Das Begehren bleibt – auch bei Linken

You too! Warum man bei der Aufarbeitung des Sexismus in der Linkspartei und darüber hinaus endlich über Lust und Macht sprechen sollte
Das Begehren bleibt – auch bei Linken

Collage: der Freitag; Material: Geoff Kidd/Science Photo Library, Getty Images

Sexismus in der Linkspartei! Der Aufschrei ist groß. Und ich? Gucke weg. Interessiert mich zu wenig. Ich will auch ungern an selbst Erlebtes erinnert werden. Also klicke ich weiter zu interessanteren Themen – Sex zum Beispiel. Aber der Redakteur will meine Meinung. Und ich muss nachdenken, warum ich darüber nicht nachdenken will.

Weil die Distanzierungen so erwartbar sind und die Reaktionen so vorhersehbar? Ah! – o weh! – wie schlimm! Wir müssen sofort etwas tun! Paragrafen ändern. „Aufarbeiten“. Ächten. Laaangweilig. Ich will gar nicht wissen, wer wann wovon genau gewusst hat. Wem bringt es etwas, wenn dann wieder während des Hypes der böse (macht)geile Mann am Pranger steht mit seinem Begehren in seinen verkommenen Machtstrukturen? Und wo der Scheinwerfer gerade nicht draufhält, wird munter weiter so getan, als wäre alles in Ordnung, solange die Hausordnung korrekt ist.

Verteufeln ist genauso falsch wie verharmlosen, weil: Das Begehren bleibt. Es verbündet sich mit der Macht, und sei es so eine popelige wie die eines Linksparteifunktionärs. Mich würde eher mal interessieren, warum die das eigentlich machen, die Männer. Wie fühlt sich das an? Was empfinden sie dabei? Ist das wirklich so geil? Wie kommen sie darauf, dass ihr Bedürfnis relevanter sei als meines? Ich würde es wirklich gern wissen! Aber ich werde es nicht erfahren, solange jedes Begehren in der Politik tabuisiert wird.

Über Sex sprechen statt über Sexismus

Das inszenierte Sprechen über Sexismus hat etwas Verklemmtes. Um nicht über Sex sprechen zu müssen, spricht man über Regeln. Die sollen die Körper einhegen. Das ist der Hausordnungs-Reflex. Das Begehren darf nicht sein, weil innerhalb von Hierarchien jede Lust fragwürdig wird – oder? Wie grau! Vermeiden deshalb alle um jeden Preis, persönlich zu werden? Vielleicht wäre es einen Versuch wert. Vielleicht sollte man mal, gerade in den Parteien, Macht und Begehren ganz persönlich thematisieren. Erst mal gucken, was da warum wie funktioniert. Vielleicht sollten (nicht nur) die Männer über Lust reden. Die erlaubte und die unerlaubte. Und was sie mit Macht zu tun hat. Über Sex sprechen statt über Sexismus. Der funktioniert ohne Grenzüberschreitung so wenig wie Politik ohne Macht.

Wie lässt sich eine Partei (die Gesellschaft, die Welt) so organisieren, dass die immanente Übergriffigkeit, wie bei gutem Sex, einvernehmlich geschieht? Wie lässt sich mit Lust Politik machen – anstatt gegen sie?

Mit Regeln und Tabus kommt man jedenfalls gegen Sexismus nicht an – die Linkspartei ist der beste Beweis dafür. Die politisch korrekte Vernunft allein wird es nicht richten. Eine noch strengere Hausordnung schafft wenig Abhilfe. Hier ist ausnahmsweise kein konstruktives Verhalten gefragt. Man sieht das am Gendern: Seit es zur Norm verkommen ist, bewirkt es nicht viel: Es stört nicht mehr. Was nicht stört, kann der Verstörung durch Gewalt nichts anhaben. Quotierte Redner:innenlisten und mansgeplainter Feminismus helfen nicht gegen Machtlust und Lustmacht.

Destruktives Verhalten will dekonstruiert werden. Gegen Machtmissbrauch hilft vielleicht nur das Eingeständnis von Ohnmacht. Zum Beispiel mit der Verweigerung von Harmonie: Es ist nicht alles gut! Kann gar nicht! Und wird es auch nicht mit dem dritten Änderungsantrag zur Geschäftsordnung. Störung tut not! Gewissheiten stören. Hierarchien stören. Mensch mit Widersprüchen sein statt Funktion im Politikgetriebe. Lebensraum statt Apparat. Scheinbar Bewährtem zu nahe kommen, sich aufdrängen, sich nicht wegdrängen lassen – Körper sein, auch in der Politik. Denn why the fuck sollte der in der Linkspartei weniger wichtig sein als anderswo?

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Geschrieben von

Katharina Körting

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