1922: Der erste 
Vampir – made in Germany

Zeitgeschichte Vor 100 Jahren war Kino aus Deutschland das kreativste, und sein Horror der beliebteste der Welt. 1922 dreht Friedrich Wilhelm Murnau „Nosferatu“. Vier Jahre später geht er nach Hollywood
Wer schleichet so spät durch Nacht und Wind?
Wer schleichet so spät durch Nacht und Wind?

Foto: United Archives International/Imago Images

Tagsüber schlafen sie in Särgen. Sie scheuen Sonnenlicht und meiden Knoblauch. Das Christuskreuz schreckt sie. Nachts sind sie hurtig unterwegs, gern auch mal als Fledermaus; auf Wildtiermärkten hat man sie aber noch nicht gesehen. Achtung, ihre Küsse sind Bisse! Trinkt eins von deinem Blut, wirst du selbst – Vampir. Dann lebst du ewig anämisch blass und hast kein Spiegelbild. Du gierst nach dem nächsten Schuss aus pulsierenden menschlichen Adern. Wessen? Egal. Frau, Mann oder unentschieden, Hauptsache, was zu beißen! Pansexuell feierst du Bluthochzeit. Einen Holzpflock braucht’s, kräftig durchs Herz, dich zu töten. Dann zerfällst du zu einem Häufchen Staub und Elend, voilà. Das sind so ungefähr die Leitlinien untoten vampirischen Treibens, sie sind sattsam bekannt.

Traut man diesen Regeln, dürften derlei Nachtgestalten auf Film sich eigentlich nicht bannen lassen. Nichtsdestoweniger ist es vielfach geschehen in den reichlich hundert Jahren Kinematografie. Es entstanden gruselige Werke wie Dracula jagt Minimädchen. Und exzentrische Darsteller gaben sich die Ehre, auf der Bildfläche zu erscheinen. Klaus Kinski etwa oder Gary Oldman, Udo Kier. Ganz oben aber auf der langen Titelliste und zu Anfang steht ein Klassiker, Nosferatu, eine Symphonie des Grauens.

Die Handlung des Films läuft frei nach Bram Stokers 1897 veröffentlichtem Roman Dracula. Ein Immobilienmakler, Knock heißt er hier, schickt seinen jungen Angestellten Hutter zu einem Interessenten, Nosferatu, weil der in der Hafenstadt Wisborg ein Gebäude zu erwerben wünscht – just gegenüber dem Haus, darin Hutter und seine Frau Ellen leben. Hutter reist. Es geht in die fernen Karpaten. Nosferatu ist hochgradig skurril, und er und sein Gast sind mutterseelenallein auf Schloss Schreckensöd. Leider sind wir nicht dabei, wenn gleich in der ersten Nacht der Hausherr sich in den Dienstreisenden verbeißt. Dieser wundert sich am nächsten Morgen über kleine Wunden unterm Adamsapfel, er hält sie für Mückenstiche. Im Übrigen ist in dem ollen Kastell nix los. Und kaum ist der Immobiliendeal besiegelt, verschwindet Nosferatu spurlos. Hutter schlägt sich zur Heimat durch über Stock und Stein bis zu seiner Frau, die ihn sehnlichst erwartet. Der Vampir ist indes per Schiff bereits angelandet, als Fracht im eigenen Sarge. Als Seuche. So bricht er ein ins beschauliche Biedermeier der Hafenstadt, bringt das große Entsetzen mit und endemisches Sterben. Ellen erkennt, dass nur sie allein Wisborg retten kann, da sie offenbar die Einzige hier im Ort ohne Schuld ist. Weltberühmt jetzt das Bild, wenn der Blutsauger geil, angelockt von Ellen, ihrem Zimmer naht. Bloß sein Schatten an der Wand wird gezeigt. Dürr und gekrümmt steht er, fiebert. Seine Langfingerkrallen greifen, geifern voraus – nach ihr. Frühmorgens noch immer am Bett der Frau hockend, die madigen Zähne an ihrem Hals, wird er vom ersten Hahnenschrei erwischt. Spuk aus, Filmende.

Der Film spielt an vielen Originalschauplätzen

Die Idee, einen Vampirfilm zu machen und mit diesem Titel, kam, heißt es, von Albin Grau, einem der Geschäftsführer der jungen Produktionsfirma, die Nosferatu herstellt. Es wird ihr erster und letzter Film sein, weil sie bald in Konkurs geht. Grau ist aber vor allem der Szenen- und Kostümbildner des Streifens. Henrik Galeen schreibt das Drehbuch. Und Friedrich Wilhelm Murnau, Branchen-Shootingstar, wird als Regisseur engagiert. Leider „vergessen“ die Produzenten, die Filmrechte an Bram Stokers Roman zu erwerben. Die Figuren benennt man um, im Vorspann steht dennoch: frei nach „Dracula“. Das wird sich rächen.

Gedreht wird in Wismar, Rostock, Lübeck und Umgebung. Außerdem reist die Crew in die Karpaten. Nur die Innenräume werden im Studio gefilmt. So spielt Nosferatu an erstaunlich vielen Originalschauplätzen, außen. „Murnau“, schreibt die Freundin und Filmkritikerin Hilde Eisner in ihrem berühmten Buch Der dämonische Film, „der ‚Nosferatu‘ mit wenig Geld gedreht hat, wusste der Natur die schönsten Bilder abzugewinnen. Er fängt die zarte, zerbrechliche Form einer weißen Wolke über einer Düne ein, … über eine Morgentau atmende Wiese stürmen vom Zaumzeug befreite Pferde.“ Auch gelingt es der Kamera hier und da bereits, sich aus der damals üblichen Starre zu befreien. So fliegt sie dem Segelschiff zu, das seine tödliche Fracht übers Meer nach Wisborg trägt. Nur zwei Jahre später, beim Letzten Mann, wird Murnau seine Kamera endgültig entfesseln, virtuos wie keiner zuvor (und Alfred Hitchcock wird gelegentlich am Set sein, von ihm lernen). Aber auch jetzt schon ist Murnaus Regie großartig – wie er Szenen arrangiert, was für sprechende Bilder er baut, dass die Darsteller das Stummfilm-Overacting weitgehend seinlassen. Und so ist der Film bis heute sehenswert.

Spätestens seit Robert Wienes Caligari, der zwei Jahre zuvor herauskam, weiß man: Horror läuft. Und Horror aus Deutschland ist der beste, kreativste, kunstvollste weltweit. Schwarze Romantik à la E. T. A. Hoffmann. Dabei – oder daher? Das wirkliche Grauen der Granaten und des Giftgases, keine vier Jahre erst ist der Weltkrieg vorbei. Murnaus gleichaltriger Kommilitone, Liebes- und Lebenspartner Hans Ehrenbaum-Degele kam 1915 in diesem Krieg um, sechsundzwanzigjährig. Murnau, als Kriegsflieger eingesetzt, geriet (oder rettete er sich?) mit seiner Maschine in die Schweiz. Wurde interniert. Überlebte. – Der als Friedrich Wilhelm Plumpe Geborene nennt sich seit 1909 schon Murnau, nachdem er und Hans in dem oberbayerischen Ort einige Tage zusammen „Flitterwochen“ verlebten. Wenn man schon nicht den Namen des Mannes annehmen darf, den man liebt …

Balladen in Bildform

Im Zuge der Werbekampagne schreibt Albin Grau: „Der Schrecken des Krieges ist aus den Augen der Menschen gewichen; aber es ist etwas zurückgeblieben, die Sehnsucht, zu begreifen, wenn auch oft nur unbewusst, was hinter diesem ungeheuren Geschehnis liegt, was daherbrauste wie ein kosmischer Vampir.“ Eine Leipziger Zeitung wähnt dagegen „gefährlichen spiritistischen und okkulten Rummel, dem seit dem Krieg viele tausende zerrüttete Seelen zum Opfer gefallen sind“.

Nosferatu wird erstmals gezeigt am 4. März 1922 in einem der seinerzeit größten und prächtigsten Säle Berlins, dem Marmorsaal des Berliner Zoos. Die Gäste sind gebeten, in Biedermeierkostümen zu erscheinen. Es gibt ein kulturvolles Beiprogramm. „Die Vorführung“, schreibt die Zeitschrift Der Film, „war in das Gewand eines Gesellschaftsabends gekleidet.“ Wir Heutigen sollten uns bewusst machen: Die schwarz-weißen Stummfilme jener Zeit wurden keineswegs schwarz-weiß und schon gar nicht stumm gezeigt. Monochrom eingefärbt, „viragiert“, waren die Sequenzen. So stand ein Rot, Blutiges verheißend, am Himmel. Ein Nachtblau half gruseln. Ockerfarben leuchtete der Tag. Und ein Orchester spielte! Live, exklusiv. In diesem Fall hieß der Komponist Hans Erdmann. Und eine „Symphonie“ des Grauens war ja auch angekündigt.

Der Film wird kein finanzieller Erfolg. Schlimmer noch. Nachdem die Produktionsfirma bereits pleite ist, gewinnt die Witwe Stokers einen Rechtsstreit, in dem sie verlangt, dass alle Kopien des Films vernichtet werden. Zum Glück gelingt das nicht wirklich, es überleben welche. Sie geistern fortan durch die Welt. Nun, hundert Jahre später, ist der Film sowieso rechtefrei, und man kann ihn in restaurierter Qualität auf Youtube sehen.

Murnau geht 1926 nach Hollywood und dreht noch vier Filme. Ein Zehnjahresvertrag erwartet ihn bei der Paramount. Doch bei einem Autounfall stirbt der 42-Jährige am 11. März 1931 in Kalifornien. Im Sarg kehrt er zurück nach Deutschland. „Alle seine Werke waren eigentlich“, sagt Regisseur Fritz Lang zur Beerdigung in Babelsberg, „in Bildform vorgetragene Balladen.“ Und Hilde Eisner wird in den nächsten Jahrzehnten nicht müde, den Deutschen mitzuteilen, wer da eigentlich von ihnen gegangen war: ihr bester Filmregisseur.

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