RE: Die prekäre Gesellschaft | 16.11.2018 | 13:32

Liebe Moorleiche,

neoliberal, weil indviduelles Scheitern privatisiert wird, Schulden z.B. durch die Finanzkrise sozialisiert werden. Diese Erfolgslogik betrifft übrigens Frauen insbesondere, denen die Welt zwar auf horizonaler Ebene offen steht (ein Job an der Lidl-Kasse findet sich immer), vertikal gibt es jedoch kaum Mobilität (siehe auch Oliver Nachtwey, die Abstiegsgesellschaft).

Neoliberal, weil sie formal Zugang zu Bildung haben beispielsweise, aber Bildungsvorsprünge (Nachhilfe, Auslandsaufenthalt) nicht eingepreist sind.

Pefide Verhältnisse. Der Arbeitsmarkt fragt nicht, was er für sie tun kann, sondern der Einzelne muss untertänigst Auskunft geben, was er zu leisten glaubt imstande ist. Im Angebot hat der Arbeitsmarkt prekäre Stundenlöhne und der Staat bietet evtl. eine Grundsicherung im Alter, siehe auch sinkendes Rentenniveau seit Jahren. Neoliberal, weil Kapitalverbrechen eher noch unter Kavaliersdelikt fallen, Hartz IV-Empfang kriminalisiert wird. Neoliberal trifft es nicht ganz, stimmt, die Zustände sind subtil feudalistisch, weil wir ja auch eine Erbengesellschaft sind, wo leider nur jeder Zweite erbt, abgesehen vom Ost-West/Nord-Süd-Gefälle. Oder: Kulturelles und ökonomisches Kapital zu Lebzeiten übertragen wird.

Zurück zur Ausgangsfrage: Wie kommt der Einzelne da wieder raus? Eine "reife, eigenständige und eigenverantwortliche Individualität" zu leben, ist in dieser Lage fast unmöglich. Diese Last muss man dem Einzelnen nehmen, meine ich. Ich lese in diesem Hashtag tatsächlich so etwas wie eine Erleichterung, ein Aufatmen, weil man sich von Schuldgefühlen befreien kann. Ohne Schuldgefühle lässt sich auf jedenfall besser in die Zukunft denken, was ja auch Arbeit ist. Ohne Schuldgefühle kann man selbstbewusster Fragen an die Gesellschaft stellen, bzw. Forderungen.

Herzlich, Katharina Schmitz

RE: Die prekäre Gesellschaft | 16.11.2018 | 13:09

Lieber Herr Zietz,

warum nicht aus der Welt schaffen? Die Grünen, angeblich ja die neue Volkspartei, fordern es. Gestern habe ich von einer großen Koalition geträumt Linke/Grüne und noch eine Korrektivpartei ;-). Was den Hashtag angeht: Selbstermächtigung, Überwindung der Scham sind ja vielleicht auch erste Schritte zu einem neuen Narrativ, zu einer neuen Politisierung des Einzelnen?

RE: Bist du neidisch? | 05.11.2018 | 17:11

mithin und mitunter auch Genugtuung. Man muss sich nicht aus priviligierter Perspektive suggestiv fragen lassen, warum man Lebenswege nicht besser geplant hat. Oder auch: Streit über solche Fragen, ist auc niht das Schlechteste, bzw. auch ehrlich. Und Ehrlichkeit scheint mir ganz wichtig in diesen Fragen. Unter Freunden.

RE: Bist du neidisch? | 04.11.2018 | 13:56

sicher ist der Roman teilweise autobiografisch. Sie haben ja Recht, aber unter Selbstermächtigung verstehe ich beispielsweise auch das gute Gefühl, dass man sich Sozialkritik, die man sich leistet, nicht mehr desavouieren lässt mit schönen Totschlagverdächtigungen, z.B. Sozialneid.

RE: Max, Training, Auto? | 02.11.2018 | 10:28

Lieber Rüdiger Grothues, sehr schön! Ich muss mehr Rilke lesen! Herzlich, Ihre Katharina Schmitz

RE: Bist du neidisch? | 16.10.2018 | 10:57

Lieber Lethe, gerne gelesen, vielen Dank. Ich finde in dem Roman auch sehr viel Selbstermächtigung das politische Denken im privaten Raum betreffend, das freilich für eine hohen Preis, dafür mit viel Tiefgang. Ich finde zum Beispiel die Figur Hilmar (glaube ich) sehr gut getroffen, der sich so lange für die schönen Künste und linke Politik interessiert, solange beides nicht seinen Vorgarten direkt tangiert.

RE: Bist du neidisch? | 09.10.2018 | 11:11

Freue mich über Ihren Bericht!

RE: Bist du neidisch? | 09.10.2018 | 10:17

Lieber Lethe, lesen Sie selbst und Ihre Fragen werden vielleicht beantwortet. Die wichtige Frage ist doch aber auch, ob der Roman lesenswert ist. Meine Antwort: ja.

RE: „Spiel ohne Ende“ | 20.09.2018 | 15:17

Ich weiß nicht, Richard Zietz, sind Sie explizit in dieser Lage oder wie kommen Sie zu der Forderung, dass sich alle Themen in dieser Zeitung nur explizit damit beschäftigen sollten? Und wie kommen Sie weiter darauf, dass sich die von ihnen so bezeichnete Lesergruppe geschlossen für nichts anderes mehr interessiert, scheinbar total verbittert ist und also alle Hoffnung hat fahren lassen? Sie haben natürlich vollkommen Recht, dass hier einige Schieflagen sind, die diese Zeitung gemäß ihrem äh Leitbild selbstverständlich begleitet Es gibt aber viele Menschen, zu denen gehöre ich auch, die sich gänzlich unabhängig von ihrem sozialen Status, grob gesagt, für das Themenfeld Psychologie interessieren, die womöglich gerne Tai-Chi im Park machen, obwohl sie arm sind, ins Kloster gehen zum Schweigen oder womöglich Luxusprobleme haben (Liebe, Freundschaft), obwohl sie arm sind. Statt sich um ihre Armut zu kümmern, interessieren sich die Leute doch tatsächlich noch für was anderes! Ich finde, Herr Zietz, es kann aber bei aller Kritik an den Verhältnissen nie schaden, seine Perspektive zu hinterfragen oder die eigene Ohnmacht anders zu stimulieren, vielleicht hilft´s ein bisschen. Die Rede ist aber nicht davon, dass hier Verantwortung der Gesellschaft privatisiert wird, also jeder gefälligst seines eigenen Glückes Schmied zu sein hat. Was aber sicherlich nicht at the end of the day zur Zufriedenheit führt, ist so ein gewisses paternalistisches Mitdenken für die Schwächeren der Gesellschaft. Christian Ankowitsch zeigt hier einige Möglicheiten auf, den Blick zu ändern, er erfindet nichts neu, aber sampelt auf unterhaltsame und interessante Weise Erkenntnisse aus der Psychologie und Hirnforschung. Es ist ein unterhaltsames, kenntnisreiches Buch, schade, wenn das im Interview also nicht vermittelt werden konnte.