Wir waschen uns die Hände in Unschuld

Meinung Woher rührt unsere Solidarität mit der Ukraine? Mit dem Krieg ist die deutsche Vergangenheit wieder auferstanden
Demonstration in Berlin gegen den russischen Krieg in der Ukraine (13.03.2022).
Demonstration in Berlin gegen den russischen Krieg in der Ukraine (13.03.2022).

Foto: Hannibal Hanschke/Getty Images

So viele Vorwürfe, die wir Deutschen einander machen. So viel Schuld, schon wieder. Sie lauert überall. In jeder Geste. In jedem Schwur. Mit dem Krieg in der Ukraine ist die Vergangenheit wieder auferstanden. Das Elend der Vertriebenen. Die Flüchtlingstrecks. Die Armut. Der Hunger. Die Kälte. Im Grunde war sie wohl nie weg, auch wenn wir uns jetzt bezichtigen, sie nicht ernst genug genommen zu haben.

Und da kriecht sie aus den Kellern, in denen unsere Leichen liegen: Die Schuld. Als wäre sie nie weggewesen, dirigiert sie nun unsere Wahrnehmung des Krieges in der Ukraine. Als hätte sie sich nicht jahrzehntelang zur handhabbaren „Verantwortung“ in den Mantel der Geschichte stecken lassen, wohlverstaut und gerne von Bundespräsidenten hervorgeholt, wenn es um deutsche Vergangenheit geht.

Der Krieg in der Ukraine hat uns zurückgebeamt ins Jahr 1945, als uns Deutschen klar (und doch kaum bewusst) wurde, welch unermessliches Leid wir über Europa gebracht haben. Unser deutsches Versagen verdoppelten wir beim Umgang mit dieser Schuld. Wir wehrten sie ab. Wir relativierten. Wir lenkten uns ab. Das soll uns nicht nochmal passieren!

Neue Mitschuld droht

Jetzt ist zwar Putin der Verbrecher – man lässt seinen Vornamen weg, „Putin“ ist zur Metapher des Bösen schlechthin geronnen -, aber wir wollen uns auf keinen Fall an seiner Schuld schuldig machen. Lieber wollen wir hungern und frieren, lieber wollen wir doch noch den Morgenthau-Plan von 1944 uns selbst auferlegen und unserer Industrie den Gashahn abdrehen, lieber wollen wir weiter Kohle verfeuern und die Energiewende samt Follow-the-Wissenschaft auf irgendwann nach dem Krieg verschieben als weiter Putins Krieg zu finanzieren. Prio 1: nicht wieder schuldig werden!

Der Schlachtruf ist laut. Er kommt aus Mündern, die gern ihre Hände in Unschuld waschen, die dachten, sie könnten endlich sicher sein, dass der Nazi auf der anderen Seite steht, wenn man ihn nur laut genug ächtet. Zu früh gefreut! Neue Mitschuld droht, ja sie hat längst begonnen, weil wir schon wieder fahrlässig nicht haben sehen wollen, so heißt es, was nun klar auf der Hand liegt: Putin ist das absolute Böse, Widerstand ist nötig, an allen Fronten. Wir hätten es wissen können, heißt es, doch wir haben nicht gehört. Weil wir wohlstandsverwöhnten Weicheier lieber in der Badewanne lagen als unsere nicht mal selbst erkämpfte Demokratie zu verteidigen. Gib uns die Geißel, gib!

In den sozialen Medien hat sich die Front der Selbstgewissen längst formiert. Jeder Zweifel an der Eindeutigkeit von Gut und Böse, an der Alternativlosigkeit von Waffenlieferungen, am Heiligen Wolodymyr Selenskyj wird umgehend geahndet. Solidarität mit der Ukraine!, lautet die Parole. Die kleinste Nachfrage gilt als Sabotage. Einem Helden flickt man nicht am Zeug! Schon gar nicht als vom Frieden verweichlichter Deutscher! Denn wir stehen nicht an der Front, wir gucken nur zu, das ist schlimm genug, das allein zeugt neue Schuld. Wir lassen die Kämpfer im Stich! Sie kämpfen für unsere Freiheit, heißt es. Sie kämpfen für ganz Europa! Für die Demokratie schlechthin! Da ist es doch nicht zu viel verlangt, kein Gas mehr von Putin zu kaufen? Слава України! Ruhm der Ukraine!

Schlacht um Ehre, Moral und Werte

Moment… Was rufen wir da eigentlich? Wieso Ruhm? Ist das nicht genau der beschissene Ruhm, der Kriege erst ermöglicht? Und ist er nicht der Waffenbruder der gottverdammten Ehre, die sich aufspielt, als sei sie wichtiger als das Leben? Helden sterben nicht, behauptet der ukrainische Präsident in seinem Militärtarnfarbenpulli. So funktioniert Kriegspropaganda, auch wenn sie von den Guten kommt. So werden Machtkämpfe zur Schlacht um Ehre, Moral und „Werte“ dem „Volk“ erst schmackhaft gemacht. Und all das soll jetzt komplett anders sein, weil es sich um einen Angriffskrieg auf ein souveränes Land handelt? Das wird ja befremdlicherweise gern betont, dass Putin ein souveränes Land angegriffen hat, als würde sich dadurch die Verwerflichkeit seiner Tat vergrößern. Wäre es weniger verwerflich, in ein nicht ganz so souveränes Land einzumarschieren? Wären dann die Toten weniger unschuldig gestorben?

Wie auch immer, solche Detailfragen haben uns Deutsche jetzt nicht zu interessieren. Wir sind in der Pflicht! Wir haben nicht danach zu fragen, ob all der Solidarität vielleicht nicht nur die schöne blau-gelbe freiheitlich-demokratische Empathie zugrunde liegt, sondern auch der hässliche alte nationalsozialistische Selbsthass, die ewige Last des Holocaust, die wir loszuwerden hoffen im Tausch gegen das historische Joch der „Zeitenwende“. Diesmal wollen wir es richtig machen! Einmal auf der richtigen Seite stehen! Endlich zu den Guten gehören.

Doch das schlechte Gewissen, diese ewigen Zahnschmerzen der Bundesrepublik, lässt sich einfach nicht betäuben. Leider. Denn ein schlechtes Gewissen ist nie ein guter Ratgeber. Wer zuallererst sich nicht schuldig machen will, macht Fehler, die auch der Ukraine am Ende mehr schaden als der nüchterne Pragmatismus derer, die wissen: Wenn Krieg ist, machen sich alle schuldig. Es gibt nur schlechte und nicht ganz so schlechte Entscheidungen. Auf welche Weise wird mehr neues Leid verhindert? Diese Abwägung allein sollte handlungsleitend sein – nicht das im Grunde selbstbezogene, halbbewusste Unbehagen an der alten, deutschen Schuld.

Katharina Körting ist freie Autorin. 2021 erschienen von ihr in Buchform u. a. die Essays Kontakttagebuch und Liquidierung der Vergangenheit.

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