Hysterie im Schuhhimmel

Valentinstag Prosecco, Schuhe, Modelträume... Ein Museum in Bremen entdeckt neue Wege, Zuschauerinnen zu locken, und setzt auf frustrierte Singles am Valentinstag

14. Februar, Valentinstag. Für die einen ein Tag der Liebe, an dem in Rosen und Champagner gebadet wird. Für die anderen ein Tag der Trübsal, der ihnen schmerzhaft wie kein anderer ihr einsames Dasein unter die Nase reibt. Ein Tag, an dem Singlefrauen anfällig sind. Das Überseemuseum in Bremen hat sich ihrer angenommen. Es geht um Schuhe. Es gibt Prosecco.

Und jetzt stehen sie hier. Im Foyer des Bremer Überseemuseums, das äußerst erfolgreich an die niederen Instinkten der Frauen appelliert hat. Dutzende sind gekommen. Die Ausstellung "Schuhtick. Von kalten Füßen und heißen Sohlen" mit 400 Schuh-Exponaten aus verschiedenen Epochen und Kulturkreisen gastiert hier gerade. Aber das alleine hat die Frauen nicht in Scharen gelockt. Das Museum ködert mit dem Beisatz: "Nicht nur für Carrie, Miranda, Charlotte und Samantha". Gleich findet eine Art "Sex and the City meets Museum" statt. "Prosecco-Führung" samt Catwalk-Training. Ist das Haus am Bremer Hauptbahnhof normalerweise auf Völker, Handel und Natur spezialisiert, so gilt es heute für Beobachter eine ganz spezielle Studie zu verfolgen: Was passiert, wenn ein Haufen Singlemädels, ein paar Pullen Prosecco und High Heels aufeinander treffen? Genau: Kreisch!

Als Alternativprogramm zum Valentinstag sei diese Aktion gedacht, so die Museums-Sprecherin. Und warum soll etwas, was in der Sauna oder im Kino funktioniert, nicht auch im Museum erfolgreich sein: Der "Freundinnentag". Das klingt zwar im ersten Moment – je nach Interessenlage – etwas nach Chippendales oder Yogitee. Aber die Nachfrage ist riesig. Und da jede zweite Frau in Deutschland mehr als 25 Paar Schuhe besitzt, kann man sich das Interesse der Bremer Damenwelt ausrechnen. Das Laufstegtraining, das im Anschluss an die "Prosecco-Führung" stattfinden soll, ist komplett ausgebucht. Derartige Events veranstaltet das Überseemuseum zum ersten Mal, um Besucher zu locken. "Aber bei einer Ausstellung wie dieser, liegt es ja auch irgendwie auf der Hand", so die Sprecherin. Da knallen schon die Sektkorken im Hintergrund.

Der Prosecco perlt, die Wangen glühen

Das Publikum ist so bunt gemischt wie eine Kollektion des kreativen Schuhdesigners Jimmy Choo. Der Name ist Programm und der "Schuhtick" scheinbar Pflicht. Da ist zum Beispiel Wiebke, gerade volljährig und stolze Besitzerin von 30 Paar Schuhen (und einer Sex-and-the-City-DVD-Kollektion). Das letzte Paar – braune Wildlederstiefeletten –ist vergangene Woche dazu gekommen. Da hat Wiebkes Freund mit ihr Schluss gemacht. Heute ist sie mit zwei Freundinnen hier. Wiebke ist der Prototyp der "Freundinnentag"-Besucherin. Frustkauf, Lustkauf... Auch für Bettina gibt immer einen guten Grund, sich ein Paar neue Schuhe zu kaufen. 60 Paar hat sie im Schrank. Zu Hause soll es schon Streit deswegen gegeben haben. Aber hier ist Bettina unter Gleichgesinnten.

Der Prosecco perlt, die Wangen glühen, jetzt wollen die gierigen Ladys endlich Schuhe sehen. Aber zunächst gilt es noch Kuratorin Andrea Müller, die die Prosecco-Bande anführt, eine Frage zu beantworten: Wer hat die meisten Schuhe? 20? 40? 60? Am Ende bleibt Karin übrig. Karin ist Anfang 50 und besitzt 100 Paar, wie sie nicht ohne Stolz gesteht. Ein bewunderndes, teils ungläubiges Raunen geht durch den Raum. Karin ist die Carrie Bradshaw der Prosecco-Gang.

Spionage-Schuhe mit eingebauter Kamera

Die ausgestellten Stücke haben mit Sex and the City und Frauenträumen nur teilweise zu tun. So zeigen die Bremer Ausstellungsmacher auch die Schneeschuhe von Ötzi, die Treter von Jürgen Klinsmann von der Fußball-WM 1998 oder Spionage-Schuhe der Stasi mit eingebauter Kamera. Die Herzen des Schampus-Clans schlagen jedoch höher bei den Krokodilpumps von Marilyn Monroe oder den Fußkleidern von Sissi. Die roten Ballerinas, die Salvatore Ferragamo für Audrey Hepburn entwarf, ernten schmachtende Seufzer. Die von Heidi Klum designten pinkfarbenen Birkenstocks mit Strasssteinen dagegen abwertendes Zischen.

Zwischen Marlene Dietrichs Pumps und den roten Schuhen von Kardinal Graf von Galen verrät Karin hinter vorgehaltener Hand, sie habe in Wirklichkeit an die 200 Paar Schuhe. Allerdings arbeite sie auch in einem Schuhladen, was ihren Ehemann zu einem Schenkelklopfer bewog: "Hättest Du doch lieber in 'ner Bank angefangen." Aber ihren begehbaren Schuhschrank, habe er ihr eigenhändig gezimmert. Ein Frauenversteher.

"Nicht so viel quasseln, sonst werde ich ungeduldig!"

Lief bis hierhin noch alles in geregelten Bahnen, erfährt die Damenführung eine plötzliche Wendung als die Gruppe auf den riesigen Laufsteg im Scheinwerferlicht stößt. Dutzende Schuhkartons mit den unterschiedlichsten Fußkleidern sind auf dem Boden verteilt. High Heels mit Mörderabsätzen, glitzernde Pumps, knallbunte Ballerinas. Die Prosecco-Gang ist im Schuhhimmel angekommen. Kreisch! Man stürzt sich auf die hübschen Pappkartons mit den noch hübscheren Inhalten.

Von Sex and the City bis Germany's next Topmodel – hier kommt generationsübergreifend alles zusammen. Die professionelle Laufstegtrainerin Christine Witte beteuert zwar sie sei nicht so streng, wie TV-Jurorin Heidi Klum, muss die Meute dann aber doch zur Ordnung rufen: "Die Damen, bitte nicht so viel quasseln, sonst werde ich ungeduldig!".

Der erste Pumps-Koller

Jetzt darf jede mal über den Laufsteg tippeln und Witte gibt die Tipps fürs professionelle Modelposing: "Einfach am Ende des Catwalks das Becken nach vorne kippen, wie wenn ihr zu euren Männern sagt: 'Hättest du nicht die Spülmaschine ausräumen können?'". Es wird gekichert, gekreischt, geklatscht. Nur einer jungen Dame hat der Prosecco etwas auf den Magen geschlagen. Mit den 20-Zentimeter-Absätzen will sie sich dann doch nicht auf den Laufsteg trauen. Der erste Pumps-Koller.

Popstar Madonna soll einmal gesagt haben, die Schuhe des Designers Manolo Blahnik seien besser als Sex. So gesehen war der "Freundinnentag" für Wiebke, Karin und die anderen, die am Abend Prosecco- und Pumps-trunken den Schuhhimmel verlassen, wahrscheinlich weitaus lustvoller und befriedigender als manches Valentins-Date.

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16:00 15.02.2010
Geschrieben von

Katharina Miklis

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Ausgabe 31/2021

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