Alufolie, schlimm wie atomare Erstschläge

Erziehung Die Helikoptermutter trifft auf eine Fridays-for-Future-Mutter. Das endet fast im GAU
Alufolie, schlimm wie atomare Erstschläge
So jedenfalls nutzen Klimaleugner die Alufolie

Foto: Bridget Bennett/AFP/Getty Images

Meine Ökobilanz heute Morgen? Verheerend. Deshalb fürchte ich mich schon, bis abends noch von irgendwem angeschrien zu werden. Die Helikoptermutter ist aber auch nur „ein Mensch mit Gefühlen“, eine, die Tim-Bendzko-Songs summt, den sie überhaupt nur kennt, weil das Kind ihn kennt, und also summt: „Ich bin doch keine Maschine.“

Es muss daher unter uns bleiben: Ich habe Alufolie verwendet, das ist bekanntlich das schlimmste Material im Ranking direkt nach Atommüll. Hätte Alufolie einen Führerschein, wäre sie ein SUV-Fahrer. Nicht von ungefähr stellen sich Klimafreunde diese verstrahlten Klimaleugner mit Aluhüten vor. Und trotzdem endlagern manche Leute noch heimlich Reste von Alufolie in der Schublade, so auch die Helikoptermutter. Seit aber die Geschichte von der Friday for Future-Mutter kursiert, die ein Kind im Schulflur übel angeherrscht haben soll, als es eine Stulle aus Alufolie wickelte, hat sie nie wieder gewagt, an die Rolle Alufolie in der Schublade auch nur zu denken. Verrotten soll sie, im hintersten Winkel der Schublade! Ach, wenn sie es nur täte!

Heute Morgen: Die Brottüten waren alle. Es herrschte ein Chaos wie in Tote tragen keine Karos, die Szene, wo Steve Martin „Cleaning woman!“ schreit. Was für ein GAU. Soll die doofe Nuss doch alles getrennt in die Brotdose aus Plastik packen, schließlich gibt es eine Trennwand? So könnte man denken. Wenn das Kind es nicht „voll eklig“ fände, sobald sich Inhalte der Brotdose auch nur berühren. Durch und durch mit schlechten Gefühlen kontaminiert kramt die Helikoptermutter jetzt also die Folie aus der Schublade, reißt (da schon beherzter) ein Stück ab, irgendein ferner instinction rebellierte da wohl, ist sie halt ein Klimakiller.

Und wenn diese Mutter davon erführe? Würde das todsicher im Ethikunterricht diskutiert. Man kann nicht genug auf der Hut sein, neulich intervenierte eine Fridays for Future-Mutter, als der Fußballtrainer vorschlug, aus der Vereinskasse einen Satz Trinkflaschen für die Jungs zu kaufen. „Nur aus Glas!“, schrieb die Mutter. Ein Vater schrieb: „Bitte nur Plastik!“.

Ich denke, auch Kinder solcher Mütter werden es einmal schwer haben, aber muss mein Kind die Ökokeule fürchten, wenn es heute die Stulle aus der Alufolie wickelt? Brottüten sind zwar auch nicht aus 100 Prozent Papier, da leicht laminiert, aber weiß das die Ethiklehrerin? Die Brottüte gilt als ökologisch unverfänglich, noch, Alu als des Teufels ... die Helikoptermutter wickelt die Stulle wieder aus. Wird Ärger geben vom Kind („Der Apfelschnitz klebte am Brot, voll eklig!“), was immer noch besser ist als soziale Ächtung.

Soziale Vollkasko im No-Waste-Trend wäre die fancy Wickelbrottasche, die aussieht, als wäre sie schon bei Picknicks im New Yorker Central Park 1956 zum Einsatz gekommen, außen kariert, innen mit abwaschbarem Wachstuch. Oder das Jaus’n Wrap, ein Bienenwachstuch, Handarbeit aus Österreich, Garant für jede Menge Social Credit Points. Mein Kind aber, das über feinste Sensoren für Coolness verfügt, würde sich damit sicher nicht zum Brot machen.

Mein Gott, es ist kompliziert. Könnte man mit Alufolie nicht Atommüll umwickeln? Ich summe jetzt Bendzkos Lied: „Muss nur noch kurz die Welt retten, noch 148 Mails checken ...“ – damals am Lagerfeuer, Kartoffeln in Alu in verheißungsvoll glühenden Kohlen, als etwas verstrahlt galt da noch die Ökofraktion. Samstag ist Abgrillen, ich will mich in den Rauch stellen. Eventuell mit einem coolen Aluhut.

Katharina Schmitz schreibt im Freitag als Die Helikoptermutter über die Unzulänglichkeiten des Familienlebens

06:00 23.11.2019
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