Manuela

Berliner Abende Kolumne

Ralph ist zu Besuch. Also gehen wir mal zu Manuela. Wenn Ralph mich besucht, tun wir das meistens. Zwei Häuser weiter, vier Stufen runter, da liegt zunächst ihr Hund. Wir werden beschnüffelt, dann vorgelassen. Wie immer ist außer uns kein Kunde da. Friseure gibt´s in Berlin wie Sand am Meer. Allein vor meiner Haustür drei. Ich weiß gar nicht, wie sich Manuela über Wasser hält. Sie verkauft jetzt auch italienische Schuhe.

Während ich, was meinen Haarschnitt betrifft, vollkommen anspruchslos bin, ist Ralph Spezialist. Vielleicht weil er blond ist. Seit Jahren pflegt er ein Urlaubsritual. Wenn er weit fort ist, in Moskau oder auf Sizilien, ein Mal geht er zum Friseur. Der Laden muss alt und murkelig sein und komplett touristenfrei. Ralph nimmt Platz, macht dem Scherenmann Zeichen, der legt los. Auf den Urlaubsfotos kann man später das Ergebnis bestaunen. In Moskau bekam er einen Igelschnitt verpasst, auf Sizilien eine Frisur, die ich als Topfschnitt bezeichnen würde.

Bei Manuela ist es natürlich was anderes. Sie ist sehr schlank und hat große dunkle Augen. Ich glaube, das ist der Grund, warum Ralph sich so gern in ihre Hände begibt. Manuela kann übrigens nur eines: arbeiten oder reden. Während andere Friseure Haare schneiden und dabei munter schwatzen, ruht bei Manuela die Schere, sobald sie sich unterhält. Ralph erzählt von einem Barbierbesuch kürzlich in Istanbul. Manuela lauscht. Hände und Schere stehen still, der Termin wird länger dauern.

Ralphs Beschreibung des türkischen Ladens erinnert mich an den Salon PGH "Fortschritt". Die hier arbeiteten, hießen Haarschneiderin oder Frisöse. Es gab einen düsteren Hinterraum mit gelblich-brauner Tapete, stickig und schwül. "Wer war der Letzte?" Da saß man und wartete. Ein paar zerlesene, eselsohrige NBI lagen herum, deren Seiten klebten. Wenn man öfter herkam, kannte man sie schon. "Der Nächste bitte!"

Papierkrause um den Hals, weißer Umhang, das Bändchen im Nacken. Der Stuhl war mit dunkelgrünem Kunstleder bezogen, man schwitzte, und wenn man aufstand, klebte die Hose am Po. Schnippschnappschnipp machte die Schere. Die erste Locke fiel. Aber was war das? Mir blieb das Herz stehen. Mit den Haaren purzelte ein braunes Tierchen auf meinen Latz. Ich wagte zunächst nicht, mich zu rühren. Hielt den Kopf tief gesenkt. Jeden Moment konnte die Frisöse das Malheur entdecken. Sie würde mit Fingern und Schere auf mich zeigen. "Läuse", würde sie schreien: "Läuse!" Mich aus dem Laden werfen. Etwas musste geschehen. Ich kniff von unten in den Stoff und versuchte, die Laus, die zu meinem Entsetzen nun auch noch langsam zu krabbeln begann, in einer Stofffalte zu verstecken und zu zerquetschen. "Bitte mal den Kopf heben." Die Frau, die ich nicht sah vor Scham, schnippelte unverdrossen weiter. Knaben, die sich mit blutrotem Kopf unter dem Latz fummelten, hatte sie wohl öfter auf ihrem Stuhl. Irgendwie gelang es mir dann, das Tierchen wegzuschnipsen. Irgendwie kam ich von dem Stuhl fort. Diesmal klebte die Hose noch heftiger. Meine Läuse wurden schließlich mit einer stinkenden Tinktur besiegt. Damit die auch ja half, setzte ich noch eine Pudelmütze drauf, die ich sowieso nicht leiden konnte und die bei der Gelegenheit endlich übern Jordan ging.

So, fertig, sagt Manuela. Jetzt waren wir fast eine Stunde hier. Ihr Mann ist übrigens Pilot. Nur deshalb funktioniert es wohl mit dem Laden überhaupt.

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