Der syrische Kommunist

Flucht nach Deutschland Rote Haare, weißer Bart, helle Haut: Anmar ist Syrer. Seine Flucht nach Deutschland war daher nicht einfacher. Ein Porträt von Yannick von Eisenhart Rothe
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Der syrische Kommunist
Der Kater Demos-Redakteur Yannick von Eisenhart Rothe im Gespräch mit Anmar, der als Atheist und Kommunist aus Syrien nach Deutschland floh

Foto: Kater Demos/Marcus Wojatschke

Anmar ist aus Syrien nach Deutschland geflohen. Er erzählt seine Geschichte, die Geschichte der Herkunft seiner Familie, seines Lebens in der Minderheit, seiner Flucht und seines neuen Lebens in Deutschland. Und wie diese Geschichte geprägt ist von seinem Aussehen und seinen politischen und religiösen Überzeugungen.

Das erste Mal traf ich Anmar auf der Veranda eines alten Gutshofs im brandenburgischen Nirgendwo. Die Kater-Redaktion hatte sich dorthin zurückgezogen, um ein Wochenende lang über die Zukunft des Magazins zu sinnieren. Es war spätabends, Anmar saß auf besagter Veranda, rauchte selbstgedrehte Zigaretten ohne Filter und trank Bier. Wir kamen ins Gespräch – auf Englisch – und ich fragte beiläufig, woher er denn komme. „From Syria. I’m a refugee.“ Ich versuchte, mir meine Überraschung nicht anmerken zu lassen, aber Anmar ist sich der Reaktion auf diese Aussage bewusst, zu oft musste er sich schon erklären. Denn mit seinen langen, dunkelroten Haaren, seinem weißen Bart und seiner hellen Haut sieht Anmar nicht so aus, wie sich die Welt einen Syrer vorstellt.

Eigentlich nervt es Anmar, darüber zu sprechen, warum er so aussieht. „Ich musste es so oft erklären. ‚Woher kommst du? ‘ – ‚Syrien’ – ‚Oh, wirklich? ‘ Alle warten auf eine Erklärung.“ Wirklich übel nimmt er die Reaktion aber niemandem. „Wenn jemand, der aussieht wie ich, mir erzählen würde, dass er aus dem Sudan kommt, würde ich auch nachfragen: Wie kommt das?“ Trotzdem erzählt er seine Geschichte ein weiteres Mal.

Einige Monate später, an einem dunklen Sonntagnachmittag, treffen wir uns zum Interview in einem Café in Neukölln, wo Anmar heute lebt. Draußen fällt der erste Schnee. Es ist ein linkes Café, auf der eingerollten Markise steht „No Borders, No Nations“. Anmar geht gerne hierhin. Er erzählt ausführlich und mit ruhiger Stimme. Sein Englisch ist fließend, zwischendrin baut er schon einige deutsche Wörter ein: „Gips“, „Asylbewerberheim“, „Deutschkurs“.

Anmar ist 37 Jahre alt und stammt aus Deir Ful, einem kleinen Dorf etwa 40 Autominuten nordöstlich von Homs. Das Dorf wird hauptsächlich von Tscherkessen bewohnt, einer Volksgruppe, die sich aus verschiedenen Stämmen kaukasischer Abstammung zusammensetzt. Diese Volksgruppe ist seit dem späten 19. Jahrhundert in Syrien angesiedelt. Im bis 1864 andauernden Kaukasischen Krieg hatten sich die muslimischen Tscherkessen vergeblich gegen die Expansion des Russischen Kaiserreichs in den Nordkaukasus gewehrt und wurden daraufhin ins Osmanische Reich deportiert. So kamen damals auch Anmars Vorfahren ins heutige Syrien und erbauten Deir Ful auf dem ihnen zugewiesenen Gebiet. „Als sie ankamen, zogen sie ihre Schuhe aus, weil sie das Land für heilig hielten. Da kamen schließlich die Propheten her! Sie haben aber schnell gemerkt, dass es dort doch nicht so heilig zuging,“ erzählt er und lacht.

Vor dem Krieg lebte das Dorf in eingeschworener Gemeinschaft. Man blieb unter sich. „Wenn du eine kleine Minderheit bist, versuchst du, diese zu beschützen. Es war unüblich, Fremde zu heiraten.“ Auch die vergleichsweise liberale Auslegung des Islam trug zur Geschlossenheit der tscherkessischen Gemeinschaften bei. Anmar erzählt, dass er beispielsweise mit seiner Cousine allein durchs Dorf laufen konnte. In konservativeren Gemeinden können unverheiratete Männer und Frauen nicht alleine sein, „das ist haram.“ Deshalb sei die Abgrenzung auch ein Stück Freiheit gewesen. „Viele waren überzeugt, dass wir diese Freiheit verlieren, wenn wir uns öffnen und außerhalb der Gemeinschaft heiraten.“

Anmar erfuhr außerhalb seiner tscherkessischen Gemeinschaft Diskriminierung. „Unser Lebensstil wurde oft nicht akzeptiert. Du wirst als Fremder angesehen. Auch dadurch hat sich die Gemeinschaft mehr und mehr geschlossen.“ Deshalb seien auch die meisten seiner Freunde in Syrien Tscherkessen gewesen. Er fühlte sich in Syrien aber nicht nur fremd, weil er aussieht, wie er aussieht; denn er bezeichnet sich als Kommunist und glaubt nicht an Gott. „Du kannst nicht einfach öffentlich sagen, dass du nicht an Gott glaubst. Menschen werden versuchen, dir weh zu tun. Als Ungläubiger bist du nichts wert in ihren Augen.“ Auch mit politischen Aussagen musste er sehr vorsichtig sein. „In so einem Land kannst du deine Ideen und Vorstellungen nicht einfach diskutieren. Du kannst nichts kritisieren, musst immer aufpassen, was du sagst. Eine falsche Aussage kann dich ins Gefängnis bringen.“ Besonders vorsichtig müsse man sein, wenn andere die Regierung kritisieren und einen nach seiner Meinung fragen – sie könnten für die Regierung arbeiten. „Sie nehmen dich heimlich auf und plötzlich fragt der Geheimdienst nach dir und verhört dich.“ Der Cousin von Anmars Mutter saß zehn Jahre im Gefängnis, weil er Kommunist war und etwas gegen das Regime unternehmen wollte.

Es ist zwar nicht grundsätzlich verboten, Kommunist zu sein, es gibt sogar eine kommunistische Partei in Syrien. Die ist aber in Anmars Augen nur ein korrupter Haufen, der vom Regime kontrolliert wird. Generell seien die Parteien vor dem Krieg dazu da gewesen, eine gewisse Freiheit und Demokratie vorzugaukeln.

Auf die Frage, wie er seine kommunistischen Überzeugungen beschreiben würde, schränkt Anmar ein: „In Syrien wird das Wort oft auch einfach für Leute benutzt, die nicht an Gott glauben. Ich habe das lange gar nicht für mich definiert. Heute würde ich mich allgemein als links beschreiben, habe aber auch ein paar Probleme mit kommunistischen Ideen. Wenn Individualität nicht mehr gewünscht wird und nur eine Welt von menschlichen Kopien erzeugt werden soll, werden Außenstehende genau so wenig akzeptiert wie in Religionen.“

Anmars Leben in seiner Heimat war von Täuschungen und Versteckspiel geprägt. Er musste seine Überzeugungen verbergen und ständig aufpassen, was er sagt. Heute wundert er sich selbst darüber, wie wenig ihm das ausgemachte. „Ich war sogar ein wenig stolz darauf, mich anpassen zu können. Du brauchst diese Fähigkeit, um zu überleben, also war ich glücklich darüber.“ Erst als der Druck von außen abfiel, merkte er die Erleichterung. „Während der Revolution und später in Deutschland hat sich alles verändert, ich musste mich nicht mehr verstellen. Und ich habe mich plötzlich gefragt, wie ich das vorher ausgehalten habe.“

Nach dem Schulabschluss und zweieinhalb Jahren Militärdienst wollte Anmar eigentlich Englische Literatur studieren. Er entschied sich letztlich doch dagegen, fünf Jahre Studium erschienen ihm zu lang, also begann er zu arbeiten. Er fing als Maler an und wurde dann Innendekorateur, fertigte Dekorationen für Restaurants und Wohnzimmer aus Gips, Holz und Metall. Erst in Homs, später zog er nach Damaskus. Dort lebte er bis 2011, bis die „gesegnete Revolution“ begann, wie er sie voller Zynismus nennt. Sein Onkel war vom Militär getötet worden, Anmar kehrte nach Deir Ful zu seinen Eltern zurück. In der Zeit hatte er viele Auseinandersetzungen mit seinem Bruder. „Ich lehnte Gewalt und Waffen komplett ab, aber er war überzeugt davon, dass man nur mit Gewalt etwas verändern kann.“ Er konnte nicht mehr nach Damaskus zurückkehren, er wäre entweder verhaftet oder als Soldat eingezogen worden. Also blieb er in Deir Ful, um seine Eltern zu beschützen und auf ihren Oliven- und Mandelplantagen bei der Arbeit zu helfen. Zweieinhalb Jahre verbrachte er so im Dorf. Sein Bruder hatte sich dem bewaffneten Widerstand angeschlossen und wurde verhaftet, als er einen angeschossenen Revolutionär ins Krankenhaus bringen wollte. Seine Familie wusste nicht, was mit ihm passiert war. „Als er nach zwei Monaten anrief, haben wir seine Stimme zuerst nicht erkannt, weil sie ihn so stark gefoltert haben.“ Da er trotzdem nichts verriet, ließen sie ihn irgendwann laufen und er konnte ins Dorf zurückkehren.

Dann kam der IS. Einige Dorfbewohner hatten sich ihm angeschlossen, andere kamen von außen. „Im Dorf war meine Familie als nicht gläubig bekannt, deshalb wollte der IS uns auslöschen“, erzählt Anmar. Sie wurden aber von Dorfbewohnern mit IS-Verbindungen gewarnt, weil sie seinen Bruder gut kannten und mit ihm in den freien Rebellenarmeen gekämpft hatten. Also fingen sein Bruder und er an, einen tiefen Glauben vorzuspielen. „Wir haben gebetet und auf guter Muslim gemacht. Wir mussten uns Bärte und lange Haare wachsen lassen und eine Kopfbedeckung tragen.“

Für etwa zwei Monate ging das gut. Dann wurde Anmars Bruder an einem IS-Checkpoint das Handy abgenommen, das Anmar ihm gegeben hatte, er sollte es am nächsten Tag zurückbekommen. Darauf fanden die Islamisten eine Jahre alte Nachricht von einem Freund von Anmar, die den Satz „zum Teufel mit deinem Gott“ enthielt. In den Augen des IS ein unverzeihlicher Satz. Sie waren in höchster Gefahr, ihr Schwindel war aufgeflogen. „Mein Bruder fuhr aus dem Dorf an die vorderste Front, da gingen IS-Kämpfer damals nicht hin. Und ich beschloss zu fliehen, auch damit mein Bruder alles auf mich schieben konnte, sobald ich weg war.“

Also floh Anmar in die Türkei. Die gut 200 Kilometer legte er auf seinem Motorrad zurück, nachts, teilweise schiebend, wenn ihm fahren zu gefährlich erschien. Die Grenze war geschlossen und von der türkischen Armee kontrolliert, aber im Nordwesten konnte man einen kleinen Grenzfluss mithilfe eines Bootes und gespannter Seile überqueren.

In der Türkei begann Anmar schnell zu arbeiten, erst in einer Mehlfabrik, als er besser türkisch sprach, wieder als Innendekorateur, insgesamt knapp anderthalb Jahre. „Dann hatte ich Probleme mit meinem Chef. Er hat mich einfach nicht mehr bezahlt, mich ständig hingehalten. Ich habe angefangen, mich in der Türkei nicht mehr sicher zu fühlen.“

Er entschloss sich, weiter zu fliehen. Nach Deutschland.

Warum explizit nach Deutschland? Anmar überlegt kurz. „Weil es sicher ist. Und – das klingt etwas komisch – vielleicht hat es auch etwas mit Fußball zu tun. Ich bin schon lange großer Fan der deutschen Nationalmannschaft, sogar im Clubfußball bin ich immer für die deutschen Spieler. Ich weiß gar nicht genau warum, aber seit der Weltmeisterschaft 1990 hat mich das nicht mehr losgelassen.“ Bis heute ist er großer Fußballfan, schaut oft Spiele. „Als Jugendlicher hab ich auch mal versucht selbst zu spielen, aber ich war fürchterlich schlecht“, erzählt er und lacht.

Als Anmar hörte, dass einige seiner Bekannten nach Deutschland reisen wollten, schloss er sich ihnen an. Alle waren Tscherkessen, die meisten aus demselben Dorf wie er. Sie wollten die Reise nach Europa gemeinsam antreten, um sich gegenseitig zu schützen. „Also war ich wieder in einer geschlossenen Gruppe. Es ist schwierig, eigentlich willst du aus diesen Gruppen ausbrechen, manchmal brauchst du sie aber.“

Los ging es über die Ägäis, von Izmir aus auf eine kleine griechische Insel. Einer von Anmars Freunden steuerte das Boot, das machte es für alle billiger. Vor der zweistündigen Überfahrt durfte er eine halbe Stunde in sicheren Gewässern üben und sich mit der Steuerung vertraut machen. Nicht selbstverständlich. „Der Schleuser, der alles organisiert hat, war dafür bekannt, dass er eigentlich ein guter Mensch ist“, sagt Anmar. Die Fahrt war anstrengend und beengt, 46 Menschen samt Gepäck auf einem neun Meter langen Kahn mit kleinem Außenbordmotor. „Der letzte Kilometer war hart, die Wellen wurden immer höher, wir hatten Wasser im Boot.“ Es ging gut.

In Griechenland angekommen, wurden die Tscherkessen als Flüchtlinge registriert und bekamen Papiere ausgestellt, die sie als solche ausweisen. Sie hatten drei Tage Zeit, Griechenland wieder zu verlassen und weiterzuziehen. So machten sie sich auf den Weg, auf der damals, im Spätsommer 2015, noch offenen Westbalkanroute. Über Mazedonien, Serbien, Kroatien, Slowenien und Österreich nach Deutschland; in Zügen und Bussen, weite Strecken auch zu Fuß. „Insgesamt hatten wir großes Glück, wir sind gut durchgekommen. Ich kenne viele Leute, die auf der Strecke sehr gelitten haben, deren Boote fast untergegangen oder die verschollen sind“, sagt Anmar nüchtern. Nur sein unerwartetes Äußeres sorgte teilweise für Schwierigkeiten. „Unsere ganze Reisegruppe bestand zwar aus Tscherkessen, mit meinen roten Haaren und dem weißen Bart stach ich aber besonders heraus.“ Immer wieder wurde er von Grenzern angebrüllt: „Are you press? Are you press?“ und stets musste er aufs Neue beteuern: „No, no, I’m not press, I’m a refugee!“ Denn: „An allen Grenzen hassen sie die Presse,“ erklärt er.

Besonders im Gedächtnis geblieben ist Anmar eine Begegnung mit einem UN-Mitarbeiter an der mazedonischen Grenze. Der glaubte ihm erst nicht, dass er Syrer sei, dass er vor dem Krieg fliehe, den Pass könne man für 200 Dollar fälschen lassen. Anmar erklärte dem Mann die Herkunft seiner Familie und verwies auf seine Mitreisenden, die seine Geschichte bestätigen konnten. „Da hat er mich gefragt, warum ich denn fliehen würde; wenn man so aussieht hätte man doch keine Probleme. Nun ja, ich habe den IS im Dorf und ich bin nicht gläubig, deshalb wollen sie mich töten!“ Der UN-Mitarbeiter glaubte ihm schließlich und ließ sie weiterziehen, rief Anmar aber noch einen Satz hinterher: „Es ist falsch, nicht an Gott zu glauben, das weißt du!“ An dieser Stelle der Geschichte muss Anmar immer noch ungläubig lachen. „Ich dachte, wow, bin ich wirklich in Europa? Der war von der UN! Ich dachte, hier würde das besser werden.“

In Deutschland angekommen ist Anmar am 17. September 2015, so richtig ankommen konnte er aber lange nicht. Fast anderthalb Jahre musste er auf einen Termin für seine persönliche Anhörung im Asylverfahren warten, weil frühere Einladungen an eine Unterkunft geschickt worden waren, in der er längst nicht mehr untergebracht war. Eine schwere Zeit, er durfte nicht arbeiten und nach dem A1-Deutschkurs auch keine weiteren Sprachkurse belegen.

Bis heute muss er sich mit komplizierter Bürokratie herumschlagen, bis heute muss er immer wieder erklären, warum er nicht so aussieht, wie sich sein Gegenüber einen syrischen Flüchtling vorstellt. Seit Frühjahr 2017 darf er aber endlich arbeiten, er hat den Status eines subsidiär Schutzberechtigten erhalten. Morgens geht er zur Sprachschule und lernt Deutsch, abends jobbt er in einem Veranstaltungshaus. Auch eine Wohnung hat er gefunden. „Ich fühle mich tatsächlich irgendwie zuhause, ich hatte sehr viel Glück mit den Menschen, die ich kennengelernt habe. Ich habe viele Freunde in Berlin.“ Diskriminierung hat er persönlich in Deutschland noch nicht erfahren. „Aber viele meiner Bekannten, die dunklere Haut haben als ich, haben mir davon erzählt. Einmal habe ich bei der Bank mitbekommen, wie mit einer ausländisch aussehenden Frau respektlos umgegangen wurde. Ich war so wütend und wollte noch schneller die Sprache lernen, weil ich meine Wut nicht ausdrücken und ihr nicht helfen konnte.“ Was ihn aber auch wütend macht, ist Intoleranz von Menschen in seinem Umfeld, die auch geflüchtet sind: „Ich finde es komisch, dass Leute, die diskriminiert wurden, andere diskriminieren. Zum Beispiel kann ich einigen meiner Freunde nicht erzählen, dass in meinem Haus auch schwule Männer wohnen, sie halten das immer noch für falsch. Sie beschweren sich über Rassismus, verhalten sich aber selbst nicht besser.“

Zum Abschluss frage ich Anmar, was er sich für die Zukunft seines Heimatlandes wünscht. Das sei nicht wichtig, sagt er, denn die Zukunft Syriens sei nicht davon abhängig, was er oder die Bevölkerung wollen, sondern was Russland, die USA, die Türkei, Iran und China wollen. „Es geht um Macht, jeder will sein Stück vom Kuchen abhaben.“ Dass Assad nicht an der Macht bleiben dürfe sei klar, aber damit sei es nicht getan. „Die Regierung ist schrecklich, aber auch die Bevölkerung braucht so viel Bildung. Die aktuelle Generation ist verloren, du kannst keine Objektivität von jemandem erwarten, von dem 15 Familienmitglieder getötet wurden. Aber vielleicht lernt die nächste Generation etwas daraus.“

Aber auch wenn Frieden einkehren sollte, nach Syrien zurückkehren, um dort zu leben, will Anmar nicht. „Wenn ich das täte, müsste ich wieder vortäuschen, jemand anderes zu sein. Hier kann ich ich selbst sein. Hier gibt es zwar auch Menschen, die einen diskriminieren oder verurteilen, aber sie bringen dich nicht um. Sie hassen mich vielleicht, weil ich anders bin oder denke, aber das macht mir nichts aus. In Syrien wirst du nicht nur gehasst, du bist in Gefahr.“

Es dämmert allmählich vor dem großen Caféfenster, ein bisschen Schnee ist sogar liegen geblieben. Anmar streckt sich und blickt auf die Uhr. Seit mehr als zwei Stunden sitzen wir schon hier, seinen Cappuccino hat er vor lauter Erzählen trotzdem nur halb ausgetrunken. Ich habe das Gefühl, dass er noch stundenlang weitererzählen könnte, von seiner Vergangenheit, seinem Leben in Syrien, der politischen Situation, seiner Familie, seiner Verarbeitung des Erlebten. Aber sein Telefon klingelt, sein Chef ruft an, er muss früher zur Arbeit. Er verabschiedet sich herzlich und verschwindet in den Neuköllner Abend, in sein neues Zuhause. Sein neues Leben geht weiter.

Der Text stammt aus der aktuellen Ausgabe "Das Fremde" des utopischen Politikmagazins Kater Demos.

10:12 24.04.2018
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Kater Demos

Kater Demos ist das utopische Politikmagazin: frech, wild, jung, unabhängig.
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