Der deutsche Julian Barnes

Porträt Mit seinem neuen Roman „Gesichter“ hat sich Andreas Schäfer als scharfer Beobachter bürgerlicher Zustände etabliert
Katharina Schmitz | Ausgabe 36/2013 3
Der deutsche Julian Barnes
So sehen Schriftsteller aus, die in Berlin-Steglitz leben, einen alten Citroën fahren und für die amerikanischen Realisten schwärmen

Foto: Mirella Weingarten

Fischgrätparkett, gerahmte Kunst, Klavier – diese Altbauwohnung kommt einem gleich vertraut vor. Bürgerlich selbstbewusst und lässig unperfekt. Nur in den Details sind Eigenwilligkeiten zu erkennen, den selbstgemalten Kalender aus den siebziger Jahren, der am Eingang hängt, zum Beispiel. Auch jede glückliche Familie ähnelt sich eben, seit Tolstoi hat sich daran nichts geändert, hier haben wir es mit dem Typus „urbane Kleinfamilie“ zu tun. Rechts von der Küche das großzügige Arbeitszimmer, in dem der Schriftsteller täglich drei Stunden sitzt, wenn er an einem Roman schreibt, gerade ist sein dritter mit dem Titel Gesichter bei Dumont erschienen.

Andreas Schäfer ist Jahrgang 1969, seine attraktive Frau Mirella, die Bühnenbildnerin und Regisseurin, Mitte, Ende 30. Und so vor dem Espresso am langen Holztisch in der Küche sitzend, denkt man – dies freilich ohne Anspruch auf Originalität: Egal, wie sehr das Leben bisher bohème war und wie groß die Ideale, es kommt der Zeitpunkt, da fängt man an, diesen verbürgerlichten Lebensstil zu schätzen und auch ein wenig zu beneiden. Das fängt beim sonst unverdächtigen Journalistenfreund an. Er sammelt die Treueherzen von Kaiser’s, damit er das „exklusive Messerset“ einmal dem Kind vererben kann. So auch bei Andreas Schäfer. Mit einem Kind ändert sich die Perspektive, seine Tochter Ava ist fünf Jahre alt.

Das lebende Understatement

Der Schriftsteller holte mich mit einem alten dunkelblauen Citroën C5 ab, die elektrischen Fensterheber funktionieren nicht mehr richtig. Der Citroën stammt aus der Kreuzberger Zeit, bevor es die Familie in den gutbürgerlichen Westberliner Stadtteil Steglitz zog. Darf man sagen, er ist ein Relikt des Nonkonformismus? Jedenfalls kann man sich gut vorstellen, dass die Figur Yann aus Schäfers neuem Roman so einen Kombi besitzt. Als Arzt an der Berliner Charité könnte er sich etwas Repräsentativeres leisten, aber Yann ist das lebende Understatement, fast schon ein Angeber in dieser Disziplin. Unbesorgt, charmant.

Mit Yann zeichnet Schäfer den notorischen Lebenskünstler, dem alles zufällt, eine Eigenschaft, um die ihn der alte Freund Gabor stark beneidet. Gabors Karriere an der Charité ist zwar steil, er soll demnächst auf eine Professorenstelle berufen werden, allerdings ist dem Neurologen nie etwas zugefallen, alles musste hart erarbeitet werden. Nun steht der Lohn dieser Arbeit auf dem Spiel. Im Urlaub auf Griechenland flaniert Gabor am Hafen und träumt von der Zukunft. Da entdeckt er einen Flüchtling, der sich auf einem Boot versteckt und seine sichere Existenz bedrohen wird. „Das ist eigentlich die Initialsituation für den Roman“, sagt Schäfer. Gabor will dem Flüchtling helfen, aber nicht aus reinem Altruismus. Er „kickt sich noch einmal ein bisschen“ vor der Professur.

Das Gefühl erhabener Überlegenheit zeigt sich in diesem Moment in seiner ganzen Hässlichkeit, schlimmer, als wenn einer über den eigenen Witz laut lacht und unendlich viel weitreichender. Stück für Stück legt Schäfer in diesem psychologisch großartig ausgeführten Roman den mürben Kern der bürgerlichen Selbstgewissheit frei. Der Fremde gerät zur subtilen Bedrohung, die bis in den Berliner Vorgarten reicht.

Auch in Schäfers zweitem Roman Wir vier war etwas Entsetzliches geschehen: Ein Kind fällt einem Verbrechen zum Opfer, die Familie zerbricht darüber, zumindest ist mit dem Schweigen der Abgrund immer greifbar. In Klagenfurt scheiterte Schäfer mit Wir vier vor den Juroren, beim Publikum nicht. „Genau, dicht und berührend“ urteilte beispielsweise die taz.

Ford, Fox, Don DeLillo

Vielleicht kann man Andreas Schäfers Literatur so beschreiben: Er versetzt den amerikanischen Realismus in die Geografie der deutschen (Neo-)Bürgerlichkeit, zum Beispiel an den Berliner Stadtrand. Schäfer, der auch als freier Publizist und Kritiker für Hörfunk, Magazine und Zeitungen schreibt, ist ein großer Verehrer von Autoren wie Richard Ford, Paula Fox, Don DeLillo. Die amerikanische Vorstadt sei ja Hölle und Paradies zugleich, sagt er. Und der Abgrund einer Durchschnittsfamilie misst da und dort ungefähr gleich viel. Ein bisschen wächst Andreas Schäfer mit seinen Romanen auch so langsam in eine Rolle, wie sie Julian Barnes für die Briten innehat, also ein präziser Beobachter der Mitte der Gesellschaft zu sein.

„Mein Papa ist halber Grieche und ganzer Deutscher“, soll die Tochter kürzlich gesagt haben. Das kann natürlich schon rein rechnerisch nicht stimmen, aber hinter dieser arglosen Bemerkung steckt sehr viel mehr – jedenfalls für Andreas Schäfer, der ja tatsächlich halber Grieche ist. Er wurde in Hamburg geboren, wuchs behütet in Frankfurt auf, die Mutter Griechin, der Vater Deutscher. Ohne es freilich zu wissen, hatte die Tochter die leidige Frage der Identität neu aufgeworfen, die jetzt mit der Vaterrolle ohnehin – wenn auch anders – im Raum steht, und wo die (Groß-)Eltern alt werden, erst recht verhandelt wird.

Die Frage wurde aber auch in Schäfers Literatur, auch in seiner, ist man versucht zu sagen, schon früh aufgeworfen; sie war existenziell in seinem viel gelobten Debüt Auf dem Weg nach Messara von 2002. Bis dahin hatte er sich noch an Handke und Bernhard abgearbeitet, hatte, wie er sagt, zwar unermüdlich den Alltag protokolliert, aber das Schreiben eigentlich nur imitiert. Zwei, drei Romane blieben so Fragment. Bis sich 1998 mit einem Mal die Schleusen öffneten. Ob es die Reise nach Thailand ins Kloster war oder die griechische Beerdigung, an der er teilgenommen hatte – er weiß es nicht und möchte seinen Weg jetzt nicht mit aufgesetzten Mythen säumen. „Nein, nein“, vielleicht war es auch keine wirkliche Epiphanie, fällt er sich selbst ins Wort, „damals in Frankfurt auf der Zeil“, als er diese ganzen irrsinnig geschäftigen Menschen beobachtet hatte.

Mit dem Tod des Großvaters und einer Beerdigung jedenfalls beginnt sein viel beachtetes Debüt, und beim Lesen denkt man, wie schade es doch ist, dass diese wunderbare Geschichte vom Halbgriechen Marco, der auf dieser Reise nach Messara viel über sich und seine Wurzeln herausfindet, längst aus dem Handel verschwunden ist. Schade auch deshalb, weil es Schäfer hier mitreißend gelingt, die griechische Gesellschaft und ihre Befindlichkeiten und Sonderbarkeiten so zu beschreiben, dass seine feine Charakteristik nie anmaßend, nie beleidigend daherkommt.

Schäfer beschreibt das Land und seine Menschen mit großer Poesie und gleichzeitig entwaffnend ungeschönt. Wer die Griechenlandkrise etwas besser verstehen möchte: Auf dem Weg nach Messara hat zwölf Jahre nach seinem Erscheinen eine große Aktualität behalten.

Dass sich in Griechenland nie ein starkes Bürgergefühl entwickelt hat; das ist es, was er heute über diese Krise denkt. Es sei ja geradezu verpönt gewesen, Steuern zu zahlen. Das wäre so, als würde man sich selbst verarschen. Das natürliche Gefühl der Griechen sei geprägt vom Misstrauen. Nur auf die Familie sei Verlass, oder sie werde zum Fluch, wenn man sich mit ihr überwirft. Dann dieser Fatalismus. Schäfer selbst bemerkt jedes Mal, wie der Fatalismus in Griechenland sofort die Regie in seinem Gefühlsleben übernimmt. Erst sauge einen das Chaotische und Aggressive in Athen auf, aber sobald man auf einer Insel lande, komme die Gelassenheit zurück. Ein bisschen, sagt Schäfer, fühle er sich heute wie ein enttäuschter Liebhaber. Er hat sich ein wenig abgewendet von diesem Land, was ihm, dem Halbgriechen, natürlich nie ganz gelingen wird. Und da ist ja auch die Tochter, die Fragen stellt.

Wie Marco im Roman war Schäfer tatsächlich ein Jahr in Griechenland geblieben. Sein Debüt hatte etwas in ihm ausgelöst. Mit seinem dritten Roman kehrt nun das unbestimmte Gefühl einer Zäsur zurück. Schäfer fühlt sich im Augenblick wieder so, als müsse sich etwas entscheiden. Das Schreiben ist seine Existenz, aber bleibt sie es? Andreas Schäfer will vom Romane-Schreiben leben können, das ist sein Anspruch, vielleicht so im Citroën-5-Stil, vielleicht etwas besser abgefedert. In seiner Literatur schwingt die Sehnsucht nach dem gutbürgerlichen Leben mit und die lakonische Ahnung, ja Gewissheit, wie unperfekt, brüchig auch hier das Leben ist. Könnte aber auch sein, dass der „Sporteffekt“ eintritt, wie Schäfer orakelt, dass sich also 80 Prozent der Gedanken, die ihn vor der Veröffentlichung von Gesichter umtreiben, gar nicht mehr weiter beschäftigen werden, wenn das Buch nun seinen Weg durch die Öffentlichkeit nimmt. Weil ja sowieso schon wieder, in diesem Augenblick, neuer Stoff auf ihn zukommt. Er muss dafür nicht weit reisen, ist reichlich davon da, sobald man in Steglitz nach draußen tritt.

Gesichter. Roman Andreas Schäfer Dumont Buchverlag 2013, 252 S., 19,99 € Katharina Schmitz verantwortet für den Freitag auch das Krimi-Spezial

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06:00 19.09.2013
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