RE: Judenfeindschaft als Spektakel | 26.06.2017 | 14:20

Dem Anliegen, das Thema Antisemitismus möge mit Leidenschaft und Augenmaß zugleich diskutiert werden, kann man sich nur anschließen. Umso bedauerlicher ist es, dass Wolfang Benz selbst in manipulativer Weise eine Auseinandersetzung mit dem Film "Auserwählt und ausgegrenzt" und den dort genannten Fakten verweigert.

Weder unterstellt die Dokumentation allen Arabern, Muslime zu sein, noch allen Muslimen, Antisemiten zu sein, noch erklärt sie Iran zum Satan (vielmehr tut das der Iran mit Israel und den USA).

Der Verdacht liegt nahe, dass hier ein grundsätzlicher politischer Feldzug geführt wird. Man muss dazu wissen, dass Benz die Theorie vertritt, die heutige Islamfeindlichkeit sei strukturell weitgehend identisch mit dem im neunzehnten Jahrhundert entstandenen "modernen" Antisemitismus. Diese These wird mit guten Gründen von vielen Fachleuten abgelehnt. Genauso fragwürdig ist seine Einschätzung, der Antisemitismus hätte in den letzten Jahren nicht zugenommen. Dass der Hass auf Juden in den Ländern, aus denen die meisten Zuwanderer der letzten Jahre kommen, eine Art Staatsräson oder zumindest weitgehenden Konsens darstellt, ist eine Tatsache. Studien belegen diesen tief verwurzelten Antisemitismus, der anders als in Deutschland auch nicht von der Scham über Auschwitz in Schach gehalten wird. Die von Muslimen begangenen Gewalttaten gegen Juden und jüdische Einrichtungen in Frankreich und in geringerem Ausmaß auch schon in Deutschland, lassen sich nicht wegdiskutieren. Das ändert nichts an der Existenz des "klassischen" deutschen Antisemitismus, aber Unterschiede zu verwischen, wo sie eindeutig existieren, und zugleich pseudodifferenzierend noch die perversesten Hassausbrüche von arabischer / muslimischer Seite als fehlgeleiteten palästinensischen "Freiheitskampf" darzustellen, hat mit Augenmaß nichts zu tun, sondern ist Verschleierungstaktik im Dienst einer politischen Agenda.

Der Film "Auserwählt und ausgegrenzt" ist parteiisch – allerdings begründet – proisraelisch. Man kann der Ansicht sein, dass er in seiner Sprunghaftigkeit und seinem galligen Ton die Wirkung der Fakten und schlüssigen Argumente eher schwächt und sich teilweise verzettelt.

Nun wurden in den vergangenen Jahren etliche parteiisch propalästinensische Filme gesendet. Unter anderem lief vor fünf Jahren auf Arte die britische Produktion "Gelobtes Land" https://de.wikipedia.org/wiki/Gelobtes_Land_(2011) , deren Position man als zumindest stark antizionistisch beschreiben muss. Weder an diesen Spielfilm noch an entsprechende Berichte aus Gaza und Westjordanland hat der öffentlich-rechtliche Rundfunk jemals so spitzfindige Standards angelegt wie an die Antisemitismusdoku von Joachim Schröder und Sophie Hafner. Auch die Tatsache, dass sich keiner der Beteiligten Sender um die Klärung des Konfliktes bemüht hat, spricht Bände. So kritisch man Michael Wolffsohn sehen kann, sein Vorwurf der doppelten Standards ist nicht von der Hand zu weisen. Benz geht auf all diese Sachverhalte denn auch gar nicht erst argumentativ ein. Sie passen ihm nicht ins Konzept.

Genauso absurd ist die Suggestion, Israelkritik würde in Deutschland reflexhaft mit einer "Antisemitismuskeule" verhindert. Solche Kritik ist vielmehr alltäglich und findet oft breite Unterstützung.

"Auserwählt und ausgegrenzt" kann man mit Gründen für nicht besonders gelungen halten. Beschämend ist jedoch, wie sich die Linke hier einer Debatte verweigert, weil ihre Tabus berührt werden. Beschämend ist, dass man die brutalen Attacken auf europäische Juden durch Muslime ignoriert und stattdessen den völlig unbegründeten Vorwurf einer pauschalen Diffamierung "der Muslime" erhebt. Sicherlich gibt es eine rassistische Islamfeindlichkeit. Dem Film "Auserwählt und Ausgegrenzt" kann man sie nicht vorwerfen. Nicht alle Menschen, die Jakob Augsteins und Wolfgang Benz' Überzeugungen nicht teilen, sind "islamophob" (wenn man diesen Begriff überhaupt verwenden will, der aufgrund seiner Anfälligkeit, als Totschlagargument gegen jegliche Religionskritik mißbraucht zu werden, durchaus problematisch ist).

Arte und der WDR haben versucht, einen provokanten Beitrag und damit eine überfällige Debatte zu verhindern. Linke Publizisten haben die Vorlage aufgenommen und schlagen in dieselbe Kerbe. Es ist ein Zeugnis intellektueller Unredlichkeit.