Rassismus in deutschen Küchen

Comfort Food – Soul Food Warum werden rassistische Ausdrücke ganz unbekümmert in Deutschland verwendet? Warum wird nicht darauf verzichtet, wenn darauf aufmerksam gemacht wird?
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Wer gerne kocht oder vielleicht einfach nur gerne isst, ist sicherlich schon über den Begriff Comfort Food gestolpert. Überraschenderweise wird in Deutschland für diese Art von Essen zumeist der Begriff Soul Food verwendet, der aber eigentlich etwas ganz anderes meint. Daher hier erst einmal eine kurze Erläuterung dazu.

Mit Comfort Food fühlen wir uns glücklich und wohlig, behütet und umsorgt wie in der Kindheit. Daher gibt es eine Vielzahl an Gerichten, mit denen wir alle dieses Gefühl teilen, sodass Comfort Food auch immer einen bestimmten kulturellen Kontext besitzt. Aber auch einen persönlichen, der an die eigenen Erinnerungen anknüpft, die bei bestimmten Speisen ein Gefühl der Geborgenheit und des sich geliebt fühlen hervorrufen, weil es einen glücklichen Moment aus der Vergangenheit zurückruft. Oft kennen wir diese Speisen schon aus unserer Kindheit und sie erinnern an unsere Großmütter und Mütter, an lauschige Nachmittage im Garten und an die Unbeschwertheit unserer Kindheit. Comfort Food ist immer mit einem guten Gefühl verbunden, da wir uns damit sogleich ein wenig geborgen fühlen, es macht einfach glücklich.

Comfort Food ist zwar Essen für die Seele, aber kein Soul Food, was etwas ganz anderes ist, obwohl Soul Food natürlich danach klingt. Jedoch bezieht sich das „Soul“ in Soul Food viel eher auf Soulmusik. Soul Food bezeichnet die afroamerikanisch geprägte Küche in den Südstaaten der USA und ist daher eng mit der Sklaverei verbunden. So werden in der Soul Food Küche oft Innereien verwendet, da die Sklaven nur Abfälle bekamen wie z. B. die bekannten Chicken Wings. Mit der Zeit lernten sie Großartiges daraus zu kreieren, sodass diese Küche auch sehr interessant ist. Ebenfalls ist diese Küche sehr fettig und kalorienreich, um die harte Arbeit auf den Feldern zu überstehen. Diese Küche ist Ausdruck von Entbehrung sowie der brutaler Ausbeutung der Sklaven auf den Baumwoll- und Tabakplantagen der Südstaaten. Daher kann der Begriff nicht plötzlich für Entspannung und Gemütlichkeit stehen. Das wirkt wie eine grausame Verhöhnung der unerträglichen Sklaverei.

Außerdem ist Soul Food ein feststehender Begriff und sollte daher schon nicht anderweitig Verwendung finden, was ja auch nicht nötig ist, da bereits der Begriff Comfort Food existiert, der dieses Wohlfühl-Essen sehr anschaulich beschreibt. Daher ist es völlig unverständlich, warum in Deutschland ein weiterer Begriff Anwendung findet, da es bereits einen feststehenden Ausdruck für diese Art des Essens gibt, der wunderbar das wohlige Gefühl beschreibt und gleichzeitig recht assoziativ und somit wunderbar geeignet ist.

Da Soul Food in Deutschland recht unbekannt ist, ist es verständlich, dass es dabei zu Verwechslungen kommen kann, die sicher nicht rassistisch gemeint sind – auch wenn sie es letztendlich sind. Denn wenn Kochbücher Comfort Food als Soul Food verkaufen oder Geschäfte Süßigkeiten als Soul Food bezeichnen, obwohl diese damit überhaupt nichts zu tun haben, denken natürlich alle anderen ebenfalls, das wären Synonyme, die beliebig ausgetauscht werden können. Diesen Multipliern wird vertraut und so verleiten diese andere dazu, völlig ahnungslos das Andenken der afroamerikanischen Sklaven zu verleugnen. Aber auch wenn viele von der Richtigkeit der Verwendung des Wortes überzeugt sind, wird es dadurch nicht richtig und ist weiter nicht okay.

Doch wie kann es angehen, dass Verlage und große Firmen diese Begriffe verwechseln? Dies deutet auf ein ernstzunehmendes Problem hin, denn Ähnliches ist leider öfters in Deutschland vorzufinden.

So haben sogar zwei verschiedene Firmen – zuerst Nokia, dann Tchibo/Esso den Spruch „Jedem das Seine“, der im KZ Buchenwald angebracht war, für ihre Werbung verwendet. Da solch eine Werbekampagne über mehrere Schreibtisch geht und abgesegnet werden muss, ist es schleierhaft, wie so etwas passieren kann. Denn auch wenn jemand nicht mehr genau weiß, woher ihm die Formulierung bekannt vorkommt, so kann das doch mittlerweile schnell herausgefunden werden. So etwas sollte doch elementar sein, bevor darauf weiter eine Werbekampagne aufgebaut wird.

Ein deutscher Hersteller nahm in Dänemark und Schweden aufgrund von Protesten ein Produkt vom Markt, weil es rassistisch ist. Jedoch wurde es in anderen Ländern wie in Deutschland weiter verkauft.

Auch die Weigerung den unpassenden Begriff „Zigeunersauce“ zu ersetzen, durch den sich Sinti und Roma berechtigterweise verletzt fühlen, ist ein Beispiel wie tief Rassismus geht. Ebenso die scheinbar alle zwanzig Jahre wieder neu aufflammende Diskussion, wie akzeptable das N-Wort für Schokokuss ist oder über den Begriff „Mohrenkopf“. Wie kann es sein, dass nach zwanzig Jahren immer noch das Argument „das habe ich doch immer schon so gesagt“ verwendet werden kann? Warum hat jemand es zwanzig Jahre nicht mitbekommen, dass diese Teile Schoko- oder Schaumküsse genannt werden?

Es kann allen mal passieren, dass sie nicht mitbekommen haben, dass bestimmte Ausdrücke nicht mehr verwendet werden oder dass sie sie falsch verwendet haben. Das ist überhaupt nicht schlimm. Doch besorgniserregend ist, wie eben manche darauf reagieren. Einige sind froh, dass man sie darauf aufmerksam macht und nehmen es sogleich auf. Aber manche fangen dann eben die bekannte Diskussion an mit „das habe ich doch immer schon so gesagt“, „das meine ich doch nicht böse, …“ – wir kenne das alle. Jedes Mal führe ich dann an, dass dies eben bestimmte Menschen verletzt. Doch das reicht nie als Argument. Warum nicht? Was ist verkehrt mit Menschen, die nicht bereit sind auf ein blödes Wort zu verzichten, wenn sich so jemand besser fühlt? Obwohl diese bis dahin eigentlich überaus freundlich wirkten, sind ihnen an dieser Stelle die Gefühle anderer plötzlich völlig egal. Erst wenn die Argumentation anhand einer ganz konkreten Person erfolgt, die alle mögen und die sich durch solch eine rassistische Wortwahl verletzt fühlen würde, dann erst beginnt bei einigen ihr Vorsatz zu wackeln. Warum erst dann?

Hier kann nur spekuliert werden. Jedoch ist zu befürchten, dass immer noch in vielen Deutschen ein tief angelegter Rassismus besteht, der jetzt teilweise im Erfolg der AfD sichtbar wird. Im Grunde war diese Entwicklung schon vor Jahren erkennbar. Bisher wählen diese jedoch noch nicht alle AfD und sind sogar entrüstet, wenn danach gefragt wird. Doch vielfach wählen schon andere in ihrem Umfeld diese und sie haben dafür ein gewisses Verständnis. Es ist zu befürchten, dass nicht mehr allzu viel nötig ist, damit auch diese ganz kippen.

Wir wissen heute, dass die nachfolgenden Generationen, derer die in den Konzentrationslagern ermordet wurden, ebenfalls traumatisiert wurden. Aber was ist mit den Nachkommen der Täter? Was ist ihnen mitgegeben worden? Täter sind dabei nicht nur Hitler und sein Führungsstab, sondern eben auch alle, die an kleinen Teilschritten beteiligt waren ebenso wie die, die einfach nur tatenlos zusahen, wenn ihr Nachbar abgeholt wurde und es darf nicht vergessen werden, dass Hitler zunächst auch gewählt wurde – nicht von allen, aber von zu vielen. Zu dem Zeitpunkt war durch das bereits erschiene Buch „Mein Kampf“ sehr wohl seine Ziele und Wertvorstellungen bekannt. In all den Jahren in Deutschland habe ich nie jemanden getroffen, der seine Groß- oder Urgroßeltern als Täter sah. Sie hielten sie für unschuldig oder sogar oft für Opfer – auf jeden Fall einfach immer für völlig ahnungslos. Da so viele auf verletzende Begriffe beharren, kann dies eigentlich nur damit erklärt werden, dass vielen unterschwellig rassistische Verhaltensweisen mitgegeben wurden, die nun wieder verstärkt zum Vorschein kommen.

Indem Politiker verschiedener Parteien und Länder sich rassistisch äußern, scheint es leider für viele immer mehr akzeptabel zu werden, sich ebenfalls so zu äußern. Damit werden die ersten moralischen Grenzen überschritten. Im nächsten Schritt, der die Grenze der Menschlichkeit weiter verschiebt, werden Menschen nicht mehr vor dem Ertrinken gerettet, sondern man lässt sie einfach ertrinken. Damit wird eine Entmenschlichung und Verrohung erzielt und somit wesentliche Schritte in Richtung Faschismus gemacht. Dafür müssen übrigens nicht alle sein, es genügen etwa 40 %, um ein Land kippen zu lassen. Darüber hinaus wissen wir aus dem Bereich der häuslichen Gewalt, dass seelische Gewalt – was äquivalent der Verwendung von rassistischen Ausdrücken ist, mit denen andere Menschen verletzt werden – auch meist zu körperlicher Gewalt führt. Mit der Verwendung rassistischer Ausdrücke werden die ersten moralischen Schwellen überschritten, somit wird das Undenkbare denkbar und wir wissen wohin das führt. Wer trotz aller Erklärungen auf rassistische Ausdrücke beharrt, ist Rassist. Rassismus beginnt nicht erst da, wo mit ausgestrecktem Arm durch Straßen marschiert wird. Daher sollte jeder, der darauf beharrt, solche Ausdrücke zu verwenden, sich überlegen warum und dies in Frage stellen und sich klar machen, dass er damit mitverantwortlich sein wird für alles, was daraus folgt.

14:08 21.07.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Katharina Saheicha

Physikerin & Autorin des E-Books „Save the World: Wege aus dem Trump-Desaster und dem Klimawandel“ & weiteren Büchern.
Katharina Saheicha

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