Plädoyer für die spätrömische Dekadenz

Zukunft der Arbeit Wie wollen wir morgen arbeiten und wollen wir das überhaupt? Die Veränderungen der Arbeitswelt stellen nicht nur uns, sondern auch den Staat vor neue Herausforderungen
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Plädoyer für die spätrömische Dekadenz
‪#‎wiewollenwirmorgenarbeiten‬
Bild: Marc Heinrich/Kater Demos

Lea (Name geändert) läuft als Telefon verkleidet durch eine Berliner Einkaufsstraße, um Flyer an den Mann bzw. die Frau zu bringen. Es ist zwar bitterkalt, doch in Leas Kostüm ist es flauschig warm. So warm, dass ihr der Schweiß von der Stirn rinnt. Während sie Passanten davon zu überzeugen versucht, dass der auf ihren Flyer gedruckte Mobilfunktarif der, so wörtlich, »allergeilste auf Erden ist«, sinniert sie über den Sinn des Lebens, beziehungsweise ihren Sinn als Telefon. Trotz reduzierter Atemluftzufuhr brodelt ihr Kopf voller Gedanken. Sie könnte jetzt auch in einem Flüchtlingsheim sein, wie am Wochenende, und Menschen helfen, die Hilfe benötigen. Dafür gibt es aber leider kein Geld und irgendwie muss sie sich ja ihr Studium finanzieren. Zu blöd.

Fragt man Kinder im Vorschulalter, was sie später mal werden möchten, wenn sie groß sind, sind ihre Berufswünsche noch träumerisch. Prinzessin liegt bei Mädchen und Actionheld bei Jungen hoch im Kurs. Später werden die Vorstellungen etwas realistischer, der Gender-Gap aber bleibt. Mädchen wollen Tierärztin oder Krankenschwester, Jungs Profifußballer oder Polizist werden. Abgesehen vom Profifußballer sind alle Berufe wirklich nützlich und im Bestfall hilft man damit sogar Menschen (oder halt Tieren). Die Wünsche sind dabei über die letzten 50 Jahre recht konstant geblieben, konstatiert das Meinungsforschungsinstitut Gallup. Erst ab der siebten Klasse etwa setzt dann die Ernüchterung ein und dem einen oder anderen dämmert, dass es mit der eigenen Kleintierpraxis in der Großstadt oder dem Dasein als Mario Götze vielleicht doch nichts wird.

Heute sind wir in der Regel irgendetwas ganz anderes geworden, etwas von dem wir als Kind nicht einmal eine Ahnung hatten, dass es das gibt, geschweige denn eine Vorstellung davon, was man da macht oder wozu man das braucht. Bei einer kleinen Straßenumfrage in Berlin-Kreuzberg treffen wir auf ein Pärchen: Sie wollte früher Schauspielerin werden, er Milchmann. Heute machen beide PR.

Journalisten: Menschen, die in einem anderen Beruf mit weniger Arbeit mehr Geld verdient hätten.
(Robert Lemke)

Was das genau ist, ein guter Job, mag ja Geschmackssache sein. Versuchen wir mal einen Konsens: Fair bezahlt, nette Kollegen, interessante Aufgaben, verträgliche Arbeitszeiten, Aufstiegs- und Weiterbildungsmöglichkeiten. Am wichtigsten: Auf jeden Fall sollte man von seiner Arbeit auch anständig leben können. So weit so gut. Blöd nur, dass die alten Sicherheiten heute nichts mehr wert sind. Die Generation Y, also die etwa 1980-2000 Geborenen, ist zwar so gut ausgebildet und flexibel wie nie zuvor, sieht sich aber zum Dank nie dagewesenen, prekären Beschäftigungsverhältnissen gegenüber. Heißt: Zeitarbeit, Praktika, befristete Verträge und schlechte Löhne. Jeder Vierte arbeitet heute im Niedriglohnsektor, die Leiharbeit hat sich seit 1996 verfünffacht, fast 30 Prozent der Ypsiloner arbeiten als Selbständige und viele davon mit Existenzängsten, schreibt der Philosoph und Autor Patrick Spät – die Rate ist höher als in allen anderen Generationen.

Wenn ihr euch nicht organisiert, werdet ihr als eine Herde von armen Teufeln enden, denen keine Erlösung mehr helfen kann.
(Karl Marx)

Und dennoch: Während die Generationen vor uns noch nach der Devise lebten „Jeder Job ist besser als kein Job“, denkt die Generation Y anders. Sinn soll der Job im Bestfall nämlich auch machen. Ulrich Renz, Ex-Verlagschef, Mediziner und Autor des Buches „Tyrannei der Arbeit“ ist durchaus beeindruckt, wie die Ypsiloner ticken und findet, dass das die gesündere Lebensweise ist: Bedingungen stellen, lieber im Team arbeiten, nicht nur für die Arbeit leben. Während sich die Denkmuster der 90er noch perfekt mit einer Sparkassenwerbung zusammenfassen lassen: „Mein Haus, mein Auto, mein Boot!“, ist mit rein Materiellem kaum noch einer der Ypsiloner zu ködern. Da geht es um Freunde, Auszeiten, Reisen, Urban Gardening, Sinn und das Zauberwort: Work-Life-Balance.

Work-Life-Balance. Das Revolutionäre dieses Begriffs kommt einem wohl erst in den Sinn, wenn man es auseinander nimmt. Dafür zuerst ein Witz: Treffen sich zwei Ameisenbären. Sagt der eine: „Und, was machen Sie so?“ Entgegnet der andere: „Sie meinen beruflich?“. Wir definieren uns zu allererst über Arbeit. Wir sehen Leute im Fernsehen und sie sind untertitelt mit „Jana, 35, Elektroinstallateurin“. Du bist was du arbeitest. In einem Begriff die Arbeit auf die eine Seite, das Leben aber auf die andere zu stellen und Balance zu fordern, das ist doch schon mal ein echter Anfang!

Eingebetteter Medieninhalt

Die Realität ist allerdings eine erschreckend andere. Auch wenn sich die Ypsiloner den Sinn herbeiwünschen in ihrem Tun, kann das aber kaum einer im beruflichen Alltag umsetzen. Hand aufs Herz. Der Großteil der Menschen die wir kennen (und vielleicht auch wir selbst) arbeiten irgendetwas Sinnloses, dass unser Hirn +/-40 Stunden die Woche entsaftet, während wir versuchen uns die ganze Angelegenheit schön zu reden. Klar, „first world problems“, aber wie sollen wir die Welt retten, wenn wir uns nicht mal davor retten können das Falsche zu arbeiten?

Stattdessen rackern wir uns ab, unserem Lehnsherren – Entschuldigung, Arbeitgeber – zur Gewinnmaximierung zu verhelfen, an der wir im Normalfall gar nicht beteiligt sind. Laut einer Studie des US-Meinungsforschungsinstituts Gallup aus dem letzten Jahr leisten 85 Prozent der Deutschen maximal Dienst nach Vorschrift. 15 Prozent von diesen haben darüber hinaus sogar schon innerlich gekündigt. Währenddessen versuchen Scharen von Personalern in großen Unternehmen die Wünsche der Generation Y zu decodieren und sie mit vermeintlichem Sinn zu ködern. Mag das für Studierende der MINT-Fächer heute alles noch aufgehen, lebt auf der anderen Seite der Sinnmedaille das akademische Prekariat.

Alle diejenigen, die – wie es so schön heißt – „etwas als Hobby für die Arbeitslosigkeit studiert haben“, halten sich mit befristeten Teilzeitverträgen über Wasser (z.B. Wissenschaftler) oder arbeiten unterbezahlt 60-Stunden in irgendwelchen Vorhöfen zur Hölle (z.B. Was-mit-Medien-Menschen oder Start-up-Typen), wo sie, wenn überhaupt, nur mit netten Kollegen, dem Bürokicker oder sogar Alkohol zum Bleiben bewogen werden können. Schöne neue Arbeitswelt. Noch mehr? Bitte: Pflegerin im Altenheim – drastisch unterbezahlt; Krankenschwester – heillos überlastet und unterbezahlt; Lehrer – Burn-Out garantiert und nicht einmal die Hälfte von ihnen kann sich Studien zufolge vorstellen, bis zum Pensionsalter durchzuhalten. Warum tun wir uns das eigentlich an?

II. Die Hamsterradgesellschaft

Ein Hamsterrad sieht von innen auch aus wie eine Karriereleiter.
(Unbekannt)

In zahlreichen Wirtschaftsforen und Veranstaltungen vertreten Ökonomen, nicht nur der vielzitierte Thomas Piketty („Das Kapital im 21. Jahrhundert“), die Meinung, dass man mit Arbeit heute keinen Reichtum mehr erlangen kann, sondern wir global in eine ökonomische Schieflage geraten sind. Während sich das schnöde Kapital wie von Zauberhand munter weiter vermehrt und die wenigen Großkapitaleigner noch größere Großkapitaleigner werden, löst sich die Mittelschicht auf.

Wofür arbeiten wir eigentlich heute noch? Etwa dafür, irgendwann staatliche oder private Rente zu bekommen? Haha, der war gut! Ist ihnen schon mal aufgefallen, dass im Wort Rente das Wort Ente drinsteckt? Vermutlich nicht ohne Grund.

Als Folge dieser ökonomischen Schieflage sind immer mehr Menschen potentiell von Altersarmut betroffen, obwohl ihr Einkommen über der Armutsgrenze liegt. Fast jeder zweite der Ypsiloner hat Angst vor Altersarmut. Die Politik aber ignoriert das Problem konsequent: „Deutschland geht es gut!“, ist das vielzitierte Mantra, das Angela Merkel und Co. in die weichgespülten Köpfe der Deutschen einhypnotisieren. Wer Angst vor Altersarmut hat, kann ja riestern. Nur blöd, dass vom Wirtschaftsweisen Bofinger bis zum Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) die Abschaffung der Riester-Rente gefordert wird, weil sie im Grunde nur ein Geschenk von Rot-Grün an die Versicherungsindustrie war.

Schöne Aussichten. Das kann man jetzt alles auf den Kapitalismus, die untätige Politik und die Lobbyisten des Großkapitals schieben. Vielleicht ist das aber auch zu einfach. Die Erklärung von Thomas Piketty lässt sich mit einer einfachen Gleichung darstellen: r > g = Problem! Das heißt: Wenn die Kapitalrendite („r“) irgendwann viel größer ist als das Wirtschaftswachstum („g“), kommt es zu ungehemmter Vermögenskonzentration und damit zu wachsender sozialer Ungleichheit. Diese führt unreguliert dazu, dass nicht nur die Wirtschaft stagniert, sondern demokratische Strukturen langfristig zerbrechen.

Was das betrifft, sind wir auf einem guten Weg. Dass in der Finanzkrise ausgerechnet die Mittel- und Unterschicht bluten musste, während im Schlaraffenland des Kapitals noch mehr davon angehäuft wurde, ist keine neue Erkenntnis. Fast monatlich erreichen uns neue Zahlen darüber, wie einige wenige Reiche einen unglaublichen Anteil des weltweiten Vermögens für sich allein beanspruchen. Die letzte Zahl kam von der NGO Oxfam: Die 62 Superreichen des Planeten besitzen angeblich genauso viel, wie die komplette ärmere Hälfte (3,5 Milliarden Menschen) der Weltbevölkerung. Tendenz steigend. Und Deutschland ist in der Eurozone mal wieder unrühmlicher Spitzenreiter bei der sozialen Ungleichheit.

Gibt’s da nicht was von Ratiopharm? Ja, gibt es: Kapitalismus überwinden forte. Ganz einfach. Das ist vielleicht bis zur nächsten Bundestagswahl ein wenig utopisch, aber es gibt auch innerhalb unserer Wirtschaftsordnung einen bunten Blumenstrauß politischer Instrumente, um mehr soziale Gerechtigkeit herzustellen: Die Wiedereinführung der Vermögenssteuer, die Finanztransaktionssteuer, eine gerechtere Erbschaftssteuer, eine Steuer auf Kapitalerträge, die nicht für alle bei 25 Prozent liegt, sondern bitte genauso gehandhabt wird wie bei Einkünften aus klassischer Erwerbsarbeit. Und wenn man das gerecht macht, schröpft man damit nicht die Mittelschicht, sondern geht dahin, „wo dit Geld is“. Dazu noch schwuppdiwupp ein paar Steueroasen (Luxemburg, Irland, Cayman Islands, und ganz aktuell: Panama etc.) austrocknen und hey! auf einmal haben wir wieder Geld, um marode Schulen zu sanieren, freies W-LAN für alle zu ermöglichen oder um Menschen einfach ihre Würde zurückzugeben, damit sie nicht mehr in Mülltonnen nach Pfandflaschen wühlen müssen. Das ist heute eine Selbstverständlichkeit geworden und wir nehmen es kaum noch war.

Doch halt! Was hat das alles mit Arbeit zu tun? Unser Hamsterrad ist manchmal etwas größer, als wir denken. Nicht nur der Masterabsolvent, der nach seinem Studium erst einmal drei Praktika absolviert, dann ein Volontariat, um anschließend in seiner Juniorposition so viel zu verdienen wie Mutti beim feucht Durchwischen in der Villa Seidel, nimmt seinen Zustand gelassen hin. Auch die Tatsache, dass fast jeder Studienabsolvent schon einmal zwischendrin gehartzt hat, scheint heute normal. Soziale Gerechtigkeit und die Art und Weise, wie wir Arbeit als Gesellschaft wertschätzen, hängen sehr eng miteinander zusammen. Hier sei noch einmal daran erinnert, dass selbst die OECD festgestellt hat, dass Länder mit geringerer sozialer Ungleichheit langfristig ökonomisch erfolgreicher sind. Doch wem nützt es, wenn alle mehr arbeiten, mehr unbezahlte Überstunden leisten und dabei aber weniger verdienen?

Vereinfacht gesagt: Wir haben ein paar sehr dicke Goldhamster, die das namensgebende Edelmetall besonders erfolgreich horten, während die anderen in ihren Rädchen fleißig weiterrennen. Dabei erhöhen die dicken Goldhamster regelmäßig die Drehzahl der Hamsterräder ihrer minderbemittelten Artgenossen. Aus der Biologie wissen wir, dass der Hamster in seinem Hamsterrad ein ziemlich eigennütziges und garstiges Wesen ist, das zu allererst an sich selbst denkt. Wer das nicht glaubt, kann ja mal hier nachschauen.

Niemand hat das schöner zusammengefasst als der Journalist Wolf Lotter, der den kleinen, possierlichen Nager gleich für seine gesamte Analogie zur heutigen Arbeitswelt heranzieht: „Der Hamster ist des Hamsters Wolf. Er ist asozial. Er denkt nur an sich. Wenn ihn niemand beobachtet, also kontrolliert, dann gähnt er oder macht sich die Nägel. Zwischen Trägheit und Besitzstandswahrung will er nur eines: Jene Laufräder aus Metall oder Plastik, in denen er stundenlang und bis zur totalen Erschöpfung seine Runden dreht, ohne dass das den geringsten Nutzen stiften würde. Der Hamster läuft und kommt nie an.“

Wir halten kurz fest: Kapitalakkumulation lähmt die Gesellschaft, weil Geld als Schmiermittel und Motor funktionierender Ökonomie nicht mehr zur Verfügung steht. Dabei ist „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“ kein feuchter linker Traum, sondern Artikel 14 unseres Grundgesetzes.

III. Zwei Kennzahlen für ein Halleluja

Neben der Konzentration des Kapitals haben wir aber noch ein anderes Problem. Wir sind hilflos, weil wir als Maßstab für den Erfolg von Nationen oft nur blanke Zahlen heranziehen. Dabei gibt es zwei Klassiker, die beide eng mit Arbeit zusammenhängen: Das Bruttosozialprodukt und die Arbeitslosenquote. Alles was man zum ersten, dem BSP wissen muss, hat Robert F. Kennedy, der ebenfalls einem Attentat zum Opfer gefallene Bruder von JFK, einst treffend formuliert. Kurz vor seinem Tod hielt er im Vorwahlkampf im März 1968 an der Universität von Kansas eine bemerkenswerte Rede, aus der folgendes Zitat stammt:

“Das Bruttosozialprodukt berücksichtigt die Luftverschmutzung, die Zigarettenwerbung und die Krankenwagen, die auf unseren Straßen Verletzte bergen. Es enthält die Kosten für Alarmanlagen, mit denen wir unsere Häuser schützen und die Gefängnisse, in die wir jene einsperren, die dennoch in sie eingebrochen sind. Es steigt infolge der Zerstörung unserer Urwälder, an deren Stelle Städte wuchern. Es erfasst die Produktion von Napalm, Atomwaffen und Panzerfahrzeugen, mit denen die Polizei Unruhen in unseren Städten bekämpft. Es steigt auch durch […] gewaltverherrlichende Fernsehsendungen, mit deren Hilfe man Kindern Spielzeug verkaufen will. Was es hingegen nicht berücksichtigt, ist der Gesundheitszustand unserer Kinder, die Qualität von Schule und Ausbildung oder die Fröhlichkeit unserer Spiele. Es misst weder die Schönheit unserer Lyrik noch die Haltbarkeit unserer Ehen. Es schert sich nicht um die Qualität unserer politischen Debatten und um die Intelligenz unserer Abgeordneten. Es misst weder unseren Mut noch den Grad unserer Reife und Kultiviertheit. Es sagt nichts über unser Mitgefühl mit anderen oder unser Engagement für unser Land. Mit einem Wort: Das Bruttosozialprodukt verzeichnet alles bis auf das, was das Leben lebenswert macht.”
(Robert F. Kennedy)

Minibeispiel: Das Bruttosozialprodukt ist in Saudi-Arabien zwar sehr hoch (Platz 19 der Weltrangliste, zum Vergleich: die Schweiz liegt Platz 20), damit jedoch kein Indikator für Fortschrittlichkeit oder Freiheit der Gesellschaft – erklärt dafür aber, warum man sich dennoch gerne außenpolitisch mit solchen Ländern einlässt.

Das Bruttonationalglück war mal ein Versuch, etwas Neues zu konstruieren. Die Idee kam dem König von Bhutan Jigme Singye Wangchuck im Jahr 1979 in einem Interview mit einem indischen Journalisten, der sich nach dem BSP von Bhutan erkundigt hatte. Der König des Kleinstaates in den Bergen des Himalaya, dessen Landesname so viel bedeutet wie „Land des Donnerdrachen“, wollte dabei Nachhaltigkeit in die Debatte miteinbringen, indem – statt der reinen ökonomischen Leistung – gleich vier Säulen entscheidend für seine Bewertung sein sollten: (1) Die Förderung einer sozial gerechten Wirtschaftsentwicklung, (2) die Bewahrung kultureller Werte, (3) der Schutz der Umwelt sowie (4) gute Verwaltungs- und Regierungsstrukturen. Auch Ecuador und Bolivien haben mit der Verankerung des indigenen Prinzips des Sumak kawsay (bedeutet so viel wie „gutes Leben“) in ihren Verfassungen einen ähnlichen Weg beschritten. Ohne das hier zu vertiefen, ist Bhutan zumindest das einzig bekannte Land, in dem regelmäßig Umfragen vom Staat in Auftrag gegeben werden, wie glücklich das Volk gerade ist und wo die Ergebnisse dessen zum Maßstab politischen Handelns erkoren worden sind.

Kennen Sie Aufstocker? Das sind die, die für ein paar Euro die Stunde ein paar Stunden die Woche Arbeit haben. Und wenn Sie nur 4 oder 5 Stunden Arbeit in der Woche haben, dann sind Sie nicht arbeitslos, dann sind Sie nicht in der Statistik. Sie haben keine 35 Stundenwoche, Sie haben nicht mal eine 35 Euro-Woche, aber Sie haben Arbeit!
(Volker Pispers)

Die zweite Kennzahl, anhand der Regierungen ihr Vermögen oder Unvermögen zur Schau stellen, ist die Arbeitslosenquote: Bei kaum einer anderen Statistik wird so viel getrickst, damit man im Zweifel immer möglichst gut dasteht, wenn man die neuesten Zahlen verkünden darf. Wer gerade arbeitslos und krank ist, ist statistisch nicht mehr arbeitslos. Wer arbeitslos ist und eine lustige bis absurde Maßnahme vom Arbeitsamt, pardon: „Agentur für Arbeit“ oder, pardon: „Jobcenter“, über sich ergehen lassen muss, ist auch statistisch gesehen nicht arbeitslos. Wer arbeitslos ist und vom Amt einen 1-Euro-Job aufgebrummt bekommen hat, ist auch nicht arbeitslos. Dabei verliert man, so der Gründer der Drogeriekette dm Götz Werner (übrigens ein heißer Verfechter des bedingungslosen Grundeinkommens), durch allerlei Sanktionierungen und Vorschriften eine Menge Grundrechte während dieser Zeit:

„Hartz IV verstößt gegen mehrere Artikel im Grundgesetz: Zwangsarbeit ist verboten, die freie Berufswahl garantiert, ebenso Niederlassungs- und Wohnungsfreiheit, diese Rechte schränkt Hartz IV ein, wie im offenen Strafvollzug eben. Zudem wird immer verschwiegen, dass der Hartz-IV-Empfänger weniger Transferzahlungen erhält als ein Mitglied der Mittel- und Oberschicht: Wenn Sie zweimal im Monat mit Ihrer Frau in die hochsubventionierte Oper gehen, erhalten Sie von der Gemeinschaft höhere Transferleistungen als die meisten Hartz-IV-Empfänger.“
(Götz Werner)

Über die Qualität der Arbeit sagt die Arbeitslosenstatistik nichts. Wenn 100 Prozent der Deutschen dauerbefristet im Niedriglohnsektor arbeiten würden, aber dadurch die Arbeitslosenquote null wäre, würden sich, egal ob CDU oder SPD, dennoch erst einmal alle auf die Schultern klopfen und gegenseitig beglückwünschen.

Puh. Kurze Verschnaufpause. Schauen Sie doch mal kurz raus zum Fenster oder auf ihren letzten Gehaltscheck und überlegen sie mal, wann sie eigentlich das letzte Mal in der Oper oder im offenen Strafvollzug waren!

IV. Die Roboter kommen!

Vielleicht kommen ja eh bald die Roboter und übernehmen den ganzen Saftladen, oder etwa nicht?

Schon 1958 vertrat die politische Theoretikerin Hannah Arendt die These, dass die zunehmende Automatisierung alles gewaltig umkrempeln werde: „Was uns bevorsteht, ist die Aussicht auf eine Arbeitsgesellschaft, der die Arbeit ausgegangen ist, also die einzige Tätigkeit, auf die sie sich noch versteht. Was könnte verhängnisvoller sein?“

Insgeheim freut sich Arendt allerdings bei dem Gedanken, da sie in ihrer politischen Handlungstheorie eigentlich die Abkehr vom Fetisch der Arbeit herbeisehnt, um den Menschen die „Vita activa“ zu ermöglichen. Ziel ist es demnach eine Gesellschaft zu formen, in der Menschen auch wieder Zeit für das Politische haben. Ihre Utopie: Eine Gesellschaft voller frei handelnder Individuen, die um gute Ideen miteinander ringen, während R2-D2 bei Edeka abkassiert, die Straßen sauber fegt und die Amazon-Paketdrohnen steuert.

Die Chancen dafür (wie in den letzten 50 Jahren eigentlich auch schon prognostiziert) stehen laut Studien mal wieder ganz gut: Die beiden Oxfordwissenschaftler Carl Benedict Frey und Michael A. Osborne prognostizierten in ihrer 2013 veröffentlichten und viel beachteten Studie ein Automatisierungspotenzial in den USA allein in den nächsten 10 bis 20 Jahren von 47 Prozent. Deutschland ist sogar noch schlimmer dran: Eine Adaption der Frey-Osborne-Studie durch die Volkswirte der ING-Diba schätzt das Automatisierungspotential hierzulande sogar auf 59 Prozent, da der Anteil klassischer Industrie noch höher ist. Unter den betroffenen Berufen sind nicht nur die Fließbandarbeiter, sondern es trifft genauso Wissenschaftler, Ärzte oder Anwälte, wenn auch in geringerem Maße. Sicher schafft die Digitalisierung und Automatisierung auch viele neue Jobs, langfristig wird Hannah Arendts Vermutung aber wahrscheinlich doch wahr werden und uns allen geht die Arbeit aus.

Zeit sich die Hände zu reiben und zu überlegen, was wir Schönes und Sinnvolles mit der frei werdenden Zeit anstellen. Doch halt! Wenn wir mal zurück in die 70er blicken, sehen wir, dass sich die Produktivität von damals bis heute auch schon mehr als verdoppelt hat. Trotz technologischen Fortschritts haben wir dennoch nicht so recht innegehalten und überlegt, was wir mit der gewonnenen Produktivität (theoretisch gleich gewonnene Zeit) eigentlich anstellen wollen. Stattdessen haben wir einfach weiter gearbeitet, um das Bruttosozialprodukt zu steigern. Man ahnt schon, wer davon wohl am ehesten profitiert hat.

Und hier erinnern wir uns wieder an den Hamster, der immer weiter rennt und doch niemals ankommt. Eine Idee wie wir dem ewigen Hamsterrad entrinnen, die ist allerdings ziemlich verwegen:

V. Hurra, spätrömische Dekadenz

Die Arbeit ist etwas Unnatürliches. Die Faulheit allein ist göttlich.
(Anatole France)

„Wer dem Volk anstrengungslosen Wohlstand verspricht, lädt zu spätrömischer Dekadenz ein. An einem solchen Denken kann Deutschland scheitern“, sagte der damalige Außenminister Guido Westerwelle 2010 auf die Frage nach mehr oder weniger Sozialstaat und läutete ein ganz anderes Scheitern ein: Das vorläufige Ende der politischen Bedeutung der Freien Demokraten in der Bundesrepublik. Nicht nur, dass er zu implizieren versuchte, alle Hartz IV-Empfänger seien selbstverständlich Sozialschmarotzer – er scheint auch die wahre Grundidee des Liberalismus gar nicht verstanden zu haben.

Wenn wir die individuelle Freiheit des Einzelnen in den Mittelpunkt liberalen Denkens stellen, dann ist ein Mensch erst wirklich frei, wenn seine Existenz gesichert ist, wenn er sich keine Sorgen darüber machen muss, dass ihm irgendwer etwas wegnimmt, sei es der Staat, der Nachbar, der Flüchtling oder die Mineralölindustrie. Stellen wir uns eine Gesellschaft vor, in der die Grundbedürfnisse gesichert sind: Geld für Miete, Essen und Teilhabe am öffentlichen Leben – ganz ohne Bedingungen, oder gar Sanktionen! Einfach weil man Mensch ist. Ein politisches Konzept, das diesen Gedanken aufgreift und versucht umzusetzen, ist das bedingungslose Grundeinkommen.

Die Idee kurz zusammengefasst: Das bedingungslose Grundeinkommen ist eine Art vom Staat gezahltes Gehalt für jeden Bürger, das ausreicht, um sinnvoll die oben genannten Grundbedürfnisse stillen zu können. Der bereits zitierte Götz Werner schlägt dafür 1.000 € monatlich vor. Der große Klassiker aus dem Kanon der Ängste vor diesem politischen Konzept ist die prognostizierte Untätigkeit alimentierter Bürger. Und ja, vielleicht würde der eine oder andere sich die ersten vier Wochen zurücklehnen und genießen, doch dieser Zustand wäre gewiss nur von kurzer Dauer.

‚Vita activa’ ist da das Stichwort. Der Wunsch tätig zu sein ist ureigenes Bedürfnis des Menschen. Und wenn wir uns selbst aktiv betätigen können, weil unserem Bedürfnis nach Sicherheit und Freiheit in gleichem Maße Rechnung getragen wird, haben wir auf einmal eine angstfreiere und offenere Gesellschaft, in der Menschen selbst entscheiden können, wie und was sie arbeiten wollen.

Weil das Konzept eine utopische Kernidee dieser Ausgabe ist, sei davon an dieser Stelle nicht mehr verraten. Doch es ist bei weitem nicht das einzige Konzept. Leider können wir von unseren verkrusteten Parteien, deren politischer Kompass sich aus der Geschichte des letzten Jahrhunderts orientiert, nicht allzu viel Utopisches und Zukunftsweisendes erwarten. Die Veränderungen müssen wir selbst anstoßen. Gönnen wir uns ruhig eine große Portion spätrömische Dekadenz, denn wir sind eine reiche, innovative und wirtschaftsstarke Wissensgesellschaft in Deutschland, die technologisch und ökonomisch unsere Existenz längst angstfrei sichern könnte. Werden wir politisch! Erinnern wir uns an unser inneres Kind und was es eigentlich werden wollte und holen wir uns, zum Beispiel durch Teilzeitmodelle, etwas mehr Freiheit zurück in unser Leben!

Bis dahin bleibt: Ob wir morgen arbeiten wollen, ist damit absolut keine Frage, die wirklich zur Debatte steht. Für alle, die nicht aus pathologischen Gründen zu Hause den ganzen Tag am liebsten unter ihrem Esstisch sitzen, heißt die Antwort ganz selbstverständlich: Ja! Der Mensch ist lieber nützlich als nutzlos, er schafft gerne, er hilft gerne, zuweilen hämmert er sogar gerne. Wie er das tut und vor allem wie man Arbeit für sich definiert, sollten wir jedem selbst überlassen. Ehrenamtliche Arbeit, Gartenarbeit, Lohnarbeit, Bildungsarbeit, Heimarbeit, Beziehungsarbeit – die Hülle und Fülle der tätigen Dinge, die wir schon einmal sprachlich zur Arbeit erkoren haben, ist so zahlreich, dass man sich wundert, warum wir noch nicht vorher auf die Idee gekommen sind, uns diese gesellschaftlich auch anerkennen zu lassen. Diese Anerkennung von Arbeit als Leistung geschieht in unserem Gesellschaftssystem nun mal über Geld.

Und noch etwas: Definieren wir uns doch bitte nicht so sehr über das, womit wir gerade zufällig unser Geld verdienen! Es gibt so viele andere schöne Dinge – und sogar andere Formen von Arbeit –, an denen man sich ganz wunderbar als Mensch erfreuen kann, schließlich sind wir mehr als eine personifizierte Erwerbstätigkeit. Haben wir den Mut, die Veränderungen, die wir uns wünschen, auch anzustoßen. Die gute Nachricht: Den Rest erledigt ohnehin bald R2-D2.

Der Text ist aus der zweiten Ausgabe des Politikmagazins Kater Demos zum Schwerpunkt Arbeit. Diese erscheint am 20. Mai 2016 deutschlandweit in Bahnhofs- und Flughafenbuchhandlungen und kann derzeit über Startnext exklusiv erworben werden.

Alexander Sängerlaub ist Chefredakteur und Gründer des Magazins Kater Demos

18:00 12.04.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Alexander Sängerlaub | Kater Demos

Kater Demos ist das utopische Politikmagazin: frech, wild, jung, unabhängig.
Kater Demos

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