Bildungsgerechtigkeit in Deutschland? Naiv!

Meinung Den Kampf um zu erledigende Hausaufgaben kämpfen wohl keine Eltern gerne. Und dennoch hält unsere Autorin sie für unerlässlich. Katharina Schmitz über Sinn und Unsinn in der Diskussion um unser aktuelles Bildungssystem
Ausgabe 13/2023
Wenn sie auch nerven: Hausaufgaben sind für den Bildungserfolg von Kindern unerlässlich
Wenn sie auch nerven: Hausaufgaben sind für den Bildungserfolg von Kindern unerlässlich

Foto: Stuart Franklin/Getty Images

Aus ungewohnter Ecke kam kürzlich eine bildungspolitische Intervention. Hausaufgaben sollten abgeschafft werden, forderte die Linken-Vorsitzende Janine Wissler in einem Gastbeitrag für den Tagesspiegel. Denn der alltägliche Hausaufgaben-Stress vergifte das Familienklima. Noch überraschender folgten prompte Reaktionen seitens der bildungspolitischen Sprecher der Parteien, ganz so, als sei die Debatte über lästige Hausaufgaben kein öder Hut. Die alten Pro/Contra-Argumente verteilten sich dagegen erwartungsgemäß nach politischer Couleur.

Der Bildungserfolg eines Kindes hänge stark vom Engagement der Eltern ab, argumentiert Nina Stahr von den Grünen. Was nun wahrlich keine neue Erkenntnis ist. Wo eine Hausaufgabengegnerin wie Stahr jedoch geradezu naiv irrt, ist die Annahme, dass Eltern ihren Bildungsehrgeiz deshalb bremsen könnten, weil sie das Ideal der Bildungsgerechtigkeit grundsätzlich gutheißen. Diese Eltern sind ja vielmehr desillusioniert und misstrauisch. Würden die Hausaufgaben abgeschafft, dürfte vielmehr die heimische Kontrolllampe bei vielen auf Rot schalten. Und bei Kindern mit sogenanntem bildungsbenachteiligten Hintergrund würde die ja eigentlich sinnvolle Balance zwischen Eigenverantwortung und pädagogischer Kontrolle komplett wegfallen. Muss man dafür an die drastischen Folgen der Schulschließungen während der Corona-Pandemie hinweisen?

Zudem: Nicht jeder alte Hut ist oll, zum Beispiel so ein Spruch wie „Wer schreibt, der bleibt“. Die bildungspolitischen Sprecher von CDU und FDP wiederholen daher zu Recht, dass Hausaufgaben für die Vertiefung von Erlerntem unerlässlich sind. Auch Oliver Kaczmarek (SPD) ist erwartungsgemäß kein Freund von Hausaufgaben. Er will den konsequenten Ausbau von Ganztagsschulen. Angesichts des katastrophalen Lehrermangels fragen sich viele Eltern allerdings derzeit, ob diese nicht zu Aufbewahrungsstätten verkommen, die ihre Kinder allenfalls von übermäßigem Medienkonsum fernhalten.

Was viele nicht wahrhaben wollen: Je älter sie werden, desto unerträglicher wird es für Schüler:innen, ihre beste Zeit in einer Lernanstalt zu versauern. Dann doch lieber Streit mit den Eltern über Hausaufgaben. Vielleicht vertrauen sie eines Tages, wenn schon nicht auf das Bildungssystem, aufs eigene Kind.

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Geschrieben von

Katharina Schmitz

Redakteurin „Kultur“, Schwerpunkt „Literatur“

Katharina Schmitz studierte Neuere Geschichte, Osteuropäische Geschichte, Politikwissenschaften, Vergleichende Literaturwissenschaften und kurz auch Germanistik und Romanistik in Bonn. Sie volontierte beim Kölner Drittsendeanbieter center tv und arbeitete hier für diverse TV-Politikformate. Es folgte ein Abstecher in die politische Kommunikation und in eine Berliner Unternehmensberatung als Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Ab 2010 arbeitete sie als freie Autorin für Zeit Online, Brigitte, Berliner Zeitung und den Freitag. Ihre Kolumne „Die Helikoptermutter“ erschien bis 2019 monatlich beim Freitag. Seit 2017 ist sie hier feste Kulturredakteurin mit Schwerpunkt Literatur und Gesellschaft.

Katharina Schmitz

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