Kaugummis im Krieg

Glosse Unsere Autorin hat ein Problem: Sie ist süchtig nach Kaugummi. Doch aus irgendeinem Grund verschwindet Wrigley's aus den Supermarktregalen. Was steckt dahinter?
Schon wieder leere Supermarktregale? Dieses Mal sind keine globalen Konflikte schuld
Schon wieder leere Supermarktregale? Dieses Mal sind keine globalen Konflikte schuld

Foto: Alexander Hassenstein/Getty Images

Eigentlich will ich nur rasch Nachschub holen, von den guten Wrigley’s Extra Professional Peppermint, 14 Streifen. Aber bei Edeka an der Kasse sind die Regale bedrohlich leer. Statt Kaugummis drängen sich dystopische Fragen auf: Schlägt die Energiekrise aus dem Hinterhalt zu? Hat Lauterbach den Verkauf unnötiger Waren verboten, um unnötige Kontakte zu vermeiden? Oder Habeck, um Gas zu sparen? Die können ja nicht wissen, dass Kaugummi für mich systemrelevant ist, gerade in der Krise. Hilft gegen Nervosität und macht trotzdem nicht dick. Objektiv überflüssig, aber je mehr Unfug in den Läden herumliegt, desto reicher werden wir alle, das wusste schon Karl Marx. „Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht“, so lautet bekanntlich der erste Satz in dessen Kapital, „erscheint als eine ‚ungeheure Warenansammlung‘, die einzelne Ware als seine Elementarform.“

Er hat recht. Kaugummis sind elementar. Ich radle zu einem anderen Edeka – und finde nur die Lücken der kapitalistischen Produktionsweise. Zwar gibt es auch dort furchtbar viel unnützes Zeug, aber kein Wrigley’s Extra Professional Peppermint. Andere Regale sind ebenfalls auffällig leer. Jetzt werde ich wirklich nervös. Seit ich nicht mehr rauche, bin ich kaugummisüchtig, nach irgendwas muss man ja süchtig sein. Die Sucht rede ich mir damit schön, dass ich Zahnpflege betreibe. So steht es nämlich auf der Packung im Gute-Laune-Blau – „für spürbar saubere Zähne“, dazu grüßt lächelnd ein weißer Backenzahn. Und jetzt?? Zähneputzen hilft nicht gegen Kaugummisucht.

Mars und Edeka im Preiskrieg

„Die Sache geht durch die Presse“, sagt die Kassiererin, „Mars liefert nicht mehr.“ Ich bin verwirrt. Wieso „Mars“? Ich will ja keinen Schokoriegel, sondern das Gegenteil. Und welche Presse? In meiner Timeline steht dazu nichts. Ohne Kaugummi kann ich schlecht arbeiten, aber für eine Mini-Recherche reicht es noch: Mars ist der US-Konzern, der meine superprofessionellen Kaugummis vertreibt. Und nicht nur die, auch Tierfutter wie Whiskas, das Katzen angeblich kaufen würden. Oder Coca-Cola und andere sogenannte Softdrinks, die ziemlich unsoft die Zahngesundheit angreifen. Anscheinend sind rund 300 Produkte betroffen, von Snickers bis Miracóli. Der Grund: ein „Preiskrieg“. Dieser Krieg ist sogar älter als der in der Ukraine, er tobt, kaum bemerkt, schon seit Januar. Mars fordert zehn Prozent mehr für seine Waren, begründet durch höhere Produktionskosten – und Edeka weigert sich. Anfang September droht Mars, Edeka nicht mehr zu beliefern, auch Tochter Netto, Rewe und Penny sind betroffen. Eine einstweilige Verfügung führt zum Waffenstillstand: Edeka argumentierte, dass Mars als Marktbeherrscher kartellrechtswidrig agiere, die Preiserhöhung beruhe nicht auf echten Kostensteigerungen. Aber das Landgericht Hamburg ist nicht überzeugt, das Verbot des Lieferstopps wird hinfällig.

Eigentlich könnte ich mich nun freuen: Marx‘ „ungeheure Warenansammlung“ überfordert mich täglich, weniger ist mehr und so. Aber ich bin abgelenkt von meiner ganz persönlichen Mangellage – der Kapitalismus soll doch nicht bei meinen Kaugummis mit seiner Selbstabschaffung beginnen!

Ich habe jetzt drei Möglichkeiten: Mich mit Edeka solidarisieren und kalten Entzug machen. Meinem „Lieblingsmarkt“ untreu werden. Oder zu anderen Kapitalisten ausweichen. Für lange Überlegungen fehlt mir das Kaugummi. Online bestelle ich die 12x14 Streifen-Großpackung, gleich dreifach, dann liefert Amazon ohne Versandkosten. Könnte ja sein, dass ich einen Kiosk eröffne, wenn sonst nichts mehr geht – in Krisenzeiten muss man auf alles vorbereitet sein.

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Geschrieben von

Katharina Körting

„Mißverständnisse sind das Medium der Kommunikation des Nicht-Kommunikativen.“ (Theodor W. Adorno)
Katharina Körting

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