Antrieb: hybrid

Politserie Mit Annalena Baerbock lernen wir, dass Fiktion spannender ist als die Realität. Das sollte frau wissen
Antrieb: hybrid

Foto: Daniel Hofer/laif

Neulich schaute ich eine alte Folge der Politserie Borgen zum zweiten Mal. Es war mir ein wenig unheimlich, dass mir das erst gar nicht auffiel. Die Serie behandelt Aufstieg und Fall der dänischen Politikerin Birgitte Nyborg. Wer die Sendung schaut, muss ständig an Annalena Baerbock denken. Nyborg schafft es, sie wird Dänemarks erste Premierministerin, und in der besagten Folge steht sie vor der schwierigsten Entscheidung ihrer Amtszeit. Während ihres Besuchs in Afghanistan kommt es zu einem Angriff der Taliban, Soldaten werden getötet. Soll sich ihr Land jetzt noch wie angekündigt aus dem Krieg zurückziehen?

In eine vergleichbar schwierige Situation könnte Annalena Baerbock auch kommen, sollte sie Kanzlerin werden. Aber im Moment ist uns das vielleicht nicht so klar. Das hängt mit dem Auftreten von Baerbock zusammen, aber auch mit uns, die wir dieses Auftreten ein wenig wie durch einen Nebel betrachten, in dem dort hinten ein Licht schimmert. Es ist der Nebel der Pandemie. Die Pandemie macht einen ganz blöd im Kopf in einem Alltag, in dem alles verschwimmt und wir abends spannende Serien schauen. Zuerst das ganze 20. Jahrhundert in Serie, dann das 19. Jahrhundert in Serie und dann so weiter, und dann schauen wir eben auch eine Folge von Borgen zweimal, ohne es erst zu merken. Ähnliches ist mir neulich beim Lesen in einem alten Spiegel passiert, ich bemerkte erst in der Mitte eines Artikels über Masken, dass mir das alles veraltet vorkam, es war ja auch ein Text aus dem Oktober 2020.

Die Pandemie verdichtet die politische Amnesie, die eine Durchschnittswählerin wie mich davor schon latent bedroht hat. Und deshalb kann ich mir gut vorstellen, dass viele erst verdrängt, dann vergessen haben, dass die Grünen in der einstigen Bundesregierung mit der SPD für den Kriegseinsatz in Afghanistan gestimmt haben (in Borgen sucht Nyborg Rat bei dem Oberst der dänischen Einsatztruppe in Afghanistan). Dass die Grünen vor kurzem bei der Entscheidung über ein verlängertes Mandat in Afghanistan eher disparat abstimmten, dürften die meisten gar nicht registriert haben. Militäreinsätze scheinen gerade noch weiter weg als sonst.

Die nächste APO

Aber dass sich Baerbocks Partei jetzt bei der Abstimmung über die Corona-Notbremse enthielt, weil sie, so Baerbock, viel zu spät komme und nicht konsequent genug sei, das fiel auch dem Demokratieforscher Wolfgang Merkel bei Anne Will am Sonntag negativ auf: Wer in die Regierung will, sollte als Opposition identifizierbar sein, meinte er sinngemäß.

Was uns in dem ganzen Nebel, bei all dieser Harmonie, bei all diesen schönen Worten und Auftritten vielleicht nicht so auffällt, ist unser brutal pragmatisches Verhältnis zu den pragmatischen Grünen. Unser Bezug zu der ehemaligen Friedenspartei ist latent geschichtslos. Es ist ganz praktisch, dass wir im Allgemeinen vergesslich sind, nicht nur beim Serienschauen und Zeitunglesen, und die Pandemie uns rammdösig macht. Andere haben zudem noch – Pardon – das Glück der späten Geburt: Die Generation Fridays for Future weiß doch gar nicht mehr, welche Politik die Grünen früher verfolgten, welche Kämpfe sie austrugen, was „Realo“ und „Fundi“ bedeuteten. Wer noch ein Kind oder gar nicht geboren war, als der damalige grüne Außenminister Fischer seine Partei 1999 beim Sonderparteitag in Bielefeld auf eine deutsche Beteiligung am Kosovokrieg einschwor, an Auschwitz gemahnte und einen Farbbeutel an den Kopf kriegte, dem kann man jetzt nicht vorwerfen, in der Partei der Grünen eine Heimat zu finden – aus anderen Gründen. Die Klimakrise ist bekanntlich unser Krieg in Friedenszeiten.

Auch andere Parteien haben nun die Klimakrise als zentrale politische Herausforderung entdeckt, aber die Grünen haben darauf nun einmal das Coypright. Davon profitiert natürlich Annalena Baerbock. Hübsch etikettiert und bezahlbar soll sie werden, wie das Bio-Angebot bei Lidl und Aldi. Das wird nicht unwidersprochen bleiben, Fridays for Future könnten demnächst die neue APO sein. Dann werden sich neue Fronten eröffnen.

Aber jetzt strahlt Annalena Baerbock das erst einmal weg, weil wir es so wollen. Die Frau mit der Lederjacke. Die Frau, die mit ihrer Kandidatur für Frauen, berufstätige Frauen und Mütter – und natürlich auch für Männer, Väter und Partner – große Hoffnungen erzeugt. Hoffnungen im Nebel quasi. Denn Baerbock strahlt ja auch deshalb mitten in die Gesellschaft, weil sie wenige aus- und viele einschließt. Sie ist ja auch jetzt nicht allein, wie sie betont, und in diesem hyperharmonischen Ton wird es wohl erst mal weitergehen. Das ist schön, wer träumt nicht auch privat von so einer Partnerschaft auf Augenhöhe mit vielen guten Freunden? So sagt sie kaum etwas, ohne den Robert mit zu erwähnen, und der kann ja auch mit allen. Ja, dieser Mittelklasse-Kombi ist geräumig, ob Gangschaltung oder Automatik, Farben und Ausstattung sind jetzt erst mal egal, der Antrieb erst mal hybrid, wenn es dann genügend Aufladestellen in der Republik gibt, wird auf E-Motor umgestellt.

Die grüne Politik unter Baerbock (und Habeck) ist also, wie man weiß, zu niemandes Nachteil und für Leute gemacht, die gern an die Quadratur des Kreises glauben würden. Man darf ihn halt nur nicht so nennen. Das könnte man den neuen grünen Stil nennen. Dieser Stil baut auch darauf, dass Fiktion spannender ist als die Realität, eine Binse. Und irgendwie auch „mythisch“: In dem Licht, das da durch den Nebel scheint, glaubt man auch das Gesicht des besseren Deutschlands zu erkennen. Dem Historiker Heinrich August Winkler zufolge ist es der Geist Willy Brandts, der da mit Baerbock gerade aufscheint. Schön! Willy Brandt jetzt also in Gestalt einer deutschen grünen Kanzlerkandidatin, die es auf das Cover des Time-Magazins schafft, das ist einfach zu reizvoll, als dass es gleich wieder verblassen soll.

Da hilft es dann auch, dass wir eigentlich gar nicht so viel über Baerbock wissen, nicht wissen wollen, welche Rolle ihr Mann nicht nur als Miterzieher ihrer Kinder spielt, sondern etwa auch als gut vernetzter Berater der Grünen. Oder ob der erkennbare Ehrgeiz der Kandidatin vielleicht doch über ein paar Leichen geht, metaphorisch gesprochen. Weshalb es gut ist, dass Baerbock ihr Privatleben genauso verhandelt wie Angela Merkel. „Privat“ lernte man die amtierende Kanzlerin in 16 Jahren nur einmal andeutungsweise kennen, im Fernsehfilm Die Getriebenen über Merkel und die Flüchtlingskrise. Vielleicht wird es später mal einen Film geben, der Baerbock in einer ähnlich schwierigen gesellschaftlichen Lage zeigt, und mit einem Partner, der bei einem Bier zu hören bekommt, was sie wirklich denkt.

Annalena Baerbock und ihr Stil werden hoffentlich nicht zu schnell an eine tibetanische Gebetsmühle erinnern. 2017 wurde das zum Problem von Martin Schulz, dem es so lange um den „kleinen Mann“ ging, bis dieser „kleine Mann“ und seine selbst ernannten Vertreter, also wir alle, ihm sagten: Jetzt halt mal den Rand.

Wann wird uns Annalena Baerbock also auf die Nerven gehen? Das ist die Frage, die sich in den nächsten Monaten stellt. Die Partei legte bisher unglaubliche Disziplin an den Tag, keine kritischen Stimmen wurden laut, alle trugen den Kurs mit, von Hofreiter bis zu den Altvorderen. Nein, stimmt nicht ganz. Antje Vollmer, 77, meinte, dass sie ihre Partei nicht wiedererkennt. Andere Urgesteine sind tot oder leise oder abgedriftet. Dabei gab es Greenwashing bei den Grünen früher auch da, wo es gar nicht um die Umwelt ging, sondern etwa um Bündnispolitik. Darin war zum Beispiel Joschka Fischer Profi. Baerbock ist seine Schülerin: transatlantisch ausgerichtet, russlandkritisch, der CDU noch näher, als man denkt.

Das muss frau wissen, in, sagen wir, alter grüner, feministischer Tradition. Aber wirklich harte politische Fragestellungen sind gerade nicht mehrheitsfähig. Auch in vielen von uns selbst nicht, wenn man das so sagen kann. In mir selbst jedenfalls nicht. Noch nicht. Das wusste Birgitte Nyborg, als sie sich in Borgen anschickte, die erste Frau des Landes zu werden. Das weiß offenbar auch Annalena Baerbock.

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06:00 02.05.2021
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Ausgabe 18/2021

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