung später als Ketzerei geächtet

Es war, wenn ich mich recht erinnere, in der Siebten an der Polytechnischen Ober-, also Grundschule einer sächsischen Kleinstadt. Wir waren mehr als zwanzig Schüler in der Klasse, und jede und jeder musste ihn aufsagen, den Osterspaziergang. Mal wurde der Text vernuschelt, mal holpernd betont, mal blieb einer stecken. Aber reihum hieß es stoisch: „Aus der Kirchen ehrwürd’ger Nacht / sind sie alle ans Licht gebracht“. Als endlich ich an der Reihe war, rutschte mir die ehrwürd’ge als eine ehrwürdche Nacht heraus – was mit Entsetzen gehört wurde und auf die Zensur sich auswirkte. Dabei, das Gretgen heißt doch auch eigentlich Gretchen, oder? Keine Chance. Goethe hatte eine „ehrwürd’ge Nacht“ notiert, da nimmt man sich keine Freiheiten heraus; schon gar nicht, wenn das Künstlerwort dem Faust entstammt, dem Edelsten unseres Erbes. Da sah man auf kleine Schnitzer genau und nahm große abgrundtief übel. „Erstürmt die Höhen der Kultur!“, war dem DDR-Bürger aufgetragen. Auf steilem Lehrpfad ging’s hinan. Ganz droben hauste der Faust, da pflanzte man die Gipfelfahne. Doch weh dem, der unterwegs vom rechten Weg abkam.

Der Bergführer der Massen und höchster Walter des kulturellen Erbes in den 1950ern, Ulbricht, warnte – und sein Goethe ist ihm dabei so „groß“, dass er es dreimal sagen zu müssen glaubt: „Unseren Kampf führen wir um die Pflege unseres großen deutschen Kulturerbes, indem wir es nicht zulassen, dass eines der bedeutendsten Werke unseres großen deutschen Dichters Goethe formalistisch verunstaltet wird, dass man die große Idee in Goethes Faust zu einer Karikatur macht, weil das in einigen Werken auch in der DDR geschehen ist, zum Beispiel in dem sogenannten Faustus von Eisler und in der Inszenierung des Urfaust.“ Was, in drei Teufels Namen, war denn vorgefallen?

Walter Ulbricht wetterte hier, im Mai 1953, noch einmal gegen Hanns Eislers Opernlibretto Johann Faustus, das im Jahr davor veröffentlicht und sofort vernichtend bekeift worden war. Der Komponist der DDR-Nationalhymne hatte sich erlaubt, seinen Faust in die Zeit der Bauernkriege zu stellen, als Scheiternden. Das war inakzeptabel. Wenige nur verteidigten den Text als gelungene Dichtung, sein Freund Bertolt Brecht zum Beispiel. Die Gegner und Opportunisten waren in der Überzahl. Eislers Werk schlage, hieß es, „dem deutschen Nationalgefühl ins Gesicht“. Sein Schöpfer zeige Lust am Wühlen im Dreck. Leserbriefe von „Werktätigen“ erschienen, die sich empörten ob der „frivolen Verhöhnung des vielleicht genialsten und dem deutschen Volke teuer gewordenen Meisterwerks“. Schließlich fiel das Wort: formalistisch. Kein Mensch konnte zuverlässig wissen, was es eigentlich bedeutete und wann es zutraf. Aber war es ausgesprochen, war das gemeinte Werk tot und begraben und, vormals in der Sowjetunion, der Schöpfer oftmals gleich mit. Eisler floh das Desaster, ging für ein Jahr nach Wien. Später, im Suff, zerschnitt er das meiste seiner für die Oper bereits komponierten Musik mit einer Nagelschere. Das Libretto wurde erstmals in der DDR inszeniert, 1982, am Berliner Ensemble.

Der andere Hieb Ulbrichts galt einer Aufführung eben dieses BE. Dort hatten sich Anfang 1952 spielwütige junge Leute des Teams zusammengetan und, zunächst nur zum eigenen Vergnügen, Szenen aus dem Urfaust geprobt – Goethes Skizze zu Faust I. Egon Monk, 25 Jahre alt, später erfolgreicher Fernsehregisseur in der BRD, machte den Spielleiter. Käthe Reichel, 26, probte Margarethe, das Gretchen. Brecht, künstlerischer Chef des Ladens, wusste von der Sache, und noch bevor die Gruppe bereit war, ihm vorzuspielen, kam er, sah ihnen zu und mischte fortan kräftig mit.

Filmaufnahme der ursprünglichen Faust-Inszenierung erhalten

Der Urfaust nämlich passte in des Meisters Pläne, und der freche Zugriff der Jungen auf das alte Stück gefiel ihm. Faust, hier: gar kein Bühnenheld, der „faustisch“ um Wahrheit ringt, sondern ein wenig begabter Wissenschaftler, der allerlei Hokuspokus bemüht, um ins Erkennen und Fühlen zu kommen. Mephisto: nicht dämonisch, nicht „Herr der Unterwelt“, sondern ein Subalterner, der, um die liebe Seele Faustens zu ergattern, sich mühen muss, ihm anzuschaffen, wonach der begehrt. Margarethe: kein rührend deutsches Mädchen, sondern Kleinbürgerin, die sehr spitz nachfragt, wenn es um den Gottesglauben ihres Geliebten geht. Sie ist nicht ein Schritt auf Fausts Weg zu Höherem. Dass er sie im Stich lässt, findet keine Entschuldigung à la „wo gehobelt wird, fallen Späne“.

In sein Arbeitsjournal notierte Brecht: „der URFAUST lässt sich lustig an mit den jungen leuten. ein schön realistisches gedicht! freilich, so naiv gemacht, mag es ärger verursachen. unsere publikumsschulmeister fühlen sich unterschätzt, wenn man ihnen erlaubt, sich zu amüsieren.“ Im Hintergrund, natürlich, stand das Entsetzen über den gar nicht naiven Mephisto des Gustaf Gründgens, den dieser so erfolgreich gespielt hatte, hatte spielen können als das faszinierend Böse noch vor wenigen Jahren in Hitlers Berlin. Dagegen war es eine Lust wiederzuentdecken, wie scharf, witzig, bös und schön Goethes Verse und Prosa, wie lebendig seine Figuren sind.

Es ergab sich die Möglichkeit, die Inszenierung zunächst in Potsdam zu zeigen. Sowas kannte Brecht aus den USA: Bevor eine Inszenierung an den New Yorker Broadway kommt, läuft sie in Cleveland oder sonst wo, out of town tryouts nennt man das. Und unbedingt wollte Brecht das Stück für Berlin. In Potsdam würde er vorab sehen, wie’s funktioniert und ankommt. Im April 1952 war Premiere. Die Kritik, begeistert besonders von Käthe Reichel, schrieb: „Wenn wir unseren Lesern aus vollem Herzen eine Aufführung empfehlen können, dann ist es die Aufführung des Urfaust.“ Die SED-Grundorganisation an der Potsdamer Bühne selbst sah das bereits anders: „Die Aufgabe des Regisseurs besteht nicht in interessanten Experimenten, sondern in der unverfälschten Wiedergabe unserer Klassiker.“ Wo bleibt das Erbauliche? Werktreue! – Da bahnte sich also was an.

Deswegen und auch aus freien Stücken prüfte das Team seine Arbeit. Man sah den Stoff differenzierter: Faust weniger Scharlatan, Mephisto weniger plebejisch. Und probte in veränderter Besetzung, nur Käthe Reichel spielte weiter die Margarethe. Einmal reiste ein junger Mann aus Rostock an, Hans-Jürgen Syberberg, später Filmregisseur. Er brachte seine 8-mm-Kamera mit, filmte. Sodass, stumm zwar, aber bewegt, ein Dokument der Inszenierung erhalten ist: Im Hintergrund spannt sich ein Rundhorizont, bemalt mit Hieronymus-Bosch-Figuren, zur Hölle stürzend. Davor sind die jeweiligen Räume schlicht gebaut. Darin solides, konzentriertes Spiel. Die szenischen Arrangements sehr klar. Mitte März 1953 kam die Aufführung in Berlin heraus.

Als erste meldete eine Radio-Stimme Abtrünnigkeit und Willkür. „… dieser Faust! Ein Prometheus, der den Göttern das Feuer entreißen will? Nicht die Spur!“ Und forderte, „dass das Berliner Ensemble sein Schaffen ernsthaft überprüft“. Am 27. Mai hielt Ulbricht die eingangs erwähnte Rede. Am Tag darauf schlug das Neue Deutschland zu. Auch hier wurde die Inszenierung dem bereits der Verdammnis anheimgefallenen eislerschen Opernlibretto zugesellt: „Diese Aufführung kann nur verstanden werden als Absage an die klassischen Traditionen unserer Nationalkultur.“

Kaum in Berlin gezeigt, setzt Brecht, so genötigt, die Inszenierung ab. Die DDR, einst im Goethe-Jahr 1949 gegründet, meint, zeitlos gültig zu wissen, wie des Dichters Werk gedeutet zu werden habe, und insbesondere der Faust bleibt lange heikel-heilige Kuh. Erst 1982 erklärt das Neue Deutschland offiziell, dass Goethe auch „stets neue Entdeckungen zulässt“. 1984 erscheint auf den Brettern des BE ein geheimnisvoll verrätselter, faszinierender Urfaust, ein Spiel um Aberglauben und Wissenschaft des Mittelalters. Der Maler und Bühnenbildner Horst Sagert schuf dieses Kunstwerk. Dunkler Solitär.

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