Betthüpfer

Berliner Abende Kolumne

Eigenartig, wenn man in der Stadt, in der man lebt, ein Hotelzimmer bezieht. Ich bin zu einer dreitägigen Veranstaltung eingeladen, Übernachtung inklusive. Mit leichtestem Gepäck fahre ich durch die Stadt, checke ein im Hotel President (es schreibt sich wirklich so), Nähe Wittenbergplatz. Das Bett ist groß und weich und weiß, und das Ganze kommt mir leicht unwirklich vor. Ohnehin hege ich eine Hassliebe zu Hotels. Nichts ist trauriger als ein Abend allein in einer Hotelbar, kaum etwas gespenstischer als die Flure eines leeren Flughafenhotels. Über Hotels kann man lange Fernsehserien drehen oder Horrorfilme mit Jack Nicholson, der Stoff geht nie aus.

Inzwischen trudeln andere Teilnehmer der Veranstaltung ein. Ich sitze in der Lobby und freue mich, bekannte Gesichter wiederzusehen. Auch das von ... - nun, nennen wir ihn den Professor. Mit lachenden Augen und verwirrtem Haar kommt er auf mich zu. Er hat sich erst spät zur Teilnahme entschließen können und deshalb kein Zimmer mehr im Hause bekommen, außerdem hat er seinen zukünftigen Wissenschaftlichen Assistenten mitgebracht, der nun gleich gar keine Bleibe hat. Das alles erzählt der Professor fröhlich, mit geradezu anarchischem Genuss am Chaos. So kenne ich ihn, so war er immer, es ist, als hätten wir uns erst gestern gesehen. Sein Assistent schweigt. Ich ziehe ihn höflich ins Gespräch und erfahre, dass der junge Mann aus Polen und sehr, sehr müde sei. Ihm fallen fast die Augen zu. Nun - es wäre eine Schande, ihm jetzt nicht mein Zimmer anzubieten, um sich dort ein wenig frisch zu machen und auszuruhen; es ist ja noch gut eine Stunde Zeit bis zum Beginn unserer Veranstaltung. Ich öffne ihm meine Tür, er könne sie ja später einfach schließen ...

Während des weiteren Tages sah ich den Assistenten nicht wieder, auch der Professor kam zu Beginn der Veranstaltung eine halbe Stunde zu spät. Er war wohl noch eben in sein Hotel gefahren, während der junge Mann vielleicht in meinem Zimmer den Tag verschlief.

Als ich spät nachts ins Hotelzimmer zurückkehrte, lag auch wirklich ein Handtuch benutzt auf den Fliesen des Bads, das Bett aber war ordentlich zugedeckt, auch wenn man sah, dass jemand darauf oder darin gelegen hatte. Als ich mich selbst schlafen legen wollte, entdeckte ich, dass ein Badetuch über das Laken gebreitet war. Ich nahm es weg - und erstarrte. Das Laken war dreckig. Nicht etwa grau von schmutzigen Füßen, sondern braun. Braun verschmiert. Unmöglich konnte ich in diesem Bett schlafen. Ich zog mich wieder an und floh. Ich fuhr nach Hause. Ich war müde, ich war wütend. Mit Scham malte ich mir aus, was das Zimmermädchen über mich denken würde.

Anderntags sah ich den Professor nur von fern, sein Assistent blieb verschwunden, mein Bett war frisch bezogen. Erst am Abend gelang es mir, dem Professor allein zu begegnen, in der Hotelbar tranken wir gemeinsam ein Bier. Ich packte all meinen Mut und erzählte ihm, nun, von meinem Fund. Der Professor schwieg lange. Dann sagte er: "Ich wollte Sie ohnehin den ganzen Tag schon sprechen." Wieder kämpfte er mit sich. Und gestand mir schließlich, dass er nachmittags seinen Assistenten noch, naja, auf meinem Zimmer kurz besucht habe, und dabei sei ... Ich wollte nichts weiter hören. Doch! Es sei ja eben nur Schokolade. Wie? Na, das Betthupferl. Das Täfelchen. Es muss vom Kopfkissen gerutscht und unbemerkt unter sie geraten sein, und da sei es wohl aufgeweicht und ins Laken gerieben worden, jedenfalls habe ein Rest vom Stanniolpapier anschließend noch dort gelegen.

Das hatte ich nun von meinem überflüssigen Hotelzimmer. Ein Geständnis, auf das ich gern verzichtet hätte. Und eine Erkenntnis, die ich schon vorher wusste: Betthupferl sind Mist.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare