Debatte um Waffenlieferungen: Stahlgewitter in den Köpfen

Meinung In der Debatte um Waffenlieferungen wird scharf geschossen. Einige orten den Haupt-Aggressor nicht im Kreml, sondern bei denen, die die rhetorische Aufrüstung infrage stellen
Raketeneinschlag in Kiew: Rauch über der Stadt
Raketeneinschlag in Kiew: Rauch über der Stadt

Foto: John Moore/Getty Images

Wer sich in die abgründige Debatte um Krieg und Frieden begibt, sollte sich panzern. In den sozialen Medien toben Schlachten geopolitischen Ausmaßes. Da wird scharf geschossen! Einige Diskutanten orten den Haupt-Aggressor nicht im Kreml, sondern bei denen, die die rhetorische Aufrüstung infrage stellen. Auch Zweifel, ob Waffen(lieferungen) das einzige Mittel sind, um eine Eskalation des russischen Angriffskriegs zu verhindern, werden zu Zielscheiben. In vorauseilender Aggression wird alles niedergemacht, was nicht schnell genug die Hände an der Hosennaht hat und „Jawohl!“ stammelt.

Wer aus dem Gleichschritt ausschert, wird nicht nur aufs Herablassendste belehrt und zum „Zyniker“ erklärt – aus Solidarität zur Ukraine selbstverständlich! –, sondern direkt zum „Faschisten im Kreml“ geschickt. It’s the war, stupid! Heb dir dein lächerliches Friedensgerede für den Kindergarten auf und überlass die harten Themen denen, die dem Krieg ins Gesicht blicken! Einen Bundeskanzler, der nicht pariert, verachtet man als „kleinen feigen Mann“. Überhaupt ist unter den Neo-Heroen die Beschämung eine gern eingesetzte Waffe. Wenn Menschen sterben, hilft kein Blümchengequatsche! Wer nicht mitmarschiert, ist „naiv“ oder ein „Faschist“ wie „Putin und seine Schergen“. Die verblüffende Wiederbelebung des längst todgeweihten Begriffs bringt es auf den Punkt, denn was könnte moralisch verkommener sein als „Schergen“? Dagegen ist jedes Mittel recht, das sind ja eigentlich gar keine Menschen mehr, nur noch Funktionen! Mit Verbrechern kann man nicht verhandeln!

Elenderweise wird man’s aber wieder müssen. Weil die Welt nun mal so ist, wie sie ist. Der Realismus, den die gewaltbereiten Diskutanten für sich ins Feld führen, ist gar keiner – im Gegenteil: Ihr Blick aus dem Schützengraben, und sei er noch so gut gemeint, verhindert die Wahrnehmung der ganzen Wirklichkeit und erschwert das Auskundschaften möglicher Auswege. Die Kompliziertheit der Welt wegzubomben, weil Differenzierung den Kampfgeist schwächt, wirkt zerstörerisch.

Friedensstifter zu „Lumpenpazifisten“ erklärt

Das Bedürfnis nach Eindeutigkeit verdrängt das Nachdenken über etwas so Ambivalentes, Brüchiges, Verletzliches wie Frieden. Und was wäre eindeutiger als Waffen? Mit einem Panzer kann man nicht diskutieren. Ein Panzer tötet Feinde. Eindeutiger als der Tod geht nicht. So wächst die Bereitschaft, Triumph(!) zu zeigen, wenn russische Soldaten sterben. Intellektuelle, die, ihrerseits gutmeinend, vor weiterer Eskalation warnen, werden mit Häme und Hass übergossen und mit Appeasement-Befürwortern der 30er-Jahre gleichgesetzt. Irgendwann wird immer die Hitler-Karte gezogen – denn das muss doch auch der letzte Depp begreifen, dass man Faschisten nicht mit Friedensdemos beikommt! Als könne die Abwehr des Angriffs eines autoritären Regimes nur erfolgreich sein, indem man – selbst autoritär – jeden abweichenden Gedanken platt macht oder als Saboteur an die Wand stellt. Als müsse alles Offene, Weiche in der Kommunikation abgetötet werden, um – stellvertretend – die nötige Härte und Geschlossenheit für den Kampf zu erlangen.

Aber vielleicht ist es genau andersherum. Vielleicht gewinnen „Putin und seine Schergen“ durch die mentale Verrohung Land: in unseren Köpfen. Dann ist es nur eine Frage der Zeit, dass das Parlament zur „Quatschbude“ und der Friedensstifter zum „Lumpenpazifisten“ erklärt wird. „Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird“, wusste der verhinderte Artillerist Friedrich Nietzsche, bevor er die sprachliche Munition für Weltkriegs-Stahlgewitter zwecks Schmiedens von Übermenschen lieferte. „Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.“

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Geschrieben von

Katharina Körting

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