Kater Demos
31.05.2016 | 11:40 25

Mein Hartz IV-Tagebuch

Arbeitslos Elisa Bilko, Redakteurin bei Kater Demos, erzählt von Ihren Erfahrungen mit einem Jahr Hartz IV

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Kater Demos

Mein Hartz IV-Tagebuch

„Dann müssen Sie wohl nochmal wiederkommen“

Bild: Bernd Schwabe in Hannover/Wikimedia: https://goo.gl/1nMUe9

Ja, auch ich, Elisa Bilko, habe fast ein Jahr lang Hartz IV bezogen. Sofort, beim ersten Wort dieses Satzes, kommt in mir der unbestimmte Drang auf, mich zu erklären, zu rechtfertigen, warum und wie viel Arbeitslosengeld II ich erhalten habe. Meine Finger wollen tippen: ,Ich habe aber nebenher dies und jenes gemacht, habe also gearbeitet und war fleißig, kein Kartoffelchips fressender Fernsehzombie oder ein anderes Schmarotzer-Klischee, das einem automatisch in den Kopf schießt, sobald man das Wort Hartz auch nur denkt.‘ Absurd, aber so ist es. Denn eigentlich sollte man sich nicht dafür schämen. Es war eine Zeit in meinem Leben, in der die Gesellschaft mich unterstützt hat und das ist okay. Hier erzähle ich euch davon.

Eingebetteter Medieninhalt

Donnerstag, 02. Oktober 2014: First Things First

Masterarbeit abgegeben: Check! Ordnungsgemäß gefeiert: Check! Auf zum Amt: Ähh... Check? Mein Studium ist rum, ich habe Bafög bekommen und nebenher gearbeitet. Eine Festanstellung direkt nach dem Studium habe ich nicht, nur eben zwei bis drei Nebenjobs als Autorin und im Marketingbereich. Das wird zum Leben nicht reichen, das weiß ich jetzt schon. Also stehe ich in der Schlange des Jobcenters Neukölln ­– angeblich das zweitgrößte Jobcenter Deutschlands nach Hamburg. Ich bin hier für meinen Erstantrag. Und das heißt eben: Anstehen und dauert in Neukölln schon gern mal zwei Stunden. Dann sitze ich einem jungen Herrn gegenüber, der mir freundlich erklärt, wie das jetzt alles weitergehen wird: Unterlagen ausfüllen. „Ach selbstständig sind Sie auch noch? Dann muss das Formular EKS auch ausgefüllt werden. Und dann bekommen Sie einen Termin zur Antragsabgabe.“

„Entschuldigung, ich habe da noch eine Frage. Ich fahre jetzt für drei Wochen in den Urlaub.“ (Meine Belohnung für den erfolgreich abgeschlossenen Master.) Der Termin mit dem ‚Erstberater’ würde genau in diesen Zeitraum fallen. Das geht natürlich nicht. „Kann ich denn keinen Termin nach meiner Rückkehr bekommen?“

„Also, da muss ich jetzt bei dem Berater nachfragen.“ Natürlich ist die Antwort: Nein, das würde gar nicht gehen. Und jetzt? „Dann müssen Sie wohl nochmal wiederkommen.“

Dienstag, 04. November 2014: Gefühl und Realität

Herr S. sitzt mir gegenüber in seinem kleinen, grauen Büro. Sein Gesicht verrät mir: Mein Anliegen interessiert ihn nicht wirklich. Heute ist meine Antragsabgabe und auch eine Art Erstberatung. Herr S. wird heute festsetzen, wie viele Bewerbungen ich im Monat schreiben muss und nach passenden Stellen für mich in den unendlichen Weiten des Jobcenterangebots suchen. Zum Termin sollte ich meine Bewerbungsunterlagen mitbringen, damit Herr S. besser sieht, wie mir geholfen werden kann. Er wird kein einziges Mal auf diese Unterlagen blicken. Erst langsam wird ihm klar werden, dass ich besser ausgebildet bin als er. Und selbst dann wird er es geflissentlich ignorieren und mir viele gute Lebenstipps mit auf den Weg geben.

„Sie haben studiert?“

„Ja ich habe einen Master in ...“

„Aha, und warum haben Sie jetzt noch keinen Job?“

„Ich hatte mich beworben, aber neben dem Schreiben der Arbeit ...“

„Aha, Arts and Media Administration?“

„Ja, das ist ein Kulturmanagement-Master an der ...“

„Aha, na ist klar, mit so einem Kulturschwerpunkt ist es schwer, was zu finden.“

Mitleidiger Blick. Ich fühle mich im falschen Film. Wie redet dieser Mensch denn mit Leuten, die wirklich Hilfe brauchen? Soll mir hier ein schlechtes Gewissen eingeredet werden? Ein kleiner Denkzettel? Oder verhält sich Herr S. einfach allen gegenüber, die sein Büro betreten, überheblich und ignorant?

Schlussendlich brummt mir Herr S. zehn Bewerbungen im Monat auf, findet in seinem System sogar eine „passende“ Stelle für mich – ein Volontariat bei einer öffentlichen Einrichtung in Potsdam – und schickt mich dann den Gang runter zum Kollegen K.. Bei ihm gebe ich dann meine ausgefüllten Dokumente ab. Ich fühle mich etwas nackt, schließlich reiche ich hier Kontoauszüge der letzten sechs Monate ein, ergänzt durch Angaben, die mich komplett gläsern werden lassen. Nach der Durchsicht, sagt Kollege K. nur trocken: „Ich verstehe gar nicht, wer den jungen Leuten immer sagt, sie sollen selbstständig arbeiten.“

Donnerstag, 11. Dezember 2014: „Fuffis im Club“ oder so ähnlich

Jippieh, juhu und bumsfallera, endlich ist die Kohle da! Die Bundesag­entur für Arbeit, genauer gesagt das Service-­Haus Regensbu­rger Straße 104, überweist mir ganze... Moment mal... 146,67 Euro? Okay. Erstmal nachhaken. Ach, das ist jetzt nur für den November. Okay. Und der Rest? Kommt dann irgendwann. Gut, dass ich meine Selbstständigkeit habe und einen Boyfriend, der mir Geld leihen kann. Sonst hätte ich jetzt ein dickes Problem. Miete zahlen, Lebensmittel kaufen wären sonst gar nicht drin gewesen, ganz abgesehen von irgendwelchen Mätzchen wie mal ein Bier mit Freunden trinken gehen – bis jetzt nicht und auch nicht bis zum 16. Januar. Erst dann nämlich kommt ein größerer Batzen in einer Höhe von 925,62 Euro auf meinem Konto an.

Klar hätte ich Lebensmittelmarken holen gehen können, erfahre das aber erst wesentlich später. Und selbst dann: Wie unangenehm ist mir der Gedanke, im Supermarkt mit Lebensmittelmarken bezahlen zu müssen! Das neue Jahr beginne ich mit -330,63 Euro auf meinem Konto.

Donnerstag, 18. Dezember 2014: Menschen wie du und ich

Der Jobpoint Neukölln, idyllisch gelegen in der Passage. Nebenan ist ein Bäcker, weiter unten das Kino und gleich gegenüber der Lernladen. Jobpoint und Lernladen sind heute meine Ziele. Bei beiden soll ich vorsprechen und mir einen Stempel geben lassen. Die beiden Besuche hat mir Herr S. auferlegt. Im Jobpoint werde ich zu meinem Lebenslauf beraten. Der junge Mitarbeiter betont zunächst, dass die Einrichtung ein Dienstleister des Jobcenters ist. Es wirkt, als wolle er sich direkt reinwaschen vom Mief des Amtes inklusive aller schlechten Erlebnisse, die man dort als „Kunde“ gemacht haben könnte. Hier bist du sicher, will er mir suggerieren. Er sieht sich meinen Lebenslauf an und ich merke, er ist sonst anderes gewohnt. „Das kann man alles so machen.“

„Aber finden Sie nicht, dass ich zum Beispiel hier straffen könnte oder vielleicht sogar nach Arbeitsfeldern ordnen könnte?“

„Ja, das können Sie so machen.“ Am Ende entlocke ich ihm einige hilfreiche Tipps und gehe meiner Wege Richtung Lernladen. Hier kann man ausdrucken und im Internet nach Jobs und Weiterbildungen recherchieren. Mein Berater ist ein älterer Herr, der laut eigenen Angaben schon in so ziemlich jedem Metier gearbeitet hat. Ich würde gern programmieren lernen. Schon sucht er eifrig nach Möglichkeiten und gibt mir am Ende ein kleines Päckchen an Ausdrucken mit. Ab hier müsse ich mich selber kümmern, ich könne aber jederzeit gerne wieder vorbeikommen.

Donnerstag, 19. März 2015: Ein alter Hase

Unglaublich, ein halbes Jahr ist rum! Ich bin nun um einiges klüger. Zum Beispiel weiß ich jetzt, die am Anfang von Herrn S. auferlegten zehn Bewerbungen hätten von mir nicht angenommen werden müssen. Ich hätte einfach sagen können: Herr S., tut mir leid, aber zehn Bewerbungen sind für mich unrealistisch, vor allem weil ich nebenher arbeite. Ich suche tatsächlich nach einem Job, aber eine Bewerbung kostet mich mit Sicherheit drei Tage. Das bestätigt mir auch Frau W., meine Sachbearbeiterin. Sie hat vor allem „Kunden“ aus dem Gastro- und Touristikbereich. Ich bin ihr Exot.

Bei meiner Qualifikation und vor allem den Jobs, auf die ich mich bewerbe, räumt mir Frau W. eine Woche pro Bewerbung ein. Das sei realistisch. Frau W. ist ein hübsches Ding. Ich schätze sie auf Mitte zwanzig, also jünger als mich. Frau W. und ich verstehen uns sehr gut. Unseren ersten Termin hatte ich beinahe verschlafen und deswegen lädt mich Frau W. jetzt nicht mehr für 8:30 Uhr, sondern regelmäßig für 11 Uhr ein. Regelmäßig heißt alle zwei Monate. Die Gespräche verlaufen dabei sehr entspannt. Frau W. hat gemerkt, dass ich mich bemühe oder zumindest so tue und dass ich sie nicht „verarsche“. Sie könne schon auch unangenehm werden, sagt sie mir im Vertrauen, wenn sie das Gefühl habe, jemand versuche ihre Gutmütigkeit auszunutzen.

Bei Frau W. soll ich fünf Bewerbungen im Monat schreiben. Das kommt der Realität tatsächlich sehr nahe. Aber ganz ehrlich mal: Selbst wenn ich das nicht tun würde, dürfte das sowieso niemand überprüfen – denn rein rechtlich ist niemand vom Jobcenter berechtigt irgendwen anzurufen und nach so persönlichen Daten zu fragen. Die Lücken der Jobcenterregeln sind unergründlich, und diesmal meine ich das nicht ironisch. Fest steht, mein Bewilligungszeitraum läuft ab und ich sollte jetzt schnellstmöglich einen Folgeantrag stellen. Gesagt, getan.

Montag, 22. Juni 2015: From Dispo to Dispo

Kennen Sie das? Sie gehen zum Geldautomaten und nichts kommt raus? Wow, ich war noch nie so arm. Mätzchen gibt’s nicht mehr. Klar laden mich Freunde gern mal auf ein Bier ein, aber das Fazit ist: Soziales Leben ist verdammt teuer, zu teuer für mich im Moment. Meine Nebenjobs haben sich rar gemacht. Zum Vergleich: Ich bekomme jetzt, Ende Juni, 591,25 Euro und nicht mehr nur 146,67 wie noch im November vom Jobcenter in der Regensburger Straße 104. Ganze zwei Monate sehe ich aber gar kein Geld. Wieder muss der Boyfriend herhalten. Und ich frage mich: Wie ist das eigentlich bei Menschen, die in einem anderen sozialen Umfeld verkehren als ich? Wo man sich nicht einfach Geld bei Freunden oder Verwandten leihen kann? Was dann? Einfach sterben oder was? Ich finde das Ganze ganz schön krass.

Ich bin in der glücklichen Lage, selbst ein wenig Geld zu verdienen, mir Geld leihen zu können und – seien wir ehrlich – früher oder später aus dem Hartzen rauszukommen. Was aber ist mit denen, die das nicht können, warum auch immer? Gerade hier in Neukölln gibt es doch viele Menschen, die ihre soziale Sphäre nur selten verlassen und eben niemanden kennen, der ihnen mal für zwei Monate unter die Arme greifen kann, wenn das Amt nicht zahlt.

Das einzig Positive an meiner Lage ist: Ich merke, wie unwichtig Geld für mein Glücksempfinden ist. Denn obwohl es in mir Unbehagen auslöst, wenn mangels Deckung Geld auf mein Konto rückgebucht wird, beispielsweise von meiner Krankenversicherung, das Gefühl geht vorüber. Und wo nichts zu holen ist, ist nichts zu holen, das können Bauchschmerzen auch nicht ändern. Ich entspanne mich und nehme die Haltung ein: Wird schon irgendwie werden. Noch wird nichts gepfändet, noch habe ich zu essen und das Wichtigste: Ich habe Freunde, die mich auf ein Bier einladen.

Freitag, 17. Juli 2015: Immer was zu tun

„Ihre Mitarbeiterin Frau K. ist Perfektionistin und arbeitet langsamer als alle anderen, dadurch erreichen Sie bestimmte Vorgaben des Kunden nicht. Sie müssen ein Gespräch diesbezüglich mit ihr führen. Wie machen Sie das?“ Ich sitze jenseits des Berliner S-Bahn Rings in der Agentur für Arbeit und spiele Assessment Center, eine beliebte Methode vieler Firmen den richtigen für den Job auszusuchen. Ich habe so was noch nie gemacht und wer weiß, ob mich so etwas nicht bald erwartet.

Gerade laufen meine Bewerbungen ganz gut. Ich war noch mal im Jobpoint und habe mit Freunden über Lebenslauf und Anschreiben gesprochen. Letzte Woche hatte ich zwei Vorstellungsgespräche. Beide liefen vielversprechend. Jetzt sitzen mir Frau V. und Frau G. gegenüber. Sie schulen mich und ich habe Spaß dabei. Auch hier läuft es gut und auch den beiden scheint es Spaß zu machen. Dann klingelt mein Telefon. Ich entschuldige mich, denn es ist tatsächlich ein potentieller Arbeitgeber, der mir frohe Kunde überbringen will: Ich habe einen Job!

Ich freue mich und mache Assessment Center Aufgaben fertig. Es wird die einzige Fortbildung sein, die ich in meinem knappen Jahr Hartz IV hinter mich gebracht haben werde, und das freiwillig, weil es mich interessiert hat. Hier habe ich keine Horrorstory auf Lager, wie man sie aus zahlreichen Erzählungen kennt, keine stupiden Fortbildungskurse, die nur eins bringen: Geld auf das Konto irgendeiner dubiosen Weiterbildungseinrichtung. Dabei kann man eigentlich so viele schöne Dinge lernen. Ein bisschen bin ich traurig, dass ich die Zeit dafür nicht besser genutzt habe, aber hey, dafür bin ich bei einer Magazingründung dabei und hatte immerhin ein paar Nebenjobs, mein Lebenslauf bleibt ohne Lücke. Doch warum macht mich das eigentlich stolz?

Mut zur Lücke wäre eigentlich mal angebracht. Ich werde noch verdammt viel in meinem Leben arbeiten. Warum dann nicht eine Zeit lang nichts tun und programmieren lernen? Oder einfach nur nichts tun? Könnte ich wahrscheinlich gar nicht, da ich vor Langweile sterben würde, wie übrigens die meisten Menschen. Laut einer Studie nehmen über ein Drittel der Hartz-IV-Empfänger Jobs an, die nicht ihrem Ausbildungsniveau entsprechen. Und, so schreibt der Spiegel, "mehr als die Hälfte der Hartz-IV-Empfänger zwischen 15 und 64 Jahren geht mindestens 20 Stunden pro Woche einer nützlichen Tätigkeit nach. Sie erziehen Kinder unter sieben Jahren, pflegen Angehörige, arbeiten und benötigen dennoch ergänzendes Arbeitslosengeld II, bilden sich weiter oder befinden sich in einer Fördermaßnahme."

Dienstag, 11. August 2015: Die Farben des Jobcenters

Heute habe ich mein letztes Gespräch mit Frau W. Ich hatte ihr eine freudige Mail geschrieben, direkt nachdem ich die Zusage für meinen neuen Job bekommen hatte. Sie war da gerade im Urlaub, hatte mir dann aber prompt nach ihrer Rückkehr ebenso freudig zurückgeschrieben. Ich solle meinen Arbeitsvertrag mitbringen, damit alles seine Richtigkeit hat. Ich sehe in Frau W.s Augen, dass sie sich aufrichtig für mich freut. Nur meine Arbeitszeiten findet sie schrecklich: Kernarbeitszeit ist von 10:00 bis 17:30 Uhr – ein krasser Gegensatz zu ihren Bürozeiten. Ich aber find's super. Mein Fazit nach einem Jahr Jobcenter: Ich bin dankbar, dass es so eine Einrichtung gibt, die einem Geld gibt, wenn man es braucht – oder eben zwei Monate später. Doch die Hürden, die damit verbunden sind, stelle ich mir für viele Menschen sehr hoch vor. Ich habe studiert, bin ein positiver, gestaltender Mensch, bringe keinen Ballast von zu Hause oder sonst woher mit. Aber nicht jeder ist wie ich, und das ist auch gut so.

Es ist ein entmenschlichtes System, das man durchaus durchblicken kann. Doch es gäbe sehr viel zu verbessern. Nicht nur für die Menschen, die mit mir in den zahlreichen Schlangen des Jobcenters standen, sondern auch für jene hinter den Tischen. Denn nur selten habe ich diese Menschen lächeln sehen bei dem, was sie tun. Grau und angestrengt, das war der Look des Jobcenters. Sobald Menschen zu Zahlen werden, zu Gegnern in einem fiktiven Kampf, bei dem es im Endeffekt um deren Leben geht, kann das nur hässlich werden. Die Antwort müsste heißen: Mehr Menschlichkeit im System, nicht weniger, mehr Unterstützung und das nicht nur auf der Ebene von Geld. Mehr miteinander, statt gegeneinander. Doch jetzt gehe ich mal raus in die Welt und verdiene Geld und zahle Steuern und hoffe, dass ein Teil davon bei irgendeinem Hartz-IV-Empfänger landet und er sich davon was Schönes kaufen kann, vielleicht sogar ein Bier für einen Freund, der sich gerade keins leisten kann.

Elisa Bilko ist Redakteurin bei Kater Demos, dem utopischen Politikmagazin (www.katerdemos.de). Der Text stammt aus der zweiten Ausgabe zum "Schwerpunkt Arbeit", die seit 20.05. am Bahnhofskiosk erhältlich ist.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (25)

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Ehemaliger Nutzer 31.05.2016 | 14:30

Wunderbarer Text. Ich habe, als Arzt und somit recht gut ausgebildeter Akademiker, über die Jahre bisher zweimal zwischen Jobs in verschieden Städten der Republik für kurze Zeit ALG I bezogen. Die Erfahrung jedesmal die selbe: Ein scheinbar gewollt erniedrigendes, anonym gehaltenes System von unendlichen Formularmengen, der Zeitaufwand teils in die Wochen gehend, ohne aber irgendeine tatsächlich sinnvolle Hilfestellung, wenn man denn wirklich mal eine bräuchte. McKinsey und Schröder/Harz haben hier ganze Arbeit geleistet. Wenn ich jetzt überlege, ich müsste bei ALG II auch noch Einblick in meine Konten geben, alles verständlich, aber dennoch eine menschliche Erniedrigung. Speziell als ALG Ier hat man ja zudem das Gefühl, man hat über Jahre in dieses System gut eingezahlt, warum muss man sich also, wenn Not am Mann ist, jetzt in diesem Maße quasi rechtfertigen und sich seine zustehenden Rechte so erniedrigend erkaufen. Und wenn einem dann noch Menschen in diesen Ämtern gegenüber sitzen, die ganz offensichtlich oft viel weniger Ahnung von fast allem haben als man selbst, ihre eigene Materie einschließlich, dann kann schnell Frust und sogar Wut entstehen. Man wird in der Tat vor allem verwaltet.

Roesike Axel 31.05.2016 | 17:36

Man kann dieses System noch weiter durchblicken, wenn man allerdings bereits nach dieser Visite das Attribut entmenschlicht vergibt, hat man bei den folgenden Wahrheiten deutlich Probleme bei der Wortfindung, würde ich vermuten. Wenn man so viel Freude an allem mitbringt, bekommt man natürlich auch Freude zurück, so sollte alles laufen. Man sollte es nicht unerwähnt lassen, dass die Dankbarkeit und Freude über das Bestehen einer Organisation wie der angesprochenen nicht ungeteilt ist.

Livre 31.05.2016 | 20:03

interessanter erlebnisbericht !

allerdings bin ich ziemlich sicher, dass die erfahrungen eines mehr als einjährigen beziehers von algII etwas abweichend und weniger positiv sein dürften, vor allem wenn die option von sanktionen ins gespräch oder zur andeutung kommt - was zum beispiel der fall sein kann, wenn der bewerber nicht gerne im callcenter oder anderer unterbezahlter, ihm artfremder tätigkeit arbeiten möchte, könnte ihm der fallmanager dezent klarmachen, dass dies, wenn er wiederholt angebotene stellen ablehnt zu einer kürzung seiner leistungen oder sogar dem wegfall seines anspruchs führen könnte...

daher hier eine empfehlung:

artikel deutschlandfunk

und die im februar gegründete plattform

sanktionsfrei.de

leotse 01.06.2016 | 09:55

Geschätzt die Hälfte der Menschen auf dieser Erde würde sich kaputtlachen, wenn Sie hörten, dass man bei uns im Fall der Arbeitslosigkeit vom Staat die Wohnung bezahlt bekommt und dazu noch Geld kriegt, um sich Essen zu kaufen und dass es dann ein Thema ist, dass dieses Geld zu spät überwiesen wird und man kein Bier trinken gehen kann, und dass die Leute in dem Amt nicht freundlich waren. Daran möchte ich erinnern, wenn einige hier sich daran orientieren, dass es bei uns auch schonmal noch besser lief, anstatt daran, dass es auch sehr viele Menschen gibt, die für 50€ im Monat hart arbeiten und viele andere, die sich von Müll ernähren.

Comparse 01.06.2016 | 11:25

Sie gehören wahrscheinlich auch zu der Sorte Mensch, die einem Obdachlosen ungerechtfertigtes Gejammere vorwerfen würden, nur weil er noch Kleidung und Schuhwerk am Körper hat.

Ja, es geht immer noch schlimmer.

Und wer im Krieg zum Krüppel gemacht wurde, sollte in ihren Augen wohl dankbar sein, dass er im Gegensatz zu anderen noch am Leben ist, anstatt über den mitgemachten Krieg zu jammern.

Etc. p.p.

Zack 01.06.2016 | 14:25

Deutschlands Reichtumsproduktion war und ist eine (mit)bestimmende und aktiv gestaltende Ursache weltweiter Verelendung und Massensterberei. Wer das verschweigt, aber unbedingt auf die Binse verweisen will, dass sich globale Armut noch schlimmer gestaltet als die Zumutungen eines H4-Regimes am Standort einer imperialistischen Nation, hat nicht nur nichts gegen Armut (und schon gar nichts gegen ihre Gründe) einzuwenden, sondern verlangt von den Armutsopfern ausschließlich eines: demütige und störungsfreie Hinnahme ihres Elends.

GEBE 01.06.2016 | 15:00

Sie irren gewaltig, wenn Sie es zu unternehmen versuchen, Armut am Verhungern im Elend per Abwärtsvergleich zu messen. Das ist, verzeihen Sie, so dämlich, als würden sie eine ernste Erkrankung mit einem letalem Endstadium in Vergleich setzen. Sie verwechseln schlichtweg (absichtlich?) die Kategorien. Warum tun Sie das?

Wären Sie konsequent und dächten Sie Ihre Postulate zuende, kämen Sie schnell auf den Trichter, daß nach Ihrer Anschauung Armut im Saldo eine eine glatte Null zu sein hätte: Null Geld, null Essen, null Dach überm Kopf, null Leben!

Kann es sein, daß Sie etwa fundamental-pietistisch sozialisiert sind, so nach dem Halleluja-Lebenserfüllungsmotto: Alles was gut ist, muß weh tun, schlecht schmecken, unterwürfig freudlos und in Lumpen gehüllt sein.

GEBE 01.06.2016 | 15:09

@ Kater Demos: Seien Sie froh, daß Sie noch jung sind; da bestehen - zumindest für die Vorstellung - noch bessere Aussichten, mit denen Sie sich über den status quo hinwegtrösten können. Jugend und gebildete Wachheit ermöglichen wenigstens noch initiative Kreativität, Nischen zu finden und zu schaffen; denn systemisch wird sich nichts zum Besseren ändern, im Gegenteil.

Michaela 01.06.2016 | 16:07

Jugend und gebildete Wachheit ermöglichen wenigstens noch initiative Kreativität, Nischen zu finden und zu schaffen; denn systemisch wird sich nichts zum Besseren ändern, im Gegenteil.

Ich hoffe doch, dass dies nicht nur für die Jugend zutrifft, ansonsten ist dieser Satz schlicht eine überlebensnotwendige Prämisse, für alle, die sich nicht zu Sklaven des Systems machen möchten.

Initiative Kreativität - lieber Gebe - sie sind mir so einer, ich hoffe sie bestrafen mich nicht gleich wieder verbal, wenn ich die Verurteilung des Laotse etwas unterstellend nenne - ich hoffe, er hat seine Zeilen eben gerade nicht so gemeint - man kann sie auch anders verstehen - (glaube ich zumindest.....) -

Zack hat Ihm die Höchststrafe verpasst, wobei, ich da gerne eine Replik von Laotse lesen würde - dann wird klar, wie er es meinte.

(Zack´s erster Kommentar hier wäre dann sogar kompatibel mit Laotses Worten..... - ich bin gespannt - ich hoffe es war nur unglücklich formuliert!)

Weiters bin ich gespannt, wie sich das Projekt Kater Demos entwickelt - soviel Bier, mag manchmal hilfreich sein, könnte aber auch zum Problem werden. Es ist eine schöne Sache, könnte nur sein, dass das Arbeitsklima schlecht wird, wenn sich die Beteiligten finanziell mit etablierten Journalisten vergleichen und zu viel aus dem Topf beanspruchen. (Der Heftpreis ist hochambitioniert - die Inhalte sind gratis in vielen sehr guten Blogs zu lesen, mit Verlaub teils besser formuliert.)

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Ehemaliger Nutzer 02.06.2016 | 19:47

Interessant und sehr lehrreich für mich. Eine Unklarheit bleib allerdings bei der Beschreibung der Zahl der Bewerbungen. Dort hiess es

"... eine Bewerbung kostet mich mit Sicherheit drei Tage ..."

Bezieht sich das auf das Schreiben einer Bewerbung oder den ganzen Vorgang einschliesslich Gespräch mit Vorstellung?

miauxx 02.06.2016 | 22:59

Vergleichsweise viel Glück gehabt - obwohl es auch so schon genügt, um einen Eindruck von der H4-Abhängigkeit zu bekommen. Die Beschreibung des Gesprächs mit Herrn S. illustriert dabei auch schon ganz gut, dass gerade im Falle Studierter und besonders Akademikern von einem "Jobcenter" überhaupt gar nicht die Rede sein kann - bei der Jobsuche können sie rein gar nichts tun oder helfen. Das beginnt schon mit der fehlenden Vorstellung davon, was jemand studiert hat. Es ist im Grunde nichts als Leistungsverwaltung.

chrislow 03.06.2016 | 16:10

Zitat:

"Und ich frage mich: Wie ist das eigentlich bei Menschen, die in einem anderen sozialen Umfeld verkehren als ich? Wo man sich nicht einfach Geld bei Freunden oder Verwandten leihen kann? Was dann? Einfach sterben oder was?"

-> Nana, nicht gleich sterben.

Falls es um Hunger geht: Einfach einkaufen gehen und nicht bezahlen. Das geht - mit ein wenig Strategie. Und das ist rechtlich nahezu abgesichert (ein Gerichtsurteil in Italien erklärt einen des Ladendiebstahls Angeklagten für unschuldig, weil seine finanzielle Lage es nicht zuließ, den Einkauf zu bezahlen. Eine Maßgabe war jedoch, das keine Gewalt ausgeübt werden darf. ...).

Und genau so habe ich es schon mehrere Male gemacht: Einfach so tun, als ob ich normal einkaufen ginge, nur das ich an der Kasse nach dem einscannen der Artikel eben nicht bezahle, sondern einfach weggehe. Zügig versteht sich - so zügig, das niemand dazu kommt, dich festzuhalten (wonach man sich nur mit Gewalt befreien müsste, was nicht erlaubt sei ... laut Gericht...)

blog1 23.06.2016 | 15:53

Liebe Frau Bilko,

es ist wohl die Zeit der Erfahrungsberichte in der FC angebrochen.

Nach den vielfältigen Kommentaren möchte ich das Thema "bedingungsloses Grundeinkommen (BGE)" in die Diskussion einführen. Über das BGE wurde ja vor kurzem in der Schweiz abgestimmt. Es fand dort keine Mehrheit.

Dennoch gibt es namhafte Verfechter des BGE u.a. der DM-Chef Werner. Auch wenn die Mehrheit der Bevölkerung in Deutschland mit Sicherheit aktuell gegen das BGE ist, sollten wir daran arbeiten, es eines Tages zur Realität werden zu lassen.

Wenn die Menschen einmal begriffen haben, dass nicht weniger gearbeitet würde, wenn das BGE vorhanden wäre, dann wäre schon einiges gewonnen. Gewiss, die Finanzierung des BGE ist ein weiteres Problem, das sich aber lösen lässt.

Derzeit wird viel Energie und damit finanzielle Ressourcen in ein teilweise menschenverachtendes System des "Förderns und Forderns" gesteckt, um vielleicht 1 % "Faulenzer" herauszufiltern. Das scheint mir wenig zielführend und effizient zu sein.

blog1 23.06.2016 | 17:00

als ich mit dem Studim fertig war (schon ne Weile her) meldete ich mich beim Vermittlungsdienst für Fach - und Führungskräfte beim Arbeitsamt (so hieß das damals und nicht Bundesagentur für Arbeit). Und siehe da, nach Abgabe meiner Bewerbungsunterlagen, erhielt ich drei Angebote für ein Vorstellungsgespräch. Die Fahrtkosten wurden auch ersetzt. Am Schluss hatte ich die Qual der Wahl. Ja, so war das damals Anfang der 80-iger. Heute nennt sich das Jobcenter, in Wahrheit ist es aber eine Hartz IV Verwahrstelle.

Dass der Chef der BDA jetzt auch noch der Chef vom Bampf ist, lässt nichts Gutes ahnen.

blog1 23.06.2016 | 17:02

als ich mit dem Studim fertig war (schon ne Weile her) meldete ich mich beim Vermittlungsdienst für Fach - und Führungskräfte beim Arbeitsamt (so hieß das damals und nicht Bundesagentur für Arbeit). Und siehe da, nach Abgabe meiner Bewerbungsunterlagen, erhielt ich drei Angebote für ein Vorstellungsgespräch. Die Fahrtkosten wurden auch ersetzt. Am Schluss hatte ich die Qual der Wahl. Ja, so war das damals Anfang der 80-iger. Heute nennt sich das Jobcenter, in Wahrheit ist es aber eine Hartz IV Verwahrstelle.

Dass der Chef der BDA jetzt auch noch der Chef vom Bampf ist, lässt nichts Gutes ahnen.

Onyx2309 23.06.2016 | 18:38

Ist ja schön,dass Sie so gute Erfahrungen gemacht haben,Frau Bilko...Aber die "Lebens"-Realität anderer vieler Menschen,die Hartz IV oä. beziehen, sieht leider ganz anders aus.Und NEIN,diese Menschen sind nicht selbst schuld daran,um das gleich mal vorwegzunehmen...

Ich kann nur davon träumen,mir etwas Schönes kaufen oder ein Bier trinken gehen zu können...Denn das Geld,was man vom Jobcenter bekommt,reicht eigentlich nichtmal für das Nötigste...

Ich bin übrigens Eine von denjenigen,die so überhaupt niemanden mehr haben,der einem mal unter die Arme greifen könnte.Was dann ist,wenn es bei mir mal wirklich so richtig eng mit dem Geld wird bzw noch enger,will ich mir jetzt gar nicht ausmalen.Sterben?Naja,unter bestimmten Umständen wird einem da wohl nichts anderes übrig bleiben,wenn man,nicht so wie Sie,noch eine Wahl hat...