Amelie Fried schreibt die schlechtesten Kolumnen der Welt

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In seinem Blog Vorsicht Konserve fragt sich Ingo Arend, warum die Literatursendung „Die Vorleser“ so langweilig ist.

Wer sich das immer noch fragt, schaut am besten mal rein in die neueste Kolumne von Amelie Fried, in der vielleicht nicht jedermann geläufigen FürSie schreibt sie monatlich. Zwei davon habe ich hier zu Hause; irgendeinmal heimlich rausgetrennt (1x im Wartezimmer, 1x im Flugzeug) und aufgehoben.

Stereotyp für die Glosse gerät Frau Fried in den einen oder anderen möglichst möglichst alltäglichen, dafür extrem humorverdächtigen Gewissenskonflikt und konstruiert Biedermeier-Beispiele. In „Entschuldigung, Sie haben da was“ quält Fried sich (und mich) mit der Frage, wie man seine Mitmenschen auf optische Peinlichkeiten dezent aufmerksam macht, damit diese sich – weil ahnungslos – nicht stundenlang blamieren müssen. Am Abend auf einer Nudelsalat-Party irgendwo in der Vorstadt muss man mal aufs Klo, und damit in den Spiegel schauen und damit in das Grauen; man entdeckt, dass die „Wimperntusche bis zum Kinn verlaufen ist und ein Blättchen Petersilie zwischen den Schneidezähnen steckt“. Realistisch wie bei Loriot entdecken wir womöglich auf der gleichen Party wenig später eine „Nudel auf der Manschette (wie kommt die da bloß hin?)“ unseres Partners. Ich wiederhole :eine „Nudel (!) auf der Manschette (!) und ich frage mich, was bekommt sie wohl für diese Kolumne.

Und auch diese prekäre Situation hat doch jeder schon einmal erlebt: der Personalvorstand hatte eine bekleckerte Krawatte oder ein baumelndes Preisschild an der Jacke. Ob sie wohl mehr als 1000 Euro für die Kolumne bekommt?

Aber manchmal kann die freundliche Amelie Fried auch anders. In „Neulich in Tussenhausen“ beobachtet sie mit dem empört-moralisierenden Kolumnen-Blick ihre Umwelt. Da sitzen in einem „Münchner Bekleidungsgeschäft“ zwei Mädchen die bei Fried „Tussi“ heißen, „ein höheres Töchterlein“ also und ihre Freundin „in teuren Designerklamotten“ vor einer Umkleidekabine (und man fragt sich, ob teuer und Design nicht tautologisch ist…). Frau Fried wird Zeugin des Gesprächs, die Mädchen haben doch - und das findet Amelie Fried schon ein bisschen traurig - wirklich nur Oberflächliches im Kopf, die ganze Zeit schwatzen die beiden über Äußerlichkeiten. Unendlich ungebannt stelle ich mir Amelie Fried mit ihrer praktischen Kurzhaarfrisur beim Zuhören vor. Frieds Vokabular für Schuhe ist (böse, böse) „Stiefelchen“ und so weiter. Und das alles kurz nachdem sie „eine Einrichtung besucht hatte, in der Flüchtlinge betreut werden…“.

So langsam fühlt sich Amelie Fried jetzt auch „hilflos und wütend“ . Sie stellt sich vor, „wie ich die zwei Tussen am Kragen packe, sie in einer sozialen Einrichtung absetze …, wo sie mit ihren Stiefelchen durch den Dreck steigen… und sehen, dass die Welt nicht überall so sauber ist wie in Tussenhausen.“ Amelie Fried ist wirklich sehr wütend. Literaturkritiker müssen in den Abgrund schauen können.

Wer jetzt noch Fragen hat, warum sie als Moderatorin für die Vorleser geradezu prädestiniert ist, hier ein paar ihrer Buchtitel:Am Anfang war der Seitensprung, Wann findet das Leben statt, Der Mann von nebenan, Geheime Leidenschaften und andere Geständnisse, Verborgene Laster.


19:02 07.02.2010
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lausemaedchen | Community