Feminismus & Klimawandel

Mütterliches Prinzip Um den Klimawandel aufzuhalten, benötigen wir einen Ansatz, der das zugrunde liegende Problem – das Streben nach Macht und Gewinn durch hierarchische Strukturen – angeht.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Obwohl in der wissenschaftlichen Gemeinschaft der Klimaforscher bereits vor 30 Jahren keine Zweifel an der Notwendigkeit zu handeln bestand, der anthropogene Einfluss offensichtlich war ebenso wie die Dringlichkeit dieser Problematik, so ist doch nicht wirklich seitdem etwas geschehen. Sicherlich, wir haben die Kyoto-Protokolle und auch Paris, aber die Zielvorgaben sind im Grunde bereits zu niedrig angesetzt. Bei einer Beschränkung auf eine 2 °C-Erwärmung wäre zum Beispiel nicht der Erhalt des Filchner-Ronne-Schelfeises (Antarktis) gewährleistet, dessen Zerfall fatale Auswirkungen weltweit haben würde. Auch die Realisierung der akzeptierten Vorgaben ziehen sich mit einer Unmenge von Diskussionen hin und letztendlich hat sich bisher nicht wirklich etwas geändert. Wir haben jedoch leider nicht weitere 30 Jahre Zeit, um die notwendigen Änderungen zu realisieren und ganz ehrlich, bei dem Tempo, was wir bisher an den Tag gelegt haben, würden diese auch nicht reichen. Nicht nur der Ausstieg der USA aus dem Pariser Abkommen lässt Zweifel an der baldigen Realisierung aufkommen, sondern auch das zögerliche Verhalten anderer Länder lassen mich an deren Aufrichtigkeit zweifeln.

Sogar die Ölindustrie wusste nachweislich bereits in den 1970er Jahren über den Klimawandel und seine Gefahren Bescheid und doch erfolgte kein Umdenken. Vielmehr setzte die Ölindustrie alles daran, dies zu verschleiern. Daher ist nicht anzunehmen, dass durch bessere Informationen Menschen von der Dringlichkeit des Klimawandels und der Notwendigkeit zu Handeln überzeugt werden, denn alle nötigen Informationen stehen bereits schon lange zur Verfügung.

Und obgleich sich diverse Organisationen intensiv der Bekämpfung einzelner Probleme widmen, kommen wir einer Lösung doch nicht wirklich nahe. Das liegt daran, dass wir nicht wirklich die Ursachen bekämpfen, sondern wir versuchen ständig nur die Symptome abzumildern. Hilfsorganisationen, die sicherlich wirklich die Probleme lösen möchten, widmen sich immer einem ganz konkreten Problem, das klar abgegrenzt ist von anderen Problemen. Jedoch wird dadurch der Zusammenhang zwischen den Problemen und die tieferliegende Ursache übersehen, sodass eher krampfhaft versucht wird, die Probleme zu übertünchen, anstatt sie zu lösen. Es ist ein bisschen so, als hätte man im Haus eine schimmelige Wand und hofft, nur mit Überstreichen wäre das Problem gelöst, aber natürlich kommt der Schimmel immer wieder durch. Genauso ist es, wenn wir unsere Aufmerksamkeit nur den Symptomen widmen und diese übertünchen, anstatt uns dem wirklich zugrunde liegenden Problem zustellen.

Um fundamentale Änderungen herbeizuführen, genügen nicht ein paar E-Autos mehr und weitere Windräder sowie eine vermehrte Nutzung von Solarenergie, um genügend Strom zu erzeugen für eben diese E-Autos, sondern unsere gesamte Lebensweise muss überdacht und geändert werden. Denn ein großer Teil, der für den Ausstoß von Treibhausgasen verantwortlich ist, sind Laster, die mit oft unnötigen Konsumgütern beladen sind, bei deren Herstellung ebenfalls Treibhausgase freigesetzt werden. Doch unser kapitalistisches System beruht auf dem Konsum von Gütern und dem Streben nach Gewinn.

Das kapitalistische System, in dem wir leben, ist jedoch nur eine Ausprägung des zugrunde liegenden patriarchalischen Systems, das seit etwa 6.000 Jahren unser Zusammenleben regelt. Wir müssen jedoch erneut feststellen, dass es an dieser Stelle radikal versagt hat. Dieses Versagen ist systemimmanent. Es liegt in der Funktionsweise eines hierarchischen Systems. Im Grunde steht uns unsere hierarchischen Strukturen im Wege, denn nur in solchen besteht der Wunsch nach Gewinn, um sich eben von anderen abzugrenzen und in der Hierarchie höher zu rücken. Daher müssen wir, um wirklich tiefgreifend den Klimawandel zu stoppen, nicht verzweifelt versuchen das bestehende System zu reparieren, was uns bisher nicht gelungen ist und uns wahrscheinlich auch in Zukunft nicht wirklich gelingen wird, sondern wir müssen die hierarchischen Strukturen auflösen, die dazu führen, dass wir immer mehr wollen.

Doch die Menschheit hat nicht immer in einer patriarchalen Gesellschaft gelebt. Davor bestimmte eine auf die Mutter fokussierte Gesellschaftsform das Zusammenleben der Menschen, die keine hierarchischen Strukturen kannte und ohne Besitz und Eigentum auskam. Damit wissen wir schon einmal, dass es anders sein kann und nicht eine grundlegende Eigenschaft der Menschheit ist. Solange die Menschheit nicht sesshaft war, war Besitz natürlich nur beschränkt möglich und eher hinderlich für das Überleben, da dadurch das Fortkommen eingeschränkt gewesen wäre. Aber auch da schon hätte nicht die gesammelte Nahrung geteilt werden müssen und doch wurde geteilt. Denn nur durch Kooperation konnte die Menschheit überleben. Kranke und Alte wurden ebenfalls mitversorgt. Auch nach der Sesshaftigkeit bestand zunächst teilweise diese Gesellschaftsform weiter. Damit wissen wir schon mal, dass eine Gesellschaft frei von Konkurrenz und ohne Streben nach Besitz und Eigentum sehr wohl möglich ist, auch bei Sesshaftigkeit. Es ist daher wichtig, dass wir uns intensiver mit solchen Gesellschaften beschäftigen, denn nur hier kann eine grundlegende Lösung für den Umgang mit unserer Umwelt gefunden werden.

Wir haben erkannt, dass Umweltzerstörung und Klimawandel ein systemimmanentes Problem in patriarchalen Systemen wie dem Kapitalismus ist. Wohingegen in Systemen, die auf dem mütterlichen Prinzip basieren, die Natur als Ausdruck der weiblichen Gottheit aufgefasst wird, deren Schönheit sich in der Vielfältigkeit der Natur ausdrückt. Somit wird dort die Umwelt geschützt und respektiert. In dieser Gesellschaftsform steht die Mutter und damit das mütterliche Prinzip im Mittelpunkt. Da diese Gesellschaft keine Hierarchien und somit keinen Besitz kennt, besteht auch nicht der Drang nach immer mehr Konsum, wodurch Treibhausgase freigesetzt werden, die für den Klimawandel verantwortlich sind. Das Patriarchat ebenso wie die auf die Mutter zentrierte Gesellschaft regeln nicht nur den Umgang zwischen Mann und Frau, wie es vielleicht für manche zunächst klingt, sondern umfassen sämtlich Bereiche eben auch unseren Umgang mit der Natur wie auch unsere Form des Wirtschaftens und des sozialen Miteinanders.

Daher können wir nicht einfach darauf setzen, dass sich die verschiedenen Regierungen schon um den Klimawandel kümmern werden, denn bisher ist dies auch nicht wirklich geschehen, obwohl das Problem ausreichend bekannt ist. Deshalb müssen wir zunächst eine andere Gesellschaft und Politik schaffen, indem wir uns ändern und eine nicht hierarchische Gesellschaft, d. h. eine auf dem mütterlichen Prinzip basierende Gesellschaft, etablieren.

Doch wie gelingt uns das? Zum Glück steht uns – wie oft behauptet wird – nicht unsere menschliche Natur im Wege, denn über einen viel längeren Zeitraum, als das Patriarchat uns geformt hat, sicherte eine Gesellschaft, die auf dem Prinzip der Fürsorge basierte, den Erhalt der Menschheit. Eine solche Gesellschaft muss von von vielen Menschen aktiv getragen werden. Dies gelingt nur, wenn sie durch eine Art Graswurzelbewegung von unten entsteht.

Daher hier einige Beispiele in denen die Möglichkeiten einer Graswurzelbewegung sichtbar werden. So hat im streng katholischen Irland eine feministische Graswurzelbewegung es geschafft, dass Frauen in Zukunft abtreiben und damit über ihren Körper selbst bestimmen können.

Eine weiteren Ansatz in die richtige Richtung sehen wir bei der Standing Rock Bewegung, die gegen die Dakota Access Pipeline protestieren und bei der Frauen das Rückgrat der Bewegung bilden. Frauen betrachten sich dabei als die Beschützer des Wassers und allen Lebens. Daher führen Frauen den Widerstand an und Männer unterstützen sie auf jegliche Art und Weise. Diese Frauen betrachten es als ihre Aufgabe Mutter Erde mit all ihren Lebensformen zu beschützen.

In Schottland gibt es ebenfalls eine starke Graswurzelbewegung bedingt durch den Wunsch nach Unabhängigkeit, was ebenfalls einen sehr positiven Effekt auf die Politik hat. Die Regierung setzt sich gleichermaßen aus Frauen wie Männern zusammen. First Minister Nicola Sturgeon ist erklärte Feministin. Die Pille gibt es kostenlos. Abtreibung ist für Frauen kein Problem. Intensiv wird an Period Poverty gearbeitet, indem z. B. an verschiedenen Stellen wie Universitäten Hygieneartikel für Frauen kostenlos verfügbar sind. Zur häuslichen Gewalt, die strafbar ist, zählt nun auch seelische Gewalt. Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen und doch wird in Schottland an weiteren Verbesserungen gearbeitet. Gleichzeitig ist Schottland weltweit führend bei der Bewältigung des menschengemachten Klimawandels. Schottland hat bereits im dritten Jahr in Folge seine Klimaziele erreicht und die Emission an Treibhausgasen wurde von 1990 bis 2016 um 49 % reduziert. Bis 2050 soll Klimaneutralität erreicht werden. Auch arbeitet Schottland daran Armut sowie Obdachlosigkeit zu beseitigen und somit Hierarchie-Diskrepanzen zu reduzieren. Kommunen werden daher unterstützt das Land zu kaufen, auf dem sie leben, um es gemeinschaftlich zu nutzen.

Somit lässt sich feststellen, dass Graswurzelbewegungen, insbesondere wenn sie von Frauen getragen werden, eine vielversprechende Möglichkeit sind, nötige Änderungen zu realisieren. Wir sehen auch, dass diese Probleme zusammenhängen und nur erfolgreich als Ganzes angegangen werden können, wobei wir selbst aktiv werden müssen. Auch wenn bisher Hierarchien nicht aufgelöst, sondern in manchen Ländern lediglich etwas minimiert wurden, scheint dieser Ansatz in die richtige Richtung zu führen.

15:50 06.07.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Katharina Saheicha

Physikerin & Autorin des E-Books „Save the World: Wege aus dem Trump-Desaster und dem Klimawandel“ & weiteren Büchern.
Katharina Saheicha

Kommentare