Pandemie: R-Wert, Inzidenz – und wo steckt Drosten?

Corona In der Pandemie wurden wir alle zu Hobby-Epidemiologen. Wir sollten uns wieder an das Gelernte erinnern. Doch Krisenwissen ist flüchtig
Zu Beginn der Pandemie paukten wir noch eine ganze Wissenschaft
Zu Beginn der Pandemie paukten wir noch eine ganze Wissenschaft

Illustration: Eline Van Dam für der Freitag

Erinnert sich noch jemand, wie sich das Leben anfühlte, als das RKI sakral war, Karl Lauterbach der Covid-Hohepriester und die morgendlichen Zahlen wichtiger waren als Gott? Als keine Begegnung ohne Gespräch über Corona auskam? Als man der Wissenschaft glauben sollte – und zwar alles. Als man fast täglich neue Fachausdrücke lernen musste, ja, sich im Grunde in eine ganze Wissenschaft einarbeiten musste. Es war ein flüchtiges Wissen. Jetzt weiß man ja kaum noch, wer Robert Koch war. Für mich als Berlinerin: Irgendetwas hatte er mit den Tropen zu tun. Gemerkt habe ich mir auch: Er entdeckte das Tuberkel-Bakterium und musste per Selbstversuch feststellen, dass sein Impfstoff nicht wirkte. Die wissenschaftliche Selbsterprobung haben in seinem Namen dann Milliarden Menschen nachvollzogen.

Okay, okay, die Impfstoffe gegen Covid wirken – ein bisschen. Genug für milliardenschwere Staatsausgaben – mit Wumms! – und einen nationalen Crashkurs in Epidemiologie, Virologie, Zellbiologie und Klappehalten. Erinnern Sie sich?

Die gesamte Bundesrepublik saß wie Corona-Fahrschüler vor den Rechnern im Homeoffice und paukte: exponentielles Wachstum, Inzidenz, R-Wert (was war das noch mal?), mit-an-gemeinsam-gegen Corona, Prozentzahlen von Geimpften, Mindestabstände zu Ungeimpften, Long Covid, Post-Covid, Mittel-Covid, No Covid. Die jeweils geltenden Regeln, fein sortiert nach Bundesland und Zuständigkeit, für das Betreten öffentlicher Gebäude oder Fortbewegungsmittel.

Jedes Gespräch während Corona war eine Prüfung

Die Öffnungszeiten der sogenannten Testzentren, die wie Pilze aus den Böden der Städte schossen (und bald ebenso rasch verschwanden, manch ein Betreiber auch hinter Gittern). Die bestgetesteten Selbsttests. Und wie die „Freiheit“ bis auf Weiteres zur ideologischen Generalüberprüfung ins Solidaritäts-Labor ging.

Oder wie jedes Gespräch mit egal wem eine Art Prüfung war? Bei der man jedes Mal durchfiel, auch wenn man noch so fleißig lernte. Der Oberlehrer war ein hübscher, sympathischer, etwas verwuschelter Kerl namens Drosten, Christian. Man hing an seinen ansehnlichen Lippen, und viele wären ihm gern näher gekommen, als es die sozial distanzierte Podcast-Situation erlaubte. Zumal andere – oder waren es dieselben? – ziemlich sauer auf ihn waren, dabei konnte er gar nichts dafür! Er wollte doch nur helfen, die Kurve zu flatten!

Und jetzt? Wo ist er hin? Wo sind all seine Worte hin? Wann hat er seinen Podcast eigentlich eingestellt?

Lockdown. Shutdown. Eindämmung. Schutz des Lebens. Wo haben sich die „Schwurbler“ verkrochen, die „Covid-Leugner“ – und all die gerade noch so unverzichtbaren „Maßnahmen“? Sogar ins Flugzeug darf man wieder, um ganz ohne Maske das Klima zu versauen. Was ist mit dem ganzen Müll passiert, all den „Test-Kits“, Masken, Spritzen, abgelaufenen Impfdosen?

Kipp-Punkte

Auch die heißbegehrten (und sehr teuren) Luftfilter, die „die Wissenschaft“ so dringend empfahl, sind bald Sondermüll: Das Umweltbundesamt rät vom Gebrauch ab, da sie zu viel Strom fressen. Denn jetzt heißt es, den Energieverbrauch zu drosseln, nicht die Aerosolsättigung. Und Wärmestuben zu öffnen – nicht Schulen zu schließen.

Was lernen wir aus der ganzen Sache? Vielleicht dies: Krisenwissen ist flüchtiges Wissen: Seine Halbwertszeit reicht nur für eine Saison. Was heute existenziell und unumstößlich scheint, ist es morgen nicht mehr. Wir haben nicht fürs Leben, sondern für die Pandemie gelernt. Im Ukrainekrieg könnte es ähnlich laufen. Die Panzerhaubitze 2000? Der Mehrfachraketenwerfer MARS? Das Luftverteidigungssystem IRIS-T? „Streckbetrieb“ ist die neue FFP2. Drosten-Klone dozieren über den „Abnutzungskrieg“ und darüber, warum Atomkraft sicher und supersauber ist, jedenfalls bis zur nächsten Krise, bis zum nächsten GAU, samt Becquerel, Sievert, Jod-Tabletten ... Da vermischt sich das Wissen dann mit dem Dauerbrenner, der Klimakrise. Wie verhält es sich da? Ich fürchte, nicht ganz so einfach, wir haben zwar schon gelernt, was Kipp-Punkte sind, könnte aber sein, dass wir ihre Wirkung erst noch erleben.

Geschrieben von

Katharina Körting

"Es gibt Worte, die nie gesagt werden dürfen, sonst sterben sie..." (Kurt Tucholsky)
Katharina Körting

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