Der falsche Panzer in Berlin

Meinung Ein zerstörter russischer Panzer soll vor der russischen Botschaft in Berlin aufgestellt werden. Ein Symbol für die Opfer des Ukraine-Krieges sähe aber anders aus
Aktualisiert am 18.10.2022, 20:05
Ein zerstörter russischer Panzer: Schrott, Mahnmal oder Trophäe?
Ein zerstörter russischer Panzer: Schrott, Mahnmal oder Trophäe?

Foto: Fadel Senna/AFP/Getty Images

Dead on tour: In der Nähe der russischen Botschaft steht demnächst ein russischer Panzer, zerschossen von der ukrainischen Armee. Ähnliche Aktionen haben schon in Warschau und Prag stattgefunden. Ist ein erlegter Panzer Kunst? Oder Politik? Jedenfalls ist er ein Symbol – doch wofür? Zerschossene Panzer sind in erster Linie Trophäen. Sie dienen der Kriegspropaganda derjenigen, die sie zerschossen haben. Sie sagen: Seht her, wir machen euch fertig!

Aber nicht deshalb, zumindest nicht ausdrücklich, hatte der Bezirk Berlin-Mitte im Sommer die Aufstellung untersagt – er argumentierte mit der Pietät. Immerhin seien in dem Panzer vermutlich Menschen gestorben. Das ist in der Tat anzunehmen. Und wohl genau aus diesem Grund wollten Enno Lenze und Wieland Giebel das Panzerwrack mitten auf dem Mittelstreifen des Boulevards Unter den Linden aufstellen: als „Mahnmal“, genauer: als Ermahnung gegenüber dem angriffskriegerischen Russland – ein Schrottpanzer als militaristisch mahnender Zeigefinger, getarnt als Ausstellung. Der Berliner Verein „Historiale“ legte Widerspruch ein. Nach einem Eilverfahren hat das Berliner Verwaltungsgericht den Bezirk verpflichtet, die Aufstellung des Panzerwracks zu genehmigen. „Das Bezirksamt kann sich nicht auf eine mögliche Verletzung des Pietätsgefühls sowie die Beeinträchtigung außenpolitischer Interessen der Bundesrepublik Deutschland berufen“, heißt es in einem Gerichtsbeschluss vom 11. Oktober. Die Aktion sei eine von der Meinungsfreiheit gedeckte „Meinungskundgabe“.

Für den Mittelstreifen ist der Panzer mit seinen 40 Tonnen Gewicht zwar zu schwer, aber in der Schadowstraße ein paar Meter weiter wird er mahnen dürfen. Zwei Wochen lang. Das wird einige mit Triumph erfüllen, argwöhnten sie doch, „die Politik“ vollziehe einen Kotau vor dem russischen Aggressor. „Ein echter Skandal“, befand im Sommer etwa der scheidende ukrainische Botschafter Andrij Melnyk in der ihm eigenen Empörungsrhetorik, nachdem der Bezirk Mitte die Ausstellung untersagt hatte. Wer weiß, wie lange die sowjetischen Panzer des Sowjetischen Ehrenmals an der Straße des 17. Juni in Berlin-Tiergarten noch stehenbleiben dürfen, denn sind nicht nur zerschossene russische Panzer gute Panzer? Und wer will das heute noch so genau auseinanderhalten, Sowjetunion und Russland? Weder Wladimir Putin noch seine Gegner.

Ein Skandal war derweil weder das Verbot, noch ist die Erlaubnis der Meinungskundgebungsaktion einer. Von der Meinungsfreiheit gedeckt dürfte jedoch auch diese Meinungskundgabe sein: Es ist nicht richtig, eine antirussische Kriegstrophäe mitten in Berlin, im ehemaligen sowjetischen Sektor, aufzustellen. Der kaputte russische Panzer ist der falsche. Wenn es wirklich um die Opfer geht, müsste man einen zerschossenen ukrainischen Panzer aufstellen. Der wäre eine Mahnung für den Frieden und ein Gedenken an die Opfer. Der russische Panzer dagegen verkündet Triumph, ruft zum Sieg – und damit zum Krieg.

Anmerkung der Redaktion: Wir haben präzisiert, dass der Berliner Verein „Historiale“ Widerspruch gegen die Ablehnung des Bezirks eingelegt hatte. Ursprünglich hatten wir außerdem geschrieben, dass der Panzer, der in Berlin aufgestellt werden soll, schon bei der „For our freedom and yours“ („Für unsere Freiheit und eure“)-Ausstellung in Warschau und Prag zu sehen war. Die zerstörten Panzer aus Prag und Warschau, die auch in Berlin hätten stehen können, wie Enno Lenze schreibt, seien gegenwärtig aber nicht verfügbar. Deshalb müsse nun ein anderer Panzer ausgewählt werden.

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Geschrieben von

Katharina Körting

Freie Autorin und Journalistin

2024 Arbeitsstipendiatin für deutschsprachige Literatur der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt

Katharina Körting

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