Das Weniger-Ich

Buchmesse Spezial Das Buch der Stunde: Für Isolde Charim ist die Pluralisierung der Gesellschaft alternativlos

Hier eignet sich was nicht nur als Freund-Feind-Lektüre für rechte und linke Denker, sondern, spinnt man jetzt mal, sogar für ein Gespräch – man muss sich ja dafür nicht auf Gut Schnellroda treffen. Isolde Charims Ich und die Anderen wurde zuerst als Reihe von Essays im Österreichischen Rundfunk ausgestrahlt, jetzt ist daraus ein ungeheuer kluges Buch entstanden. Die fragile Identität – gleichsam die Achillesferse für irgendwie Linke und irgendwo Rechte und im Grunde unser aller Problem – ist Ausgangspunkt ihrer Betrachtungen. Dem Buch stellt die Wiener Philosophin eine Binse voran, nämlich dass wir in einer pluralisierten Gesellschaft leben und es keinen Weg zurück gebe.

Was genau versteht die Autorin unter einer „pluralisierten Gesellschaft“? Und wie lässt sich in ihr miteinander leben, wenn es dazu keine Alternative gibt, auch wenn viele lieber die Uhr zurückstellen würden? Um die Frage zu beantworten, wendet sich Charim zuerst dem „Westen“ vor der Pluralisierung zu, mit seinen ethnisch, religiös und kulturell relativ homogenen Nationen. Diese Einheitlichkeit sei zwar immer schon eine Fiktion gewesen, jedoch eine äußerst funktionsfähige. Dabei redet sie die Bindekraft der Nation nicht klein. Für Charim ist es ein fataler Trugschluss, dass demokratische Politik nicht mit Gefühlen aufgeladen sein soll. Man könne Emotionen nicht per se als totalitär, progressiv, gut oder schlecht etikettieren. Das Ideal müsse ein „emotionaler Konsens“ sein. Was wir gerade erleben, ist aber mehr die Kehrseite.

Der Bewohner der alten Welt war der „nationale Typus“ mit seinem Selbstverständnis von Identität – er lebte (trotz Freud) die Illusion eines halbwegs intakten Ich. Wer sich diesen Typus heute zurückwünsche ohne glaubwürdiges Narrativ, der spalte die Gesellschaft, sagt Charim, das zeige der Brexit oder ein Blick in die Länder mit Rechtsdrift oder zu Pegida. Wer feste „Werte“ einfordere, bestätige im Grunde die Pluralisierung, indem sie sich als Gegenmoderne präsentiere, die, so zitiert sie den Soziologen Ulrich Beck, „auf die Kostüme der Vergangenheit“ zurückgreift.

Nicht nur den noch Konservativen, auch den Linken nützt keine Folklore. Die Pluralisierung verändert: alle. Jeder muss sich heute gegen andere Selbstverständlichkeiten behaupten. „Nationale, religiöse oder geschlechtliche Zeichen, sie alle verlieren ihre Eindeutigkeit.“ Da ist der Konvertit nicht mit dem gleichen Selbstverständnis ein Gläubiger. Und was ist mit den Radikalen und Fundamentalisten? Ist der IS ein Betriebsunfall der Religion? Wie passen Lesben in die AfD? Das pluralisierte Individuum, schreibt Charim, sei nicht mehr Herrscher über volle Zeichen. Es kann sich ihrer bestenfalls prekär ermächtigen, aus Wut über den Bedeutungsverlust, für die Kompensation des „Weniger-Ich“. Die Ermächtigung aber ist nur eine Umcodierung, keine Rückkehr zu festen Werten. Den Konservativismus gibt es tatsächlich nur als postmodernes „Als-ob“. Man denke an Jens Spahn, an das Kopftuch. In Österreich wiederum, erinnert die Autorin, war es Jörg Haider, der diese „feindliche Übernahme der Moderne durch die Tradition im Politischen vorexerziert“ hat. Es entstehen Hybride. Das Brauchtum mit modernem Antlitz signalisiere freilich einen Mangel – und den Wunsch, ihn zu beseitigen. Was aber, fragt Charim, hat die Linke dem „heterosexuellen weißen Mann“ für seinen Statusverlust, für seine kulturelle Entfremdung zu bieten? Bestenfalls einen Macron, Symbolfigur für die neue „Führungsdemokratie“, während der Autoritarismus eines Orbán den Entfremdeten nur „negative Selbstaffirmation“ (Didier Eribon) anbiete – inklusive Faible für den Kampf gegen die PC-Kultur. Charim beleuchtet hier beide Seiten, der „Exzess der PC“ ist eine „linke Abwehr der Pluralisierung“.

Trutzburg der Antimoderne

Charims Buch kann als Ergänzung zu Andreas Reckwitz’ Die Gesellschaft der Singularitäten, mit dem er für den Leipziger Buchpreis nominiert ist, gelesen werden. Reckwitz definiert Kultur, grob gesagt, als (Super-)Markt der Möglichkeiten. Charim zieht den Frontverlauf stärker entlang der vollen und nicht-vollen Zeichen. Sie spricht von einer „Identitätsfront“. Selbst der Osterhase ist so gesehen eine gespaltene Persönlichkeit. Die Frage ist, unter welchen Bedingungen die Menschen ihre plurale Identität, ihr „Weniger-Ich“, annehmen können, ohne dagegen aggressiv zu reagieren. Es hat ja in der Moderne immer wieder Versuche gegeben, das „schwache Subjekt“ (Pier Aldo Rovatti ) stark zu machen, sie erinnerten allerdings eher an akademische Fingerübungen. Jetzt dagegen, das spürt man, trifft Charims Buch ins Herz unserer Gesellschaft. Man müsse sich klarmachen, dass es Konflikte gebe, die einen Moment der „Unversöhnlichkeit“ (Helmut Dubiel) hätten, sagt Isolde Charim. Jedem teilbaren Konflikt liegt ein unteilbarer zugrunde, hier gilt es das Verhandelbare zu finden, denn: Wer nur „auf das Unteilbare zielt, zielt aufs Unversöhnliche“.

Info

Ich und die Anderen – Wie die neue Pluralisierung uns alle verändert Isolde Charim Zsolnay 2018, 224 S., 22 €

Die Bilder des Spezials

Noroc heißt Glück und Gesundheit und ist ein rumänischer Ausdruck, den man verwendet, wenn man jemandem zuprostet oder sich verabschiedet. „Noroc!“, viel mehr Kommunikation fand manchmal nicht statt zwischen dem 1984 in Brüssel geborenen Fotografen Cedric Van Turtelboom und seinen Protagonisten. Noroc ist der Titel seiner Fotoserie aus Rumänien. Das Motto: sich immer bei einem Einheimischen einzuquartieren. Van Turtelboom nähert sich mit absurdem Humor einem bizarren Land und lässt uns irgendwo zwischen Dokumentation und Wintermärchen zurück, besser gesagt: mitreisen.

Der Bildband ist in limitierter Auflage erschienen und kann über cedricvanturtelboom.com bezogen werden. Noroc, 86 Seiten, 170 x 224 mm, 30 €

06:00 15.03.2018
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