Bist du neidisch?

Freundschaft Anke Stelling erzählt in „Schäfchen im Trockenen“, wie beim Thema Geld der Spaß aufhört

Soll niemand sagen, die Literatur habe die Gesellschaft aus dem Blick verloren, oder, wenn sie sie noch adressiert, nichts zu melden. Anke Stellings Schäfchen im Trockenen ist ein soziologisches Bravourstück, wie es vor allem die Franzosen beherrschen. Ihr autobiografischer Roman hat eine Dringlichkeit, wie sie zuletzt Didier Eribons Mémoire ausstrahlte.

Der Roman beginnt mit einer massiven Grenzverletzung. Resi gilt als Persona non grata, weil sie die Clique als Material erst diskret für einen Roman, dann mit höchstem Wiedererkennungswert für einen Artikel ausgebeutet hat. Wer erkennt sich schon gern in der Zeitung wieder, auch wenn das, was da steht, exemplarisch für etwas steht? Sie fragen Resi: „Wer bist du, dass du deine Sicht über andere stellst? Wer hat dir das bitte sehr erlaubt?“ Erst kündigt Uralt-Freundin Vera die Freundschaft, dann kündigt Uralt-Freund Frank den Untermietvertrag. Vier Kinder, drei Monate Kündigungsfrist, es ist der Beginn einer existenziellen Krise.

Im Jahrbuch zum Abitur nannte man sie „Intis“, eine ironische Abkürzung für die „Intellektuellen“. Für die Intis kam in den neunziger Jahren also nur Berlin infrage. Heute sind sie Mitte vierzig, arriviert, angekommen, die Schäfchen stehen sprichwörtlich im Trockenen. Nicht die von Resi. Auch darüber schreibt Resi. Schäfchen im Trockenen ist nicht nur autobiografischer Roman, sondern ein Roman im Roman. Resi adressiert in ihrem inneren Monolog meist ihre Tochter Bea oder schreibt E-Mails an die Freunde, die sie dann nicht verschickt, weil voller Selbstzweifel oder zu stolz. Vielleicht ist sie, die „Dichtermaus“, wirklich auch neidisch? Naiv gewesen? Worauf die Selbstbehauptung folgt: „Ich bin, wer ich bin, und werde nicht mehr so tun, als hätte ich dieselben Voraussetzungen wie, sagen wir mal, Martin Walser.“ Ist es Machtmissbrauch und selbstgerecht, dem Juste Milieu so frontal schmerzhaft zuzusetzen? „Linke Leute haben furchtbare Angst vor der Schuld – eben weil sie so sehr für Gerechtigkeit und Rücksichtnahme sind.“

Die Reflexion der sozialen Verhältnisse ist aber auch die einzige Ressource, die Resi ihren Kindern zu bieten hat, Urlaubsreisen oder ein Fjällräven-Rucksack sind nicht drin. „Bea ist vierzehn und gehört initiiert. Aufgeklärt und eingeführt in die Welt der Küchenböden, Arbeitsverteilung, Putzjobs, Lohnkosten, Wohnkosten, Haupt- und Nebenkosten (...), das große Auf- und Abrechnen, monetär wie emotional.“

Drei bis vier Kinder sind heute das Statussymbol der Oberschicht. Aber Resi ist das Kind eines Bauzeichners, das mit dem glücklichen Selbstverständnis aufwuchs, dass nur arm ist, wer Corbusier nicht kennt. Dass Kinder Geld kosten, „weiß man doch“, pflegt Friederike zuletzt immer öfter zu sagen. Es dauert etwas, bis Resi die Selbstgerechtigkeit darin erkennt. Friederike will sagen, dass die richtige Lebensplanung die halbe Miete ist, und vier Kinder kosten Geld, „weiß man doch“. Für das Wohnprojekt fragt sie einfach ihre Eltern oder ihren Mann, den Arzt, „den sie auf Christians Hochzeit kennengelernt hat.“

Nicht im Tennisverein

Es geht um die Klassenfrage, um „Elitenforschung“, um das latent schlechte Gewissen, in einem fancy Wohnprojekt zu leben, das die Eltern aus Süddeutschland mitfinanziert haben. Ist es Zufall, dass ihr Jugendfreund Ulf Schluss gemacht hat? Tennis im Verein spielte sie nicht, auch kein Musikinstrument. Damals war Resi auch zum Ski nicht mitgefahren, obwohl die Freunde gefragt hatten – sie könne doch einfach ein Buch lesen. War es Trotz gewesen? Scham? Hatte sie da noch keine Worte?

Anke Stelling, die mit ihrem Roman Bodentiefe Fenster 2015 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises stand, hat mit Schäfchen im Trockenen eine Art Fortsetzung geschrieben. Aus den etwas erbärmlichen Elternabend-Eltern sind etwas erbärmliche Baugruppen-Eltern geworden, auch Kinderlose sind unter den Arrivierten. Ereignisse sind die Eigentümerversammlung, die Diskussion der Fassadenfarbe, in Resis inkriminierten Artikel wird sie böse als „vanillefarben“ beschrieben.

„Ich erinnere mich noch genau an den Moment, als ich dachte: Fuck! Wenn meine Eltern woanders gewohnt hätten, hätten wir einen anderen Küchenfußboden gehabt.“ Keinen pflegeleichten West-PVC. Was Anke Stelling auch so lesenswert macht, ist das souverän geschlenzte Glossar des Neubürgerlichen; ein Fußboden ist nicht trivial! Später erst fällt auf, dass alles etwas bedeutet hat. Dass die Eltern keine Garage hatten, bedeutete, dass man zur Miete wohnte. Bedeutet, dass man jetzt nicht mal Schäfchen hat und auch kein Geld für die dreifache Miete, wenn Frank dir kündigt. Konnte Resi das wissen? Ist es ihre Schuld? Ins Wohnprojekt hätte sie einsteigen können. Architekt Hilmar hätte ihr das Geld für die Einlage geliehen. Gut, nur für die Wohnung im Erdgeschoss, die man bekanntlich schwer loswird, aber. Stelling schreibt über Freundschaft, wenn Geld plötzlich eine Rolle spielt, typisch deutsch: eine heimliche. Grandios. Kein Happy End.

Info

Schäfchen im Trockenen Anke Stelling Verbrecher Verlag 2018, 300 S., 22 €

Cut, Land und paste

Die Bilder dieser Ausgabe stammen von Künstlerinnenkollektiv Live Wild.

Ein Mix aus Collagen, GIFs, Video und Fotografie ist das, ein wildes Manifest: Das Kollektiv Live Wild will das Erbe der Dadaisten und der Fluxus-Bewegung antreten. Sieben junge Künstlerinnen bilden das Kollektiv, die Gründerin Camille Lévêque sieht Künstlerinnen zu sehr auf feministische Aspekte reduziert. Als hätte Kunst von Frauen keine andere Dimension. Das Kollektiv will mehr, „we are DADA-mad“. Mit dabei: Lila Khosrovian, Anna Hahoutoff, Marguerite Horay und Charlotte Fos, die Armenierin Lucie Khahoutian, die Ukrainerin Ina Lounguine. Sie leben und arbeiten verstreut in Europa, Russland, den USA und Kanada. Sie treffen sich jeden Tag online und auf Instagram. Mehr zur Philosophie auf: www.thelivewildcollective.com

06:00 08.10.2018
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