Christian Lindners selektive Neid-Debatte

Geld Der FDP-Chef und Finanzminister beschwert sich über zu hohe Gehälter. Kein Scherz! Immerhin weiß er genau, wessen Gehälter als zu hoch zu bewerten sind. Und warum
Neid ist igitt!
Neid ist igitt!

Sean Gallup/Getty Images

Wer wäre nicht „gegen jede Neid-Debatte“? Neid ist igitt, damit macht sich niemand die sauberen Finger und Hemdkragen schmutzig, schon gar nicht, wenn er Christian Lindner heißt und der liberalen Marktpartei vorsitzt. Wobei der Zusammenhang zwischen weißen Hemden und unangemessen hohen Gehältern einleuchtet, aber was die Debatte darüber ausgerechnet mit Neid zu tun haben soll, bleibt im Dunkeln. Es geht ja nicht darum, mehr für sich herauszuschlagen, sondern um gerechte Verteilung.

In der Bibel ist das einfach – und übermenschlich schwer zu begreifen: Die Arbeiter im Weinberg erhalten alle einen Silbergroschen, egal, ob sie den ganzen Tag in der Gluthitze schuften oder nur für eine lässige Stunde am schattigen Nachmittag. „Das ist ungerecht“, rufen die Kollegen, so wie es der Leistungsträger Christian Lindner tut, der sich kürzlich völlig beitragslos in einer Kirche trauen ließ. „Da könnte ja jeder kommen!“

Es kommt ja auch jeder – jedenfalls von den oberen Zehntausend. In Unternehmen werden groteske Gehälter und Boni ausgezahlt, die mit Leistung nichts zu tun haben, es sei denn, man definiert Leistung als die Fähigkeit, unfassbar viel für sich und seinesgleichen herauszuholen. Im öffentlich-rechtlichen Rundfunk werde „teilweise enorm verdient“, rechnet Lindner ausgerechnet in der Bild am Sonntag vor – Springer-Chef Mathias Döpfners Jahresgehalt liegt laut Schätzungen im zweistelligen Millionenbereich. Doch das stört weder die Bild-Redakteure noch Lindner, der fordert: „Kein Intendant sollte mehr verdienen als der Bundeskanzler.“ Der erhält demnach jährlich 362.288 Euro, während WDR-Intendant Tom Buhrow mit 413.000 und Norbert Himmler vom ZDF mit 372.000 zufrieden sind – falls sie es denn sind. Der künftige ARD-Chef und derzeitige SWR-Intendant Kai Gniffke liegt mit jährlich 361.000 nur knapp drunter, Ähnliches gilt für NDR-Intendant Joachim Knuth (346.000 Euro) und BR-Chefin Katja Wildermuth (340.000 Euro).

Redakteure angemessen für die Inhalte bezahlen

Scheinbar mutig plädiert Lindner für eine Reform. Er will „die Redakteure angemessen (...) bezahlen, die die Inhalte machen.“ Wunderbar! Das wäre mehr als eine Reform, es wäre revolutionär, wenn es bei der Bezahlung um Inhalte ginge – oder gar tatsächlich, wie zurzeit nur behauptet, um Leistung! Aber warum redet er denn nur vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk? Wieso spart der FDP-Mann obszön hohe Managergehälter von seiner Auf-keinen-Fall-Neid-Debatte aus? Findet er es „angemessen“, dass ein VW-Chef, der für die massenhafte Herstellung klimaschädigender Autos bei größtmöglichem Gewinn und niedrigstmöglichen Gehältern der unteren Angestellten verantwortlich ist, mehr verdient als ein Bundeskanzler?

Und jetzt komme niemand mit „Verantwortung“ oder „Risiko“ oder dem heiligen „Markt“. Ärzte und Krankenschwestern, deren Gehälter der angeblich „regelt“, verstehen davon im Zweifel mehr. Okay, die Gebühren für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk müssen alle Erwachsenen zahlen, aber dasselbe gilt für die Umwelt- und Klimaschäden, mit denen Unternehmen ihre Gewinne machen – und dafür kommen dann zusätzlich noch die unschuldigen Kinder und die noch nicht mal geborenen Menschen auf.

Mag sein, dass ein Jahresgehalt wie das Döpfner’sche marktgerecht ist, aber das bedeutet ja nur, dass der Markt ungerecht ist. Denn wie soll einer 250-mal die Jahresleistung einer Krankenschwester erbringen? Da erblasst jede Neid-Kategorie. Dagegen sind Gottes Weinbergleute grob unterbezahlt. Von all der ungezählten und unbezahlten Arbeit, die vor allem Frauen leisten, ganz zu schweigen. Es geht hier also nicht um eine Neid-, sondern um eine Gerechtigkeitsdebatte. Und die sollte da zulangen, wo es richtig stinkt, statt sich, weiß behandschuht, auf gebührenbezahlte ARD-Intendanten zu beschränken.

Geschrieben von

Katharina Körting

"Es gibt Worte, die nie gesagt werden dürfen, sonst sterben sie..." (Kurt Tucholsky)
Katharina Körting

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