Was wir vom Terrorismus halten

Politisch korrekt Der "Deutsche Herbst" in den Medien der DDR

Als Hanns Martin Schleyer am 5. September 1977 entführt wird, ist in Leipzig Messehalbzeit. In Berlin weilt Dr. Urho Kekkonen, der Präsident Finnlands, zu einem Staatsbesuch. Und der anstehende 60. Jahrestag der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution hat das Land fest im Griff. Von den Schneeräum-Kommandos des Winterdienstes bis zu den Ernte-Brigadisten auf den Kartoffelfeldern, keiner entkommt dem Schatten, den das historische Ereignis seit Monaten vor sich her wirft.

Was ist das, was da im fernen Köln oder Stuttgart geschieht? Man sieht die Tagesschau. Schüttelt den Kopf. Man hört "von Taten, fleischlich, blutig, unnatürlich, / Zufälligen Gerichten, blindem Mord; / Von Toden, durch Gewalt und List bewirkt, / Und Planen, die verfehlt zurückgefallen / Auf der Erfinder Haupt", wie es im Hamlet heißt. Nachrichten aus einer fremden Welt, einer anderen Zeit.

Und hat eigene Sorgen. Diesmal ist es besonders schlimm. Das Land wird von einer Krise geschüttelt, der berüchtigten Kaffeekrise. Der neue Mix, "Erichs Krönung", liegt den Leuten schwer im Magen. Im Volke grummelt´s und die Galle läuft über. Nun zündet zwar niemand ein Kaufhaus an, aber die Leute meckern, was das Zeug hält. Man importiert schließlich doch wieder massenhaft teuren Rohkaffee, um die Gemüter zu besänftigen. Die Verschuldung wächst ...

Liest man die DDR-Presse jener Herbstwochen, sucht man vergeblich nach irgendeiner Sympathie für die Terroristen oder nach Häme in Bezug auf Schleyer Co. Die Berichterstattung ist korrekt, umfassend und kommt ohne Hysterie aus. Keine klammheimliche Freude über den gelungenen Coup, nirgends eine Spur von Revolutionsromantik. Was von den Nachfahren Bakunins zu halten ist, ist klar: "Der Anarchismus ist ein Produkt der Verzweiflung." Laut Lenin haben solche Leute nichts als Phrasen zu bieten. Sie begriffen weder die Ursachen der Ausbeutung noch die schöpferische Kraft des proletarischen Klassenkampfes, ihr "individueller Terror" spiele lediglich dem "Massenterror von rechts" in die Hände.

Ganz in diesem Sinn wird berichtet. Zur Schleyer-Entführung bringt das Neue Deutschland zunächst unkommentiert eine Stellungnahme der DKP, die das Attentat als Terroranschlag verurteilt, der mit "dem notwendigen Kampf für die sozialen und politischen Interessen des arbeitenden Volkes nicht das Geringste" zu tun habe. Das DDR-Fernsehen sendet die offiziellen ADN-Meldungen. Günter Herlt, damals Korrespondent in Bonn, erinnert sich, nie aufgefordert worden zu sein, etwa eigene Kommentare zu liefern oder selbst Interviews zu führen. Das Eisen war einfach zu heiß.

Es folgen täglich Berichte: über die Beratungen des Kleinen und Großen Krisenstabs, über Bonn als Festung, über ausbleibende Ermittlungserfolge der Polizei, über die mächtigen Rufe nach einem "starken Mann". Die Warnung vor der braunen Gefahr im Westen ist von jeher ein Dauerbrenner. Auch im Deutschen Herbst. Die Bonner Aufgeregtheit, die hektischen und rigiden Sicherheitsmaßnahmen nähren diese ewige Flamme.

Am 26. September eröffnet Erich Honecker in Dresden das SED-Parteilehrjahr mit einer Rede, in der er davon spricht, "dass in der Bundesrepublik Deutschland Entwicklungen im Gange sind, die die Völker in einem Ausmaß erregen wie zu keinem Zeitpunkt nach dem Zweiten Weltkrieg". Der inner circle scheint sich ernsthaft Sorgen zu machen. Dass Schmidt die Sache aus dem Ruder läuft. Dass die Bundespolitik unberechenbarer würde.

Dann kommt die Nacht vom 18. auf den 19. Oktober. In Mogadischu werden die Geiseln befreit. Und die Hauptstadt der DDR lädt zum "Fest des Roten Oktober". Am frühen Abend geht im "Stadion der Weltjugend" die große Feier ab. Operation Feuerzauber. Ich war - damals zwölfjähriger Thälmann-Pionier - mit dabei. Mir sind vor allem die beängstigenden Menschenmassen in Erinnerung, die sich im Stadion drängten. Und dass Budjonny-Reiter in wildem Galopp über die Aschenbahn jagten. Hier war sie angesagt, die revolutionäre Romantik, hier wurde sie beschworen. - Die Reiter mit den komischen spitzen Mützen, war das die berühmt-berüchtigte Rote Armee Fraktion, von der ich immer in der Tagesschau hörte?

Der horizont. Sozialistische Wochenzeitung für internationale Politik und Wirtschaft, widmet sich in der Folgezeit wiederholt den westdeutschen "Desperados", deren Motive man zwar erklären, aber nicht billigen kann. Und allmählich wird das Thema in den Dauerdiskurs eingebunden, den die DDR führt: der immer währenden ideologischen Auseinandersetzung mit dem liebsten Feind, der Bundesrepublik Deutschland.

"Was wir vom Terrorismus halten, hat schon Lenin formuliert", schreibt Robert Marian im horizont vom 7. November, "und natürlich gilt das auch für die BRD-Terroristen, die und deren Untaten für uns alle gleichermaßen verabscheuungswürdig sind. Nicht aber so für die Verantwortlichen in Bonn. Die unterscheiden zwischen ›guten‹ und ›bösen‹ Terroristen. Die bösen sind solche, die Kapitalisten umbringen; die guten jene, die das mit Kommunisten tun. Diese Unterscheidung hat dazu geführt, dass ausgerechnet der Staat, der erst jüngst anlässlich der Entführung einer Lufthansa-Maschine alle Welt aufrief, Terroristen kein Asyl zu gewähren, heute Asyl für zahlreiche Terroristen ist. Einzige Bedingung: Sie müssen Flugzeuge aus sozialistischen Ländern entführt und dabei möglichst noch gemordet haben ..."

Der Autor kann von den Geheimdienstaktivitäten seines eigenen Landes nichts ahnen, die wenige Jahre später dazu führen werden, dass die DDR selbst einigen westdeutschen Ex-Terroristen Asyl gewährt. Zehn Angehörige der "zweiten Generation" sind es am Ende, die hier untertauchen und versteckt ein ziviles Leben führen.

Sympathisanten. Schlagwort des Jahres. Auch im Osten gibt es welche. 1977 schreibt Heiner Müller seine Hamletmaschine. Ein Text ohne Dialog. Ophelia ist ihm Ulrike Meinhof: "Die Frau am Strick Die Frau mit den aufgeschnittenen Pulsadern Die Frau mit der Überdosis AUF DEN LIPPEN SCHNEE..." Der monolithische Text endet in dem Satz: "Wenn sie mit Fleischermessern durch eure Schlafzimmer geht, werdet ihr die Wahrheit wissen." Den hat Müller in der Zeitschrift Life gelesen und sofort geliebt. Er stammt von Susan Atkins, einer Mörderin aus dem Kreis um Charles Manson. Das Zerstören der bürgerlichen Existenz, auch der eigenen, weil diese (und die Existenz überhaupt) unerträglich geworden ist, das hat ihn interessiert. Seine Hamletmaschine blieb in der DDR unveröffentlicht und ungespielt bis 1989.

Überfälle, Attentate, Mord, Entführung. Die Bundesrepublik im Ausnahmezustand. Das macht vielen DDR-Deutschen im Herbst ´77 dieses Land fremd und unsympathisch. Vor allem die Rentner sind erschrocken und überlegen, ob sie ihre nächste Reise in den Wilden Westen nicht lieber canceln sollten. - Aber die meisten fahren dann doch.


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