Pippi on Ice

Berliner Abende Kolumne

Mein Freund Kolja ist Puppenspieler. In diesen Tagen besonders. Zu Weihnachten brummt das Geschäft. Da tingelt er mit Sack und Pack über Weihnachtsmärkte und durch Einkaufcenter, spielt von morgens um acht bis abends um acht. Auch auf dem Bahnhof war er schon. Sterntaler, Zwerg Nase, Frau Holle. Alles allein. Kolja behauptet, eigentlich passe zum Fest der Liebe am besten die Geschichte vom Fischer und seiner Frau. So viel Gier, so viel Blödheit. Kapitalismuskritik hat sich für Kolja noch längst nicht erledigt. Wenn schon selbst ´ne Hure, meint er, dann wenigstens ein bisschen subversiv. Bimelim, nächste Vorstellung in 15 Minuten!

Ritschratsch, der Vorhang geht auf. Eine Puppenfischerfrau, die dezent an Angela Merkel erinnert, und ihr Puppenfischer lieben sich. Sie haben nichts, nur sich. Sie schlafen auf einem winzigen Schaumstofffetzen und wünschen sich ein Häuschen, um aus der schlimmsten Not zu kommen. Er geht angeln, sie küsst ihn zum Abschied.

Rawumms! taucht ein graues Ungetüm auf. Es ist der Butt, ein riesiger Fischkopp. Die Kinder schreien auf, ein weinendes Mädchen wird schnell davongeschafft. Kolja trägt eine Fischmaulmaske und glotzt den Fischer an, als wolle er ihn fressen. Koljas Stimme kommt über Lautsprecher. Wenn er die Frau spricht, fistelt er. Dem Butt gibt er einen Effekt dazu. Manchmal verheddert er sich ein wenig mit den Reglern, aber die Kinder stört es nicht. "Manntje, Manntje Timpe Te; Buttje, Buttje in der See." Jetzt wünscht sich seine Frau schon ein Schloss, und natürlich bekommt sie´s auch. Nix mehr mit Schaumstoffmatte. Sie hat jetzt ein Himmelbett, darin schläft sie allein. Kaum eine Nacht im Schloss, will sie Königin sein. Der Fischer sträubt sich. "Ich will kein König sein." "Gut", entscheidet sie, "dann bin ich der König." Der Fischer trabt zum Butt. Wenn sie König ist, grübelt er, was bin ich dann? Die Königin? Oder werde ich zum Diener degradiert? Als er nach Hause kommt, stehen Wachen vor dem Tor. "Die wollten mich nicht reinlassen", sagt er zu seiner Frau, die bereits auf dem Thron sitzt. Und dann: "Du siehst toll aus!" Sie war meine Königin, denkt er, meine ganz allein. Jetzt will sie jedermanns König sein. Sie plant bereits, Kaiser zu werden. Und ich? Liebe sie immer noch. - Kurz darauf hocken beide wieder in der ollen Wellblechhütte, Ende vom Kaspertheater.

Kolja und ich holen uns nach der Vorstellung einen Glühwein. Stehen an der Eisbahn, das gespenstische Gerippe vom Palast der Republik im Rücken und gespenstische Schlagermusik in den Ohren. Vorsicht heiß, sagt Kolja. Ich trinke schon und verbrenne mir die Zunge. Komisch, sage ich, sie wünscht sich alles, die Frau, aber nie ein Kind. Kein gutes Thema, merke ich sofort, denn Koljas Freundin hat sich vor kurzem von ihm getrennt. Sein erstes Weihnachten ohne den kleinen Sohn steht ihm bevor. Und plötzlich weiß ich, warum das Fischer-Märchen zurzeit sein liebstes ist. Kapitalismusschelte? Konsumkritik? Da klagt wohl eher ein armer Fischer, der Kolja heißt, uns sein Liebesleid.

Auf der Eisbahn ist Puppentheater, da versuchen junge Machos ihre Mädchen zu beeindrucken. Wir pusten in unsere Plastikbecher und sehen dem Treiben zu. Nächstes Jahr baue ich vielleicht mal eine Eistanzfigur, sagt Kolja. Kati Witt plus Pippi Langstrumpf. Die Nummer nenne ich dann: Pippi on Ice. Lachend verkleckern wir die Reste unseres Glühweins. Lachend verabschieden wir uns. Ich vermeide es, ihm Frohe Weihnachten zu wünschen.

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